Film-Tipp

All My Loving: Raus aus der Krise, rein ins Leben

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Irgendwann ist er da, der Punkt im Leben, an dem man Farbe bekennen und Bilanz ziehen muss, sich fragt, was ist mit mir, wohin steuere ich? Der Moment, in dem die Wirklichkeit in unsere kuschelige Komfortzone einschlägt

Vor einer Zäsur stehen hier drei einander fremde Geschwister, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Stefan (Lars Eidinger), dessen Traumjob als Pilot wegen Hörproblemen vor dem Aus steht und der sich nächtens dennoch in die schicke Uniform wirft, Frauen in schummrigen Hotelbars aufreißt und den coolen Flugkapitän markiert, schale Bestätigung aus diversen One Night Stands zieht. 

Seine Schwester Julia (Nele Mueller-Stöfen), die ihm ihren vergötterten Hund anvertraut, weil sie sich durch einen Kurzurlaub in Turin einen Neustart ihrer Ehe erhofft und sich dort statt um ihren Mann um einen räudigen Straßenköter kümmert. Tobias (Hans Löw), der mit Ende 30 immer noch an seiner Diplomarbeit bastelt und sich um Haushalt und drei Kinder sorgt, während seine Frau das Geld verdient. 

Auf kino.in-muenchen.de: In diesen Kinos läuft All My Loving

Ausgerechnet er soll sich um die alten Eltern auf dem Land kümmern. Den kranken Vater (Manfred Zapatka), der ihn für einen totalen Loser hält, und die Mutter, die in wildem Verdrängungsaktionismus das Haus umbauen lässt. Edward Berger („Jack“, „Deutschland ´83“, die US-Mini-Serie „Patrick Melrose“) ordnet in einer Art filmischer Familienaufstellung jeder Figur eine eigene Episode zu, belässt sie in ihren Widersprüchen und Schwächen, lockert das Ganze mit einer Prise Situationskomik auf. Dabei erzählt er unaufgeregt aber feinsinnig vom komplizierten Leben, von Menschen in der Mitte der Gesellschaft, die dem fordernden Alltag nicht standhalten können, weil ihr trügerisches Selbstbild mit der Realität kollidiert – und die Lügen wie bunte Seifenblasen platzen. 

Wund und verwundbar klammern sich alle an das Früher: den Erfolg und die Statussymbole, das fidele Studentendasein, die durch einen Schicksalsschlag geschundene Liebe. Und sie wissen, dass es so nicht weitergeht, versuchen, sich aus ihren Selbstzweifeln und Lebenskrisen heraus zu katapultieren und geraten dabei sukzessive in einen Sog von falschen Sicherheiten, bis sie auf den letzten Metern die Kurve kriegen. 

Gerade die kathartischen Szenen zeichnet Berger sehr präzise. Da bricht Julias Nettigkeitsfassade bei einem Essen mit Freunden zusammen, entlädt sich vehement ihre Trauer über den Tod des kleinen Sohnes, dämmert es Tobias bei einem Geburtstagsbesäufnis mit Youngstern, dass er als alter Sack nicht mehr dazu gehört, kapiert Stefan, dass alle Statussymbole nichts nutzen, wenn seine Teenie-Tochter eine Nacht verschwindet. Es heißt Innehalten, die Gefühle neu zu justieren, um das mögliche Glück zu kämpfen. Auch wenn eine kleine Unwägbarkeit bleibt. 

Trotz emotionaler Verdichtung irritiert manchmal die unmerkliche Distanz zu den Figuren, ein Defizit, welches das imponierende Angebot an guten Schauspielern aber locker ausgleicht. Der übertrieben versöhnende Epilog passt dann nicht ganz zur kühlen Rigorosität der Erzählung.

Autorin: Margret Köhler

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