Gastro-Kritik

Saigon Deli: Europagras im Franzosenviertel

Köstliches im Saigon Deli

Mit dem Saigon Deli eröffnet die vietnamesische Familie Tran ihr siebtes Lokal in München – eine Erfolgsgeschichte.

Nun also auch in Haidhausen: das umtriebige vietnamesische Gastro-Ehepaar Anh Thu und Hieu Tran hat in der Breisacherstraße nach ihren gehobenen Restaurants Ahn Thu in der Kurfüstenstraße, dem Cochinchina in der Kaiserstraße, dem Chuchin in der Ismaniger Straße und den drei Streetfood-Läden Chi Thu (Pestalozzi-, Fraunhofer- und Morassistraße) nun mit dem Saigon Deli praktisch den „Missing Link“ zwischen den zwei Linien eröffnet.

Und wieder kann allein die Einrichtung für sich punkten, vom Essen ganz abgesehen, das beste vietnamesische Küche mit gelegentlichen Abstechern in andere asiatische Provenienzen zu bieten hat. Betritt man das Lokal, fühlt man sich sofort in eine andere Welt entführt – die Küche befindet sich hinter einer Holz-Bar, die an eine Strandhütte erinnert, der zweiteilige Speiseraum ist einmal klar und modern, einmal kolonial-asiatisch im Retro-Style eingerichtet, Pflanzen, Vasen und Lampenschirme verbreiten exotischen Charme. Alle Tische sind verschieden, zum Teil sitzt man an alten Nähmaschinen-Unterbauten, wie man sie aus kolonialen asiatischen Nähereien in Filmen der Sechziger Jahre kennt.

Es würde einen nicht wundern, wenn sich gleich das Licht noch etwas dämpfen und einem die junge Frau im Service eine Opiumpfeife reichen würde – doch keine Angst, es ist die Speisekarte auf einem Brett und die Substanzen, die es hier gibt, sind sowohl legal wie auch sehr gesund und erweitern ausschließlich den kulinarischen Horizont. Dazu später mehr.

Sharing ganz normal

Bei einem zufälligen mittäglichen Besuch am Eröffnungstag, wurden zu einer Guavenschorle (3,90) zwei Glücksrollen Goi Cuon Ga mit Kräutern, Reisnudeln und marinierten Hühnerfleisch (6,90) bestellt, wunderbar frischer Genuss, dazu eine sehr gute Hoisin-Soße, die hier, wie alle Soßen in den Ahn Thu-Lokalitäten nach Hausrezept zubereitet werden.

Danach gab es noch ein ebenfalls sehr gute Hoanh Thanh Suppe (6,90) mit Hühnerbrühe, Wan Tan mit Garnelenfüllung, Pak Choi und Sojasprossen. Bei einem abendlichen Besuch knapp zwei Wochen später, war das Lokal bereits gut besucht, unsere kleine Gruppe bekam einen schönen Tisch im „Retro-Raum“ zugwiesen und schon kam die sehr nette und aufmerksame junge Dame im Service mit den besagten Speisekarten.

Das Saigon Deli in der Breisacher Straße

Der überstrapazierte „Sharing“-Begriff ist in Südostasien die normale Art zu dinieren, deshalb bestellten wir diverse Gerichte hintereinander, die dann geteilt wurden. Los ging es mit Tom Chien Gion, das sind knusprige Garnelen mit einem Chili-Limetten-Dip (7,90), Cha Gio 3 Loai, drei verschiedene frittierte Frühlingsrollen (6,90) mit einem süß-sauren Dip (hat mit der berüchtigten Chili-Chicken-Soße aus dem Asiamarkt rein gar nichts gemein), Suong Nuong, marinierte Spareribs (auf Wunsch mit wenig Knoblauch) mit Frühlingszwiebeln (11,90) und Tom Cun, frittierte Garnelen mit Walnüssen, Mayonnaise und Chiliflocken (7,90).

Was soll man sagen – alles war von höchster Qualität, raffiniert gewürzt, teil ungewöhnlich präsentiert und insgesamt einfach ein Geschmackserlebnis zu äußerst fairen Preisen. Danach wurde ein bisschen gerollt: Reisnudeln, rote Zwiebeln, Gurken, Sprossen, Erdnüsse wickelt man mit (in diesem Fall) geschnittenem Entenfleisch und den besagten Kräutern in Reispapier und verzehrt diese mit den köstlichen Dips (17,90).

Exotische Geschmacksexplosion

Neben den üblichen Verdächtigen wie Thai-Basilikum, Minze und Koriander erkennt man auch noch den Europagras genannten Stachelkoriander (Ngó Gai), den Rest haben Reisende höchstens mal auf einem Markt in Asien gesehen. Da wären Ngó Ôm, eine Reisfeldpflanze, die ein bisschen nach Zitronengras schmeckt und man am besten mit dem leicht scharfen Stil verspeist. Oder Rau Răm, ein schwer zu beschreibender Geschmack, der dem Genießer ganz neue Facetten eröffnet, das gilt auch für die fruchtig-nussige Tiá Tô, eine Pflanze mit großen rötlich-grünen Blättern, die an Minze erinnern. Die Kombination der verschiedenen Kräuter (die wie gesagt sehr gesund sind) gibt dem Essen seine Geschmacksexplosion und das ist hier genauso wie in den anderen Läden der Wirte.

Danach ging es nochmal auf die Straße: Tep Rang Thit Ba Chi, kleine Garnelen, Schweinbauch, Zwiebeln, Pfeffer und Reis (15,90) ist ein bekanntes Streetfood-Gericht aus Saigon, das bei uns unterschiedlich ankam, ein bisschen trocken vielleicht, mit den dazu gereichten Chilisoßen sollte man aufpassen. Zum versöhnlichen Abschluss gab es noch eine dem französischen Erbe geschuldete, sehr gute Mokka Creme Brulee (5,90). Erwähnenswert ist auch die wirklich gute, fair kalkulierte Weinbegleitung an diesem Abend mit einem Weißburgunder vom Weingut Doenhoff aus Oberhausen (Fl. 25,50) und einem „Fass 4“ Grüner Veltliner vom Weingut Ott (30,50).

Fazit: Das Saigon Deli wird zu Recht sicher sehr gut ankommen in einer Gegend, in der es wenig gute Asiaten, dafür eher Spanier und Portugiesen gibt. Und das nächste (Groß-)Projekt ist bereits geplant im Hause Tran: schon bald wird die Familie den Kuffler an der Oper übernehmen, Ano Ki soll das Lokal dann heißen, Anh Thu auf Japanisch.

Autor: Rainer Germann

Saigon Deli, Breisacher Str. 18
Di bis So: 11.30-14.30/18-23.30 Uhr, Tel: 089 940 029 44, www.facebook.com/TheSaigonDeli

Mehr zum Thema

Auch interessant

Gastro-News

Anoki: Fusion an der Oper

Anoki: Fusion an der Oper

Gastro-Kritik

Bricelta: Kurzurlaub in der Altstadt

Bricelta: Kurzurlaub in der Altstadt

Gastro-Kritik

Louis Grillroom: Genuss unterm Alten Peter

Louis Grillroom: Genuss unterm Alten Peter

Gastro-Kritik

Soul Kitchen: Pizza statt Parkplatz

Soul Kitchen: Pizza statt Parkplatz