Filmtipp

Ihr da oben, wir da unten

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Parasite“ von Bong Joon Ho

„Parasite“ von Bong Joon Ho

Glaspaläste und Reichtum, Kellerunterkünfte und Armut. Südkorea, ein Land sozialer Gegensätze und wirtschaftlicher Polarisierung. Bong Joon Ho nimmt diese Verhältnisse als Ausgangspunkt für eine bitterböse Satire mit schwarzem Humor und einer genau dosierten Prise Horror.

Das von Bernd Engelmann und Günter Wallraff 1973 verkündete Postulat „Ihr da oben, wir da unten“ über die bundesdeutsche Gesellschaft trifft im Seoul von heute in noch viel größerer Trennschärfe zu. Hier zeigt sich die soziale Kluft allein schon in der Wohnsituation zweier vierköpfiger Familien, jeweils Vater, Mutter, Sohn, Tochter. Familie Ki haust in einem versifften Souterrainloch, vor dessen Fenstern besoffene Typen ihr Wasser lassen, und das sich bei jedem Regen in eine Kloake verwandelt. Ganz anders bei der urbanen Oberschicht-Familie Park in ihrer schicken Villa hoch über der Stadt. Regen bedeutet für sie frische Luft und ein paar Tropfen am Fenster.

Durch die Vermittlung eines Freundes kriegt der Sohn der Kis, der keinerlei Ausbildung hat, einen Traumjob als Englisch-Nachhilfe-Lehrer für das Töchterchen der Parks. Dabei bleibt es aber nicht. Nach und nach schleichen sich die Kis in das Leben der Parks. Die Tochter kümmert sich als „Kunsttherapeutin“ um den psychisch labilen Sohn und faselt von Traumata, Muttern werkelt bald als Haushälterin in der chromglänzenden Küche und Väterchen kutschiert den Herrn des Hauses durch die Gegend. Das geht gut. Bis der ungewohnte Luxus den Verlierern allzu sehr zu gefallen beginnt.

Absurdes Theater vom Feinsten läuft hier ab, meist fast kammerspielartig inszeniert im modernen Haus. Was über weite Strecken komisch wirkt und ein wenig am Gesellschaftsmodell kratzt, kippt dann irgendwann. Vorbei das nette Parallel-Leben. Bei Bong Joon Ho darf man nicht mit festen Genre-Grenzen rechnen, man muss sich auf verrätselte Metaphern einstellen, auch auf brutale Ausfälle mit Comic-Charakter. Die scheinbar zufällig aneinander gereihten Situationen erzählen bewusst eine Geschichte ohne Lösungsansätze, ohne klares Gut oder Böse, ohne Schwarz-Weiß-Zeichnungen, auch wenn die Sympathien ganz klar bei den Underdogs liegen.

Die sind gewitzt und dreist, nehmen sich, was sie brauchen, während die kultivierten Parks eigentlich ganz freundlich sind. Ja sogar unaufgefordert Gehaltserhöhung rausrücken, ansonsten aber wie in einem Kokon leben, ohne Ahnung von Ungerechtigkeit und Ungleichheit, nur über den „Geruch“ ihrer neuen Angestellten die Nase rümpfen.

Der Genremix erzählt, visuell brillant, davon, wie ganz gewöhnliche Menschen durch Zwang und Druck in eine parasitäre Beziehung gedrängt werden, sich beim Aufeinandertreffen der Klassen nach und nach unüberbrückbare Abgründe auftun. Kollision statt Koexistenz.

Bong nennt sein Werk „eine Komödie ohne Clowns und eine Tragödie ohne Bösewichte“ und offenbart die Risse in einer nur oberflächlich befriedeten Gesellschaft. Manchmal drängt sich ein Vergleich mit „Funny Games“ auf – nur ohne die elegante Eiseskälte von Michael Haneke. Beißend-unterhaltende Kapitalismuskritik mit überraschenden Twists. Die „Goldene Palme“ in Cannes: mehr als verdient.

Autorin: Margret Köhler

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