Ortsgespräch

Filmfest-Chefin Diana Iljine im Interview: „Beinhart wie Schweden und Isländer“

Empfiehlt fürs Fest flache Schuhe, einen leichten Schal und viel Neugier: Diana Iljine.
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Empfiehlt fürs Fest flache Schuhe, einen leichten Schal und viel Neugier: Diana Iljine.

Noch sommerlicher, noch aufregender: Diana Iljine und das Filmfest-Team feiern vom 1. bis 10. Juli das ganz große Kino-Comeback für München. Jetzt Tickets sichern!

Frau Iljine, wie lange haben Sie zuletzt mit Ihrem Team Anti-Regen-Tänze geübt und welche können Sie für den privaten Veranstalter von Gartenfeiern jetzt quasi für den Hausgebrauch empfehlen?
Ich liebe Regen und Tänze im Regen. Für private Gartenfeiern empfehle ich eine Markise oder Segel zum Unterstellen, aber so viele Abdeckungen in der ganzen Stadt können wir als Filmfest nicht aufstellen. Dafür kann man im dunklen Kinosaal den einen oder anderen Film genießen. Aber nun im Ernst: In Zeiten der Pandemie ist es logisch, sich vor allem auf Open-Air zu konzentrieren. Regen kann jeden treffen, der draußen etwas plant. Als Filmfest verlassen uns auf die Aussagen unserer sehr etablierten Partner: Solange es nicht stürmt, wird die Bude voll.

Hand aufs Herz: Wie groß war die Anspannung der vergangenen Monate, bis sich die Anspannung mit den zuletzt doch erfreulicherweise ziemlich deutlich gesunkenen Inzidenzen langsam legte?
Kultur zu planen in diesen Zeiten ist eine Herkulesaufgabe. Das auch noch vornehmlich aus dem Homeoffice. Das teilen wir mit vielen unsere Kolleg:innen aus anderen Kulturinstitutionen. Jeden Tag neue Nachrichten, neue Pläne… Aber es geht ja alles in eine gute Richtung. Jedoch hört es ja nicht auf: Bis zum Filmfest kann sich täglich noch etwas ändern und jedem Einzelnen in meinem Team verleihe ich eine Medaille für Flexibilität, Selbstmotivation und positives Denken.

Natürlich steht das Filmfest mit den enormen Herausforderungen, das oft fast völlig Unwägbare zu organisieren, zuletzt nicht unter den vielen gelegentlich ziemlich verzweifelnden Veranstaltern und Kulturermöglichern nicht allein da. Aber woher haben Sie Ihre Energie genommen, um im Durcheinander-Dauerzustand nicht zu über-, wenn nicht sogar durchzudrehen?
Das Team beim Filmfest ist klasse. Es trägt mich, und ich trage mein Team. Auch Humor hilft: In einzelnen Momenten waren wir manchmal sprachlos, verzweifelt und erschöpft, so dass wir alle einfach nur noch loslachen mussten.

Positiv gedreht kann man ja vielleicht sagen, dass das meist verlässlich wunderschöne Sommerwetter immer schon zur Filmfest-DNA gehört hat. Um wie viel leicht dürfte jetzt den früher oft zwischen Freiluft-Empfängen, Biergärten-Verlockungen und den Kinos hin und her gerissenen Kinofans die Entscheidung mit den tollen Open-Air-Spielstätten leichter fallen?
Ja, Sommer-Sonne-München gehören zum Filmfest-DNA. Es ist meist gutes Wetter. Da haben Sie Recht. Wir haben früh angefangen, Open-Air zu planen, und hofften die Kinos hinzunehmen zu können, falls es geht. Da stehen die Zeichen nun ja sehr gut, und es wird auch viele Kinovorstellungen geben. Die Menschen und die Branche haben Lust, sich zu versammeln, und Open-Air und Kulturgenuss lassen sich beim Filmfest aufs Beste verbinden. Wir werden keine roten Teppiche haben und nicht tanzen, aber ein tolles Filmprogramm gibt es allemal. 

Musik- oder Kabarett-Openairs hatten in München zuletzt notgedrungen ja schon fast so etwas wie eine Vorreiterrolle und in der Regel sehr gute Erfahrungen gemacht. Wie stolz macht es Sie, wenn Sie sehen, wie wetterfest und ausdauernd viele Münchner zuletzt waren, die auf Freiluft-Kultur auf gar keinen Fall verzichten wollten?
Das ist einfach klasse und macht einen stolz. Hier sind wir so beinhart wie normalerweise nur die Schweden und Isländer. München war immer schon so: Bei den ersten klitzekleinen Sonnenstrahlen sitzen die Leute im Straßencafé auf der Leopoldstrasse, wenn es sein muss mit Decken. Das liebe ich an München.

Früher durfte für den Filmfestbesuch ja die Sonnenbrille auf keinen Fall fehlen. Was ist für dieses Jahr – auch mit Blick auf die Open-Air-Kinos – für Sie der wichtigste Accessoire-Tipp?
Flache Schuhe und einen warmen Pashmina oder Anorak für den Heimweg, wenn es später kühler wird.

