Filmtipp

Im Walde Entzücken!

Peter Wohlleben bei Protestaktionen im Hambacher Forst

„Das geheime Leben der Bäume“ von Jörg Adolp

Kleine Referenz ans Beethoven-Jahr: Während der Arbeit an der Pastoral-Sinfonie notierte der von beginnender Taubheit geplagte Maestro in sein Tagebuch: „Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche auf dem Lande: heilig, heilig! Im Walde Entzücken! Wer kann alles ausdrücken?“

Hat der unglaubliche Erfolg, den Peter Wohlleben mit seinem 2015 publizierten Buch „Das geheime Leben der Bäume“ verzeichnet (37. Auflage in Deutschland, übersetzt in 40 Sprachen), nicht auch damit zu tun, dass uns der Wald schon seit Kindertagen märchenhaft verlockend und als inniger Sehnsuchtsort gegenwärtig ist? Bei seiner wunderbar gelungenen filmischen Übersetzung von Wohllebens Buch bringt Jörg Adolph das Wald-Faszinosum geschickt ins Spiel. Aus immer neuen Perspektiven nähert er sich dem zentralen Anliegen, das seinen Protagonisten, Deutschlands berühmtesten Förster, schon seit vielen Jahren umtreibt: Wie kann man einer auf maximale Rendite fixierten Holzindustrie mit ihren trostlosen, von Bulldozern „abgeernteten“ Baumplantagen Einhalt gebieten, um Raum für den naturnahen Wald, in dem die Bäume aufatmen können, zu schaffen?

Adolph verwebt drei Elemente: das persönliche Portrait, spektakuläre Naturaufnahmen und die Diskussion politischer Fragen, bleibt dabei jedoch immer seinem cinema-direct-Stil treu, das heißt, er verzichtet auf Kommentar und Erklär-Interviews. Über ein Jahr hinweg hat er Wohlleben begleitet (Kamera: Daniel Schönauer) und schildert zuerst den Medientrubel um den erfolgreichen, in Talkshows herumgereichten Sachbuchautor, kommt dann aber rasch zur Sache, wenn Wohlleben Naturschutzgruppen in Polen besucht, den Demonstranten im Hambacher Forst Mut zuspricht, sich ein indigenes Waldprojekt in Vancouver erklären lässt, und sich gegen den Vorwurf, Bäume unstatthaft zu „vermenschlichen“, wehrt.

Als visuelle Highlights werden immer wieder, parallel zu Buchzitaten, Naturaufnahmen (Kamera: Jan Haft) eingefügt, die den Wald-Kosmos in faszinierenden Capriccios präsentieren. Besonders schön: wenn sich ein Vogel Nimmersatt jede Menge Eicheln in den Hals stopft, oder wenn per Zeitraffer das Wachstum eines Pilzes grandios wie das plötzliche Aufspannen eines riesigen, knallroten Schirms erscheint. In ihrer Sensibilität treffen sich der Filmemacher und der Förster darin, besondere Antennen für schöpferische Prozesse, für lebendiges Gestaltwerden zu haben.

Jörg Adolph, Jahrgang 1967, hat das in vielfach prämierten Dokumentationen – etwa über die Entstehung eines Notwist-Albums („On/Off the Record“) oder eines Oberammergauer Passionsspiels („Die große Passion“) – eindrucksvoll bezeugt. Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, verfügt über das Charisma eines freundlichen, sympathischen Lehrers, dem es nicht um Unterweisungspädagogik geht, sondern um das Hervorlocken von Staunen und Neugierde.

Er öffnet uns die Augen für die Wunder der Natur. „Naturschutz“, sagte er, „heißt nicht, dass wir die Natur schützen - sie benötigt unseren Schutz nicht – es heißt, dass wir uns schützen!”

Autor: Rainer Gansera

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