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Höre niemals auf zu träumen

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„Das Leben ein Tanz“ von Cédric Klapisch ist ab 08. September im Kino
„Das Leben ein Tanz“ von Cédric Klapisch ist ab 08. September im Kino © Studiocanal GmbH

„Das Leben ein Tanz“ von Cédric Klapisch ist ab 08. September im Kino

Wenn sie auf Zehenspitzen im Tutu über die Bühne schwebt, existiert die Welt um sie herum nicht mehr. Für die junge Élise bedeutet Tanz das Leben. Die gefeierte Primaballerina steht vor einer großen Karriere, privat läuft es gut mit einem Kollegen. Als sie den in den Kulissen herumknutschen sieht, ist sie schockiert. Und dann passiert‘s: bei einer Aufführung von „La Bajadère“ verletzt sie sich beim Sprung den Knöchel. Ist nun alles vorbei, wonach sie gestrebt und wovon sie geträumt hat?

Trost findet sie bei ihrem Physiotherapeuten Yann (herrlich schräg François Civil), der sich in sie verliebt, aber sich nicht traut, auch nur ein Wörtchen zu sagen. Die Ärzte raten zu einer Operation, können aber keine Garantie abgeben, ob sie jemals wieder auf die Bühne zurückkehren kann. Um sich über die Zukunft klar zu werden, reist sie mit Freunden in die Bretagne. In einem alternativen Kreativzentrum findet sie als Kochhilfe erst einmal Ruhe – und neue Inspiration durch ein modernes Tanzensemble, das dort Proben abhält und dessen israelischer Choreograf Hofesh Shechter (spielt sich selbst) sie zur Mitwirkung einlädt.

Marion Barbeau, Erste Solistin an der Pariser Opéra, trägt mit großer Ausstrahlung den Film auf ihren zarten Schultern. Ihr Leid, ihre Freude, ihre Hoffnung greifen auf die Zuschauer über. Cédric Klapisch („L‘Auberge espagnol – Barcelona für ein Jahr“, „Der Wein und der Wind“), schon immer ein Bewunderer des Balletts, beweist erneut sein Händchen für komplexe Beziehungen und lässt es kräftig menscheln, schlägt souverän den Bogen zwischen Komödie und Tragödie.

Natürlich steht die Tänzerin im Mittelpunkt, ihre scheue Liebe zu einem anderen Tänzer der neuen Truppe und ihre Neuorientierung im Leben, das Loslassen der Vergangenheit, das sich Zurechtfinden in einer neuen Realität. Gleichzeitig wird auch die Konkurrenz zwischen klassischem Ballett versus modernem, auch ekstatischem Tanz im zeitgenössischen Ballett verhandelt.

In der Opéra de Paris jedenfalls ist dies kein Thema mehr, nur noch 50 Prozent des Programms konzentrieren sich auf das Repertoire. Es geht Klapisch nicht um Rivalitäten wie in Darren Aronofskys „Black Swan“, er malt keine rosaroten Wolken, sondern lässt auch die körperliche Quälerei beim klassischen Tanz nicht aus. Vor allem aber feiert er die Hingabe an die Kunst, Tanzen als Lust am Leben. In der ersten Viertelstunde gibt es keine Dialoge, ein gewagter, aber gelungener Einstieg, der sich auf die Körpersprache konzentriert, auf die Schönheit der Szenen, die Musik, das Bühnenbild, das Schauspiel und die Spitzenqualität des Tanzes.

Klapisch hält es da mit Friedrich Nietzsche, dem das Zitat zugeschrieben wird: „Die Tanzenden wurden für verrückt gehalten von denjenigen, die die Musik nicht hören konnten“. Dieser kraftvolle Film handelt von der mutigen Überwindung eines Schicksalsschlags, vom Optimismus und dem Mut, sich dem Hier und Jetzt zu stellen. Alles in allem ein Feel-Good-Movie, das in die Untiefen der Seele taucht, Momente von Schmerz, Verzweiflung und großen Gefühlen zulässt – und trotzdem gute Laune macht. Das muss man erst einmal können. Chapeau!

Autorin: Margret Köhler

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