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DOK. Fest München - In Zeiten wie diesen

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Von: Stefan Kukuk

Das DOK.fest 2022
Das DOK.fest 2022 © DOK.fest

Das DOK.Fest gibt’s zum ersten Mal dual. Im Kino vom 4. bis 15. Mai. Zuhause vom 9. bis 22. Mai. 124 Filme aus 55 Ländern. Wir haben ein paar Highlights für Sie zusammengestellt.

African Encounters, Arbeitswelten, Natur, Kunst, Klimawandel … die Reihen und #Hashtags helfen bei der Auswahl. Sollte man vor Ort im Kino in den Filmgenuss kommen wollen, ist zur Eile geraten: Tickets zu diversen Vorführungen werden bereits knapp. Alle Infos: dokfest-muenchen.de.

Putins Erzfeind. Nawalny begleitet Alexei Nawalny vom Attentat des russischen Geheimdienstes bis zu seiner Rückkehr nach Moskau und seiner Inhaftierung. Wie es seinem Team und dem bulgarischen Journalisten Christo Grozev durch Anrufe bei den Tätern gelingt, den Mordanschlag aufzuklären, ist, wäre es nicht so unglaublich und schrecklich, tollste Satire. Ansonsten: Aufklärung at its best. Es geht uns alle an!

Black Kid. China in den 1980ern. Zu Zeiten der Ein-Kind-Politik kommt Louis Hothotot nach seiner Schwester als zweites Kind „illegal“ zur Welt. Der Vater wird bestraft. Die Mutter geächtet. Louis fühlt sich schuldig, ungeliebt, abgeschoben. 35 Jahre später fragt er hartnäckig nach. Four Journeys ist ein ungemein dicht gearbeitetes Familienporträt, mit überraschenden Wendungen. Bei dem Seltenes gelingt: Das Sprechen über Traumata, Ängste und falsche Erwartungen. Am Ende Versöhnung.

Zeitenwende. Bei den H‘Mong in Nordvietnam werden die Mädchen irgendwann von einem Jungen geraubt. Auch wenn Kinderhochzeiten gesetzlich verboten sind. Di ist verliebt. Ihre Mutter warnt sie vergeblich. Beim Neujahrsfest passiert es. Eltern und Schwiegereltern verhandeln, wie es sich gehört, über den Brautpreis. Aber Di will nicht heiraten. Ihr Lover fürchtet, sie liebt einen anderen. Das Volkskomittee mischt sich ein. Und Di muss sich entscheiden. Children of the Mist – drei Jahre lang hat Regisseurin Ha Le Diem, die selbst zur Tày Minderheit gehört, ihre junge Freundin begleitet (und in Amsterdam den Preis für den besten Film gewonnen!)

Alles super! Andreea und Nico sind ein Paar, drehen seit 2018 Pornos, leben in einer Villa auf Zypern, sehen sich als baldige Selfmade-Millionäre, beschwören ihre Liebe – und füllen ihre schockierende innere Leere mit täglichen Selbstaffirmations-Übungen. Pornfluencer startet als sex- und pornopositives Porträt, beschreibt das Mindset, das Geschäftsmodell – und die patriarchalen Beziehungsdynamiken zweier junger Menschen. Auf Augenhöhe. 

Von ähnlichem Kaliber ist die Social-Media-Backstage-Story Girl Gang der Schweizer Regisseurin Susanne Regine Meures („Raving Iran“). Sie erzählt vom wahren Leben der 14-jährigen Teen-Influencerin Leonie aus dem Osten Berlins. Für sie begeistern sich Millionen hysterische Follower, Firmen überhäufen sie mit ihren Produkten. Ihre Eltern haben hauptberuflich die geldwerte Vermarktung ihrer Tochter übernommen. Jenseits des Bildschirms lebt Leonie isoliert, hat keine Freund.innen – so wie ihr größter Fan, Melanie, die wie alle anderen fest daran glaubt, ihr nah zu sein.

Exzessiver Wahnsinn auf Mallorca. Im Sommer fallen Tausende Touristen, vor allem Brit.innen, in Magaluf ein, um grenzenlos verzweifelt ihre Jugend zu feiern. Alkohol, Sex allerorten, tödliche Unfälle beim Balconing. Wie leben die Einheimischen damit. Was geht in ihren Seelen vor? Was macht diesen Ort aus? Fordern die Geister ihr jährliches Opfer? Magaluf Ghost Town erzählt faszinierend von und mit tollen Charakteren, von Menschen-Flut im Sommer, Leere im Winter, von Körpern, Begehren, Ritualen (und hat in Thessaloniki den Hauptpreis gewonnen!).

Grenzenlose Liebe. Marcelle und Emma begegnen sich in den 1920ern. Trennen sich, weil Marcelle wegen Tuberkolose ins Sanatorium muss. Marcelle aber schreibt Brief um Brief, erzählt von ihrer Sehnsucht, neuen Amouren, Liebe und Tod. Ultraviolette and the Blood-Splitters Gang schöpft grandios aus den Archiven. Unmengen an tollen Fotos und hinreißenden Schmalfilmen illustrieren die Erzählung, lassen die 20er wieder lebendig werden.

Frauen-Power! Mit knallharten Argumenten und nie um eine Antwort verlegen kämpft Alice Schwarzer seit den 1970ern für die Befreiung der Frauen. Gegen Abtreibungsverbot, Pornografie, Prostitution und toxische Männlichkeit. Ihr Tabus brechendes Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“, wurde 1975 weltweit zu einem Riesenerfolg. Mit ihrer Zeitschrift „Emma“ mischt sie sich bis heute in die Debatten ein. Hätte einen großen Film verdient – der hier, leider, weiß nicht, was er will. 

Hermann Barth

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