Gastro-Kritik

Weinhaus Neuner: Münchner Gastronomieperle mit Untiefen

Weinhaus Neuner

Das historische Weinhaus Neuner bietet gutbürgerliche Küche und beste Weine in der Altstadt

Es ist ein Tag vor Silvester: Tiefkühltruhe und Kühlschrank sind im wahrsten Sinne des Wortes kahlgefressen und sämtliche irgendwie trinkbaren Flüssigkeiten beim alljährlichen familiären Festgelage aufgebraucht. Der kümmerliche Restbestand auf Bierbalkon und Weinkeller wurde inklusive Eierlikör-Notration bei weihnachtlich-überraschendem Freundesbesuch auch noch restlos vernichtet. Und unser grippegeschwächter Ibuprofen-Körper ist nach fettabsorbierenden, magenberuhigenden Essenzen auf das äußerste geschwächt, also einfach zusammengefasst: Weihnachten ist vorbei – nur noch der Jahreswechsel steht bevor und da sind wir bei Freunden eingeladen. Deshalb jetzt auf gar keinen Fall schon wieder beim Einkaufen endlos Schlange stehen – wir gehen einfach zum Essen.

Aber ganz so leicht ist das nicht: Denn nicht nur der Lieblings-Italiener hat geschlossen, auch viele andere Lokale nutzen die Feiertage für einen Betriebsurlaub. Asiatisch war schon am zweiten Weihnachtstag angesagt und das Stammbeisl-Schnitzel muss auch nicht schon wieder sein. Wir wünschen uns ein schönes, münchnerisch-bürgerliches Lokal, vielleicht sogar fußläufig zu erreichen.

Die Blätterteighaube hält nicht, was sie verspricht

Unter den gehobenen Münchner Gastronomieperlen der Innenstadt fällt unsere Wahl so auf das „Weinhaus Neuner“ – und da ist tatsächlich noch einen kleiner Tisch im „Stüberl“ frei. Der Empfang im beeindruckenden Eingangsbereich des historischen Hauses ist ausnehmend höflich und wir werden in das „neue“, helle Stüberl geleitet.

Schnell bekommen wir eine Speisekarte, die Servicedame im dezenten Dirndl ist freundlich und gut beschäftigt. Während im Restaurant größere Tische mit offensichtlich gutsituierten Mehr-Generationen-Familien aus München und dem Umland sitzen und honorige Geschäftsfreunde-Runden selbstlos aufopfernd den jährlichen Restspesenetat in feine Magnum-Genuss-Flaschen umwandeln, sieht man im Stüberl mehr Touristen-Pärchen, aber auch eine kleine Runde älterer Damen, die unbedingt den Riesling vom Vorjahr wieder trinken wollen.

Wir machen es der Bedienung einfacher und bestellen ein Gläschen österreichischen Grauburgunder (0,1; 7.-) und ein französisches Rotwein-Cuveé (0,1; 8.-) – beide sehr gut. Als kleinen Gruß aus der Küche bekommen wir ein einen Happen Matjesfilet mit Sauerrahmdressing – nicht überraschend, aber gute Hausmannskost. Als Vorspeise bestellen wir ein Tartar (18) und Rinderkraftbrühe (11) und zum Hauptgang Hühnerfrikassee unter der Blätterteighaube (25) und das Wiener Schnitzel (26) mit Bratkartoffeln.

Die kräftige Suppe ist tadellos, Gemüseperlen, Brätstrudel- und Backerbseneinlage werden gelobt, die harten Tiefkühl-Knackerbsen hätte es nicht gebraucht. Das Jungbullen-Tartar ist sehr deftig, die Wachteleier hübsch und gut lauwarm, die darüber gehobelten Trüffelscheibchen nicht unangenehm, die überreichlichen Kräutersalatblättchen fast störend und das geröstete Graubrot leider schon kalt und hart, als wir es vom Hilfskellner endlich nachgereicht bekommen.

Das große kälberne Wienerschnitzel glänzt mit perfekter, schön-gewellter Panade. Die dazu servierten, in dünne Scheiben geschnittenen Bratkartoffeln können da nicht mithalten – sie sind sehr ölig und schmecken aufgewärmt. Einen wahrlich imposanten Eindruck machte das Frikassee: Die herrlich aufgegangene Blätterteighaube wächst scheinbar aus dem kleinen „Weißwurscht-Töpferl“ heraus und beim Aufschneiden entströmt feiner Trüffelduft. Leider konnte das Frikassee als solches beim Geschmack nicht punkten: Das wenige Hühnerfleisch war faserig-zerkocht, das Gemüse nicht mehr wirklich definierbar.

Den abräumenden, etwas überforderten Hilfskellner wollten wir nicht noch mehr in seinem beruflichen Tagestief quälen – die Karte fürs Dessert brachte uns dann wieder die souverän-freundliche Kellnerin. Das Christstollen-Parfait (12) mit Glühwein-Schaumcreme (sozusagen zum weihnachtlichen Ausklang) versöhnte einigermaßen mit dem nur mäßig gelungenen kulinarischen Ausflug.

Bei einem sehr anständigen Hirschragout (12,50) mit Spätzle und Preiselbeeren und einem kleinem Glaserl (8) sehr feinen Blaufränkischen haben wir uns dann nach Silvester in aller Ruhe mittags in dem sehenswert-restaurierten, historischen Restaurant-Saal noch einmal umgesehen.

Das Weinhaus Neuner ist wirklich ein absolutes Schmuckstück für München, das Ambiente einzigartig und die Weinauswahl ausgezeichnet. Und die Küchenausrutscher? Da hoffen wir mal auf Weihnachtsstress … Und die nicht ganz so günstigen Preise leisten wir uns als einfache Münchner eh‘ bloß einmal im Jahr.

Autor: Peter Trischberger

Weinhaus Neuner, Herzogspitalstraße 8
Mo – So 12.00 – 00.00 Uhr, Küche von 12.00 – 14.30 Uhr und 18.00 – 21.30 Uhr. Jeden Sonntag Kinderbetreuung von 12.00 – 15.00 Uhr, Tel: 089 260 39 54.

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