In der Film-Branche war die Verunsicherung groß. Wie wichtig ist der Vertrauensbeweis, dass die Leute offenbar das Kino-Erlebnis nicht vergessen und oft so stark vermisst haben, dass jetzt der Run auf die wiederöffneten Leinwände groß ist?
Wir konnten erfreulicherweise in letzter Minute in unsere fast fertige Programmplanung die Kinos einbinden. Ich hoffe so sehr, dass die Leute sich von ihrer Couch erheben und ins Kino gehen. Da sich die pandemische Situation momentan ständig verbessert, hoffen wir, dass viele Tickets für die Vorstellungen verkauft werden. Man sollte auch tagesaktuell schauen, ob es weitere Kontingente gibt, denn sobald die Kinos mehr Leute reinlassen dürfen, werden sie das natürlich tun.

Wie sind Sie eigentlich als Film-Abhängige selbst über die vergangenen Monate gekommen: Wie viele Streaming-Dienste mussten sie komplett leer schauen?
Zu Beginn der Pandemie habe ich viel gestreamt und auch bis jetzt online Festivals und Events besucht. Aber ich spüre auch die sogenannte „Digital Fatigue“. Hinzu kommt, dass wir im Filmteam ohnehin übers Jahr sehr viele Filme sichten. Die Live-Festivals haben gefehlt. Um so mehr freuen wir uns auf die Begegnung beim diesjährigen Filmfest München. Wir sind der Local Hero, und für Publikum aber auch die deutsche Branche sind wir dieses Jahr die erste Möglichkeit, endlich wieder live zusammen zu kommen.

Das „Kaiserschmarrndrama“ ist ja fast schon der James-Bond-Hit, der im Hau-Ruck-Verfahren die zumindest süddeutsche Kinowelt wieder zurück in die Angeln heben soll. Wie erklären Sie sich eigentlich die ungebrochene enorme Faszination für die skurrile Eberhofer-Welt?
Auch für jemand, der nicht ausschließlich bayerisch tickt wie ich: Man kann nicht umhin diese Figuren zu lieben. Der skurrile Humor der Eberhofer-Krimis und die Schauspieler allesamt sind einfach der Hammer.

Zuletzt war ja immer wieder zu hören, dass entweder gar nicht so viel produziert wurde oder Filme aus welchen Gründen auch immer wieder zurückgehalten wurden: Um wie viel nervenaufreibender war das Programmgestalten in diesem Jahr, in dem laut Ihrem Motto vieles „ein wenig anders“ lief?
Im Gegenteil: Es waren viele Filme im Angebot, und die Auswahl war schwierig, weil wir durch das Openair-Konzept ein konzentrierteres Programm spielen. Manchmal auch schmerzhaft, weil wir den einen oder anderen Film absagen mussten, den wir in anderen Jahren nach München hätten bringen können. Das Openair-Konzept als Backbone und damit einhergehend die Konzentration des Programms waren aber nötig, damit wir überhaupt stattfinden können, das muss man immer bedenken. Es konnte ja niemand im Frühjahr verlässlich sagen, was Anfang Juli möglich sein würde.

Kompliment zum Durchhalten und viel Glück für ein gelungenes Fest: Was ist denn eigentlich für Sie jetzt schon der Moment, auf den Sie sich am meisten freuen?
Es gibt dieses Jahr viele erste Male… Ich freue mich besonders über das Filmfest in der ganzen Stadt. Also neue Spielstätten zu besuchen und auch auf einige Gäste. Dass tolle Frauen wie Senta Berger, Malgorzata Szumowska und Franka Potente kommen, das gehört auch zu meinen Highlights.

Wie gut können Sie nach all den Vorbereitungsstrapazen und der Anspannung, ob alles auch tatsächlich so klappt, die Tage privat auch tatsächlich noch genießen?
Das Filmfest ist ein Großevent, und kurz davor die Tage privat zu genießen, ist kaum möglich. Aber immer wieder gibt es im Team und während des Filmfests wunderbare Momente, und danach atmet man wieder durch. 

Was muss bei Ihnen eigentlich zusammenkommen, damit sich so ein magischer Filmfest-Moment einstellt?
Davon gibt es viele! Ob Sie es glauben oder nicht: Im Dunkeln auf eine große Kinoleinwand zu schauen, das ist für mich immer und zwar bis heute ein magischer Moment an und für sich. Dann gibt es die unerwarteten Zusammentreffen von Menschen und positiven Energien. Dafür liefern wir die Strukturen und Gefäße durch unsere Arbeit und unserer Liebe zum Film. Wenn das dann aufgeht, ist es magisch! 

Letzte Frage: Natürlich muss man als Chefin ja über den Dingen und unparteiisch bleiben. Aber unseren treuen Filmfest-Fans können Sie es ja doch verraten: Was ist der Geheimtipp, den bisher vielleicht noch nicht jeder auf dem Zettel hat – aber über den danach dann wieder alle reden?
Ich kann nicht. Ganz ehrlich. Wir haben ein so fantastisch kuratiertes Programm. Alle Filme sind Weltpremieren, Europapremieren und mindestens Deutschland-Premieren. Ich habe ein Faible für fast jeden einzelnen Film. Mein Geheimtipp: Einfach ein Ticket kaufen! Egal für welchen Film: Es wird garantiert ein interessanter Abend und ganz oft – da bin ich mir sicher – ein toller und besonderer Abend an den Sie sich noch lange gerne erinnern.

Tickets, Programm, Locations – und einfach alles, was man wissen muss: www.filmfest-muenchen.de

Interview: Rupert Sommer

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