Gastro-Kritik

Kempers & Crowd: Fantasievoller Allrounder

Das Kempers & Crowd in der Lindwurmstraße 65

Bio muss nicht langweilig sein, beweist das Kempers & Crowd in der Lindwurmstraße.

Das Konzept, kein festgefahrenes Konzept zu haben, klingt schon mal gut. Die Gäste sollen sich wohlfühlen und genießen, so Kunda und Philipp Kempers, die Namensgeber und Betreiber der seit März eröffneten „Gastrobar“ an der Lindwurmstraße, gegenüber der Haunerschen Kinderklinik.

Ganz früher war hier das bayerische Bierlokal Ringseishof Jahrzehnte lang Rückzugs- und Beruhigungsort besorgter Eltern, die eine Pause vom Wachen am Kinderkrankenbett brauchten. Seit ein paar Jahren war hier dann ein asiatisches „Tapas“-Lokal namens Tonkin angesiedelt, leider haben wir es nie geschafft, einmal einzukehren.

Nun also das Kempers & Crowd, mit dem sich nach einer Komplettentkernung und Rundumsanierung die Kempers den Traum vom eigenen Restaurant, einem Café und einer Bar erfüllt haben, nachdem sie von 2012 bis 2017 die Gastronomie im Kultur im Oberbräu in Holzkirchen betreuten. Ein Hang zu Kultur bemerkt man nicht nur an dem Bild von Frida Kahlo und weiterem künstlerischen Wandschmuck – das Kempers verströmt ein großstädtisches Flair im Industrial Look, nackte Glühbirnen, unbehandeltes Holz, geheftete Menükarten mit Zeichnungen und viel Licht durch die bis zum Boden reichenden Fenster mit Blick auf die belebte Stadtader Lindwurmstraße.

Philipp Kemper erledigt den Service persönlich und das mit viel Engagement. Es empfiehlt sich mittlerweile zu reservieren, viel Gutes wurde schon über die Lokalität berichtet und auch wir reihen uns gerne ein, denn eins vorweg: es war ein gelungener Abend.

Kulinarisches Potpourri

Die Abendkarte wechselt monatlich und ist zum Glück überschaubar. Im Kempers & Crowd setzt man auf fantasievolle Gerichte mit regionalen Zutaten aus biologischem Anbau, die Erzeuger wie der Biometzger Pichler und der Eierlieferant Bickelhof werden bereits auf der Karte ausgewiesen, den Rest erklärt Philipp bei der Bestellung und auf Nachfrage.

Unter „Davor“ versammelt die Karte Gerichte wie ein Tomaten-Wassermelonen-Gazpacho mit Feta und Brunnenkresse (7,50), Urtomatensalat mit Büffelmozzarella (10,90) oder gebratene Okra mit Wildreis (8,90). Wir entschieden uns für die Blumenkohl Variation (10.90), auf einem großen Teller war ein Potpourri sehr schmackhaft verarbeiteter Blütensprossen des oft langweiligen Gemüsekohls angerichtet; als schön sämiges und gut abgeschmecktes Püree, als knackiges Gemüse, kleine Türmchen aus Blumenkohl und Frischkäse, dazu Haselnuss-Blumenkohl-Küchlein, Tamarindensoße und Melisse. Dazu gesellte sich als zweite Vorspeise unter der Rubrik „Mittendrin“ eine kleine Portion (war kein Problem für die Küche) Crowd`s Bouillabaisse mit Süßwasserfischen, Saibling-Bisque, sehr klein gewürfelten Trüffelkartoffeln, Sommergemüse (Zuckerschoten, Fenchel), Estragon und Mini-(Thai?)basilikum-Blättchen (kl. 10,90/gr. 18,90). Die kleinen Stücke Fischfilets (Zander, Forelle, Waller) waren perfekt gegart, die Bisque wunderbar abgeschmeckt – alles in allem eine tolle regionale Variation eines Klassiker.

Moderne regionale Küche

Ein Sauvignon Blanc und ein Grüner Veltliner 1ste Lage 2016 von Jurtschitsch aus dem Kