Filmfest

Filmfest München - Filmocalypse Wow

Das Festivalzentrum am Gasteig

Rund 180 Filme aus 62 Ländern, darunter 118 Deutschlandpremieren und 48 Weltpremieren – die Zahlen zum 37. Filmfest München, das vom 27. Juni bis zum 6. Juli stattfindet.

Ein Fixpunkt im Kulturleben, Pflichttermin für Filmfans, Partygeher und Adabeis. Der Gasteig als Nabel der Veranstaltung, allabendlich ist hier Sehen und Gesehen werden angesagt. Ab 22 Uhr kostenloses OpenAir-Kino, heuer unter dem Motto „Minga, Baby!“.

Schwabing revisited: ZUR SACHE, SCHÄTZCHEN

Also Schwabing-Hommage mit Zur Sache, Schätzchen, Helmut Dietls Schickimicki-Klassiker Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schliefoder die Eisbach-Dokumentation Keep Surfing. Nicht sonderlich originell oder neu, mit einem kühlen Bier in der Hand aber gute Unterhaltung.Der letztes Jahr angekündigte Wandel ist laut Festival-Leiterin Diana Iljine in vollem Gang, wie schon die VirtualReality-Ausstellung beweist, mit der „wir neue Wege einschlagen und in die Zukunft blicken können.“ Und es kommen, zu den gerade mal 14 Preisen bisher, weitere Preise hinzu. Neben dem CineCoPro Award, der Margot Hielscher Preis für eine herausragende Künstlerpersönlichkeit – geehrt wird der Franzose Louis Garrel, Regisseur und Schauspieler –, werden die Starter-Filmpreise und der Kinoprogrammpreis jetzt beim Filmfest vergeben. Alles sehr ehrenwert, aber vielleicht sollte man zunächst das Programm entschlacken, die zig Reihen überdenken und für klarere Strukturen sorgen. Die Filmfestspiele von Venedig machen es vor.

Martin Sheen im Angesicht des Horrors: APOCALYPSE NOW

Eröffnet wird mit The Art of SelfDefense. Ein schüchterner Buchhalter (Jesse Eisenberg) tritt, nachdem ihn eine Biker-Gang überfallen hat, einem Dōjō bei, lässt sich in japanischer Kampfkunst unterrichten und lernt, was einen richtigen Mann ausmacht... Vom Weichling zum „richtigen“ Kerl, eine etwas andere Initiationsgeschichte, umgesetzt als hintersinnige Komödie.

Nur harte Militärs gibt’s bei Francis Ford Coppola. Der hat, zum 40-jährigen Jubiläum, sein Meisterwerk Apocalypse Now wieder mal umgeschnitten, zum vorgeblichen Final Cut. Drei Stunden bestes New Hollywood. 300.000 Einzelbilder wurden bereinigt, die Audiospur restauriert. Robert Duvall liebt den Geruch von Napalm am Morgen, gesurft und aus allen Rohren geschossen wird zu Wagners „Walkürenritt“, „der Horror, der Horror“ murmelt Glatzkopf Marlon Brando final – was Jim Morrison bereits in der ersten Sequenz vorweggenommen hat: „This is the end, beautiful friend.“ Das Highlight. Der Muss-Film. Nicht zuletzt wegen des grandiosen Soundtracks mit Hits wie „Surfin’ Safari” oder „Satisfaction” von den Stones.

Eine Übersicht aller öffentlichen Filmfest-Partys findet Ihr hier!

Die Lokalmatadoren sind in Spider Murphy Gang – Glory Days of Rock’n’Roll zu hören, während Thomas Schwendemann in Wer 4 sind die Fantastischen 4 rappen lässt und Stanley Nelson in Miles Davis: Birth of the Cool den wohl innovativsten Jazzer des 20. Jahrhunderts, eine komplexe, überaus schwierige Persönlichkeit, porträtiert. Was nicht nur an dessen Drogenexzessen und den damit einhergehenden Depressionen lag, sondern auch den Tücken des Business, thematisiert von Sabrina Sarabi in Prélude – mit einem Gegenentwurf von Dror Zahavi, der in Crescendo – #makemusicnotwar die vereinende Kraft der Noten beschwört.

Meister mit Horn: MILES DAVIS: BIRTH OF THE COOL

Eine gute Möglichkeit sich von Stil und Sujet eines Regisseurs einen Eindruck zu machen, bieten Retrospektiven, die 2019 Bong Joon-ho und Mads Brügger gewidmet sind, beiden gemeinsam ist, dass sie Anspruch und Unterhaltung vereinen. Vom Südkoreaner stehen u.a. dessen schwarzhumoriger, soziale Ungleichheit anprangender Cannes-Gewinner Parasite auf dem Programm, der Endzeit-Actioner Snowpiercer mit Tilda Swinton, der (Gesellschafts-) Krimi Memories of Murder und der Thriller Mother, in dem eine Witwe alles daransetzt, um die Unschuld ihres Sohnes, der des Mordes an einer Schülerin verdächtigt wird, zu beweisen. Mit dem Dänen, ein „Agent provocateur des Kinos“, kann man in Die Rote Kapelle nach Nordkorea reisen, auf Enthüllungstour, die als Kulturaustausch getarnt ist, oder in The Ambassadorden als liberianischem Honorarkonsul getarnten Filmemacher begleiten, der in seinem satirischen Dokumentarfilm versucht, in der Zentralafrikanischen Republik in den lukrativen Handel mit Blutdiamanten einzusteigen. Beides lebensgefährliche Unterfangen.

Goldene Palme 2019: PARASITE

Für Glitzer und Glamour, für StarPower auf dem Roten Teppich sorgen die diesjährigen CineMerit-Award-Empfänger Antonio Banderas und Ralph Fiennes, unterschiedlich konnotierte Mimen. In die „Latin Lover“-Schublade wird der Spanier gerne gesteckt – nicht von ungefähr ziert er das Cover des FilmfestMagazins –, versiert im Nah- wie im Bettkampf, siehe Die Maske des Zorro, seinen Ché in Evita oder El Mariachi in Desperado. Dass er aber auch differenziert, jenseits aller Körperlichkeit zu agieren versteht, beweist der Ex von Melanie Griffith in Fessle mich! bzw. Leid und Herrlichkeit von Pedro Almodóvar, wo er als Alter Ego der Regie-Legende besticht – an der Côte d’Azur soeben mit dem Preis als bester Darsteller bedacht. Der Engländer, zweimal Oscar nominiert, steht hingegen für typisch britisches Understatement, für leise Töne, vor und hinter der Kamera. Shakespeare-erfahren freilich, zu überprüfen in seiner modernisierten Version von Coriolanus, unsterblich als Anthony Minghellas Der englische Patient oder jetzt als Leningrader Ballettmeister Alexander Puschkin in Nurejew – The White Crow, (s)ein subtiles Künstlerporträt über die sowjetische Tanzlegende, die sich aus dem Käfig ihrer kommunistischen Heimat befreite.

Klassenkampf mit Mike Leigh: PETERLOO

Kämpferisches Polit-Kino liefert einmal mehr der unverwüstliche Mike Leigh in Peterloo, ans Massaker auf dem St. Peter’s Field im August 1819 erinnert er. Eine friedliche Demonstration Werktätiger aus Manchester wurde da von britischen Truppen blutig niedergeschlagen. Heutige Übergriffe in Roberto Minervinis What You Gonna Do When the World’s on Fire, weiße Polizisten prügeln auf (junge) Afroamerikaner ein – dazu passt perfekt die vom US-amerikanischen Filmemacher, Kameramann und Multimedia-Maestro Arthur Jafa, gerade auf der Kunst-Biennale mit dem Goldenen Löwen belohnt, kuratierte Reihe „A Peculiar Vantage: A Selection of Black Cinema“ mit Meilensteinen wie Melvin Van Peebles’ Sweet Sweetback’s Baadasssss Song, Haile Gerimas Ashes and Embersoder Ed Blands The Cry of Jazz.

Natürlich wurde im Zuge der Gleichstellungsdebatte auf die Filmemacher*Innen nicht vergessen. Um die entsprechende Ungleichheit geht’s in der Coming-of-Age-Story Une fille facile von Rebecca Zlotowski, als poetische Romanze gefällt Mein Ende. Dein Anfang von Mariko Minoguchi, die Berlinerin Katharina Mihm beunruhigt mit der dystopischen Fabel Mär und im Abschlussfilm Late Night – Die Show ihres Lebens von Nisha Ganatra („Transparent“) muss sich TV-Talkerin Katherine, brillant verkörpert von der stets wunderbaren Emma Thompson, gegen den Vorwurf wehren, eine „Frauenhasserin“ zu sein.

Viele weiter Informationen findet Ihr auf www.filmfest-muenchen.de

Autor: Gebhard Hölzl

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