Gastro-Kritik

Il Giro: Eine Runde Gemütlichkeit

Das Il Giro in der Ledererstraße ist kein vornehmer, weiß gestärkter Schürzen-Edelitaliener, sondern bodenständige „Cucina della Nonna“ mit guten Weinen.

Einmal im Jahr (meistens im Januar) komm ich ihr nicht aus, der geschmetterten, urigen Gemütlichkeit: Ich muss ins „Hofbräuhaus“ zum Jahrestreffen und zur Kartenausgabe meines Anglervereins. Also kämpfe ich mich tapfer durch eisiges Schneegestöber und vermummte Touristenhorden über die härteste Touristenmeile, dem „Platzl“, zu Münchens Herz und Hort ganzjähriger Gemütlichkeit.

Hinauf in den ersten Stock in eines der kleinen, ruhigen Nebenstüberl und Gottseidank nicht in die Schwemme, aber immerhin jedes Mal unmittelbar daran vorbei: „Ein Prosit, ein Proohoooosit der Gemütliiiiechkeit. Ons, zwoa, drei, gsuffa!“ Jeeep. Neugierige, nach Gemütlichkeit und Bier durstende Menschen aus aller Herren Länder zwischen Trumptown WC, Putingrad und JinXi Kingping strömen unaufhörlich hinein und kommen mit roten Gesichtern glückselig wieder heraus – was will man mehr?

In den oberen Räumlichkeiten des Staatsbrauerei-Großwirtshauses geht es zum Glück deutlich ruhiger und beschaulicher zu: Echte, leibhaftige Volksmusikantinnen und Volksmusikanten spielen hier fein auf und das doch ganz akzeptable Hofbräu-Bier gibt es in normalüblichen Halbliter-Einheiten (und nicht nur in Massen wie in der Schwemme) zu innenstadtmäßig fast schon günstig zu nennenden Preisen mit knapp über vier Euro.

Rund ums „Platzl“: gefällig, spritzig, körperbetont

Ansonsten hat sich am und rund ums „Platzl“ in den letzten Jahren etliches getan. Lassen wir die alten und neuesten Geschäftserrungenschaften des „Platzl“-Hirschs Schuhbeck mal außen vor, haben sich hier drumherum durchaus einige bemerkenswerte Hotels, ansprechende Restaurants und witzige Bars angesiedelt. Die halbscharigen Etablissements mit den körperbetonten Bildern in den Schaukästen sind fast gänzlich verschwunden.

Nach der Umwandlung der „Madame-Bar“ weg von edlem Striptease und gekonnter Spezial-Akrobatik in eine Fine-Drinking-Bar müssen sich hier nicht mehr die Mädels ums Stangerl winden, sondern die Herrn nur am Strohhalm ihres Mai Tais festhalten – auch mal schön. Und sollten Sie hier in der Gegend am Abend Bemerkungen hören wie „gefällig, spritzig, körperbetont“, dann sitzen Sie wahrscheinlich einfach in einer der neuen schicken Wein-Bars wie dem „Grapes“ – ganz ohne Verdacht auf irgendwelche unkeuschen Zwielichtigkeiten.

„Il Giro“: mit L&I auf Du und Du

Wir sitzen gegenüber im „Il Giro“, einem kleinen Restaurant in der Ledererstraße, das vor mehr als zehn Jahren von Landersdorfer und Innerhofer als kleine Dependance auf die gastronomische „Platzl“-Plattform gehievt wurde und jetzt seit etwa eineinhalb Jahren italienisch daherkommt.

Wein und Küche in „kleiner gemütlicher Runde“, also „il giro“, soll es hier geben (so die Erfinder dieses Konzepts) – und das sind im Auftrag von L&I die Herren Sandro und Jonas mit Unterstützung von Deborah im Service und Pasquale in der kleinen Kombüsen-Küche.

