Gastro-Kritik

Xaver’s: Evolution und Tradition

Das Xaver’s in der Rumfordstraße

Das Xaver’s eröffnete im ehemaligen Zwingereck in der Rumfordstraße als modernes bayerisches Stadtteil-Wirtshaus.

Die gute Iva lacht, als sie uns wiedererkennt. Wie lange es schon her sei, dass wir uns das erste Mal gesehen haben? An die 30 Jahre, bemerken wir verlegen, dazwischen sporadisch auf der Straße, in ihrer Wirtschaft damals regelmäßig. Sehr regelmäßig.

Wir waren ein junges Paar in der ersten eigenen Wohnung in der Aventinstraße, das Zwingereck eine Münchner Vorstadtwirtschaft gleich ums Eck. Die Innenstadt begann erst hinter der Frauenstraße und das Zwingereck sah aus wie eine nüchterne „Boazn“ aus „Münchner Geschichten“- oder „Fast wie im richtigen Leben“-Folgen, kein Wunder, die erste Renovierung des Lokals fand in Ivas Betrieb1976 statt.

Einsame Männer in abgetragenen Anzügen und verschlissenen Mänteln tranken meist allein am Tisch, nur der Wirt im Rollstuhl saß mit seinen Freunden am Stammtisch und dirigierte (böse Zungen behaupten „terrorisierte“) seine kroatischen Frau und Wirtin, ihre Nichte in der Küche und natürlich seine Mittrinker. Ganze Romane gingen uns hier durch den Kopf, meist Kriminalgeschichten, die wir nach ein paar Halben (ungefähr 2,80 Mark) bis zum nächsten Mal wieder vergessen hatten. Iva war streng aber auch gutmütig mit uns komisch aussehenden jungen Leuten, die bayerisch-kroatische Küche war reichlich und günstig, ein Gulasch kostete ca. 5,70 Mark, ganz versessen waren wir auch in Hinsicht auf den schmalen Geldbeutel auf Pljeskavica mit Djuvec-Reis, das bekam man für unter fünf Mark und reichte fast für zwei.

Drei Jahre wohnten wir hier und waren regelmäßige Gäste im Zwingereck, dann zogen wir um und kamen, wie gesagt nur noch sporadisch. 2001 wurde das Zwingereck wieder renoviert, erzählt Iva, nach dem Tod ihres Mannes führte sie das Lokal allein (was sie eigentlich eh schon immer tat), bis nach einer Lehre im Braunauer Hof ihr Sohn Georg langsam übernahm. Bei den seltenen Besuchen in den letzten paar Jahren musste man feststellen, dass das „neo-bayerisch“ renovierte Wirtshaus etwas müde wirkte.

Hirschgeweih und Ochsenbackerl

Letztes Jahr wurde bekannt, dass Augustiner einen neuen Pächter für das Anwesen suchte und mit den zwischen 22 und 28 Jahre alten Geschwistern Theresa, Jakob, und Xaver Portenlänger wurde man fündig. Ausgebildet im Hotel- und Eventmanagement haben alle drei einen direkten Draht zur bayerischen Gastronomie: Ihre Eltern betreiben den seit 2006 bio-verifizierten Alten Wirt in Grünwald nebst Hotel, was wohl auch dazu betrug, dass hier zwar junge, aber professionelle Betreiber der Brauerei (und Bank) gewisse Sicherheiten für eine erneute, wirklich aufwendige und teure Renovierung gaben. Ein neuer Namen war nach dem jüngsten Bruder ebenfalls schnell gefunden und vor gut zwei Monaten ging’s los im Xaver’s.

Grüne Decken und Wände, ein Weinkühlschrank, Bilder von der alten Brauerei, ein stolzes Hirschgeweih, das Personal in fescher Tracht – bayerisch-modern präsentiert sich das neue Wirtshaus, ganz im Trend einer jungen Generation, für die Tradition und Moderne kein Widerspruch sind.

Die Halbe Bier kostet für die (jetzt sagt man Innenstadt) noch faire 3,70 Euro, der Schweinebraten mit Speckkrautsalat (12,80 Euro) schmeckt recht ordentlich. Neben Klassikern wie einem überschaubaren, vielleicht ein bisschen trockenem Wiener Schnitzel (Kalb) mit guten kleinen Röstkartoffeln in der Schale mit Frühlingszwiebeln und Preiselbeeren (17,50) konnte der Spargel mit Goldforellenfilet (23) überzeugen.

Auch die geschmorten Ochsenbackerl mit Sellerie-Birnen-Püree und Bohnen (17,50) mundeten ebenso wie eine schöne Portion sehr cremiger Käsespätzle mit gemischten Salat (9,50) oder eine bayerische Version vom Beef Tatar mit geröstetem Vollkornbrot und Kapern (kl. 11/gr. 17). Natürlich gibt es auch guten Wurstsalat (8,50) und ein Brotzeitbrettl (10,50), gerade jetzt optimal zur Halben auf den rund 80 Außenplätzen im Wirtsgarten.

Ob es jetzt die Evolution statt Revolution der bayerischen Wirtshauskultur ist (wie die Website verkündet) – ein gelungener Neuanfang mit einem veränderten Publikum (jünger, adretter, wohlhabender – passend zu Stadt und Gegend) ist es wohl alle Mal.

Die frühere Wirtin Iva, die immer noch nebenan wohnt, kommt jedenfalls täglich vorbei, meint Theresa, schaut, was sich so tut in ihrer alten Wirkungsstätte und ob sie vielleicht noch ein paar alte Gesichter wiedererkennt. So wie unsere.

Autor: Rainer Germann 

Xaver’s, Rumfordstraße 35
Di bis So: 11.30 bis 24 Uhr, Tel.: 0157 71 49 03 13, www.xaver-s.de

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