Sitzt man dann drin in „der Runde“ – egal ob an einem der kleinen, rotkariert betuchten Tischlein oder am langen Holztisch mit üppiger Blumen-Deko – braucht man zwischen Tropfwachskerzen-Flaschen, kunstvoll gewurschtelten Handtuch-Servietten und bunten Wassergläsern erst einmal ein bisschen Zeit, um sich zurechtzufinden: keine Bar, kein Tresen, kein Zapfhahn – dafür eine Edelstahl-Arbeitsfläche, darunter die Kühlschränke, alles an der Wand entlang neben dem großen Tisch. Hier wird ein und ausgeschenkt, hier leuchtet die Macchina da Caffè, hier stehen die Weingläser und in den Unterschüben kühlen Weißwein und kleine Flaschenbiere von Tegernseer, Augustiner und Hopfbräu vor sich hin.

Il Giro Vino & Cucina in der Ledererstraße

Man ist sozusagen auf Tuchfühlung mit dem werkelnden Service und ab und an holt sich auch schon mal einStammgast sein Flascherl gleich selbst aus dem Kühlschub (sagt Wirt Jonas). Kleine Runde, gesellig, gemütlich – das hier ist kein vornehmer, weiß gestärkter Schürzen-Edelitaliener, sondern bodenständige „Cucina della Nonna“ mit guten Weinen. Der Service ist schnell beim freundschaftlich gemeinten „Du“ und die Speisen stehen als grober Überblick mal auf der großen Tafel, mal auf Karten – über weitere Spezialitäten des Tages informiert der wortgewandte Service gleich persönlich.

Bei einem stillen Wasser (€ 5,90), gutem Brot, knusprigen Grissini und einer kleinen Schüssel mit frischbitterem Olivenöl von Sandros eigenen Olivenbäumen fühlen wir uns schnell willkommen und gut aufgehoben – so geht es allem Augenschein nach auch dem distinguierten Maßanzug vom Nebentisch mit seinen Sprösslingen und der bei jeder Bewegung extreme Parfümwolken verbreitenden Jungmanagerin mit strengem Blondzopf, die auch trotz dreimaliger Zutatenumstellung für ihren fleischlosen Salat höflichst weiter geduzt wird.

Wir freuen uns auf einen Vorspeisenteller (€ 18) und Strozzapreti mit Salsicce (€ 14 normale Portion; als Vorspeise € 11,50). Der Primitivo Torcicoda (Flasche € 42; naja Innenstadt halt) ist ein guter, kräftiger Vertreter seiner Traubenart. Nach und kommen die einzeln servierten Vorspeisen: wunderbar sauer eingelegte Sardellen mit hausgemachten Tintenfisch-Chips, cremiger Mozzarella mit wohlschmeckenden Tomaten und Basilikum, fein gewürzter Bohnensalat, ein raffiniertes Rindfleisch-Carpaccio mit gebratenen Pilzen, sehr wohlschmeckende Oliven und Artischockenherzen und im kleinen Creuset-Töpfchen servierte frische Herz- und Miesmuscheln – alles wirklich sorgfältig und mit Liebe zubereitet, perfekt!

Die Nudeln mit herzhaftem Salsicce-Sugo schmecken wunderbar und können sich wirklich bei jeder Nonna sehen lassen. Und die frischen Ravioli mit Ricotta und Salbeibutter (€ 14) haben wir in dieser Qualität zum letzten Mal in einem kleinen Slow-Food-Lokal in der Toskana bekommen. Das Lammkarree (€ 26) kommt gleich in der Pfanne: vier schöne Koteletts im Ganzen auf den Punkt rosa gebraten, umgeben von kleinen Tomaten, Kartoffeln, Fenchel, ganzen Knoblauchzehen und Thymian – das duftet und schmeckt nach Süditalien pur.

Eine Nachspeise haben wir rein volumenmäßig leider nicht mehr geschafft … aber natürlich Caffé, dem allerdings leider ein bisschen süditalienscher Wumms fehlte. Macht nix, wir kommen trotzdem sicher wieder: Ciao und bis bald!

Autor: Peter Trischberger

Il Giro, Ledererstraße 17, 80331 München
Telefon: 089/23 23 77 89, Mo – Fr: 17 - 1 Uhr, Sa: 13 - 1 Uhr, Sonntag Ruhetag
www.ilgiro.de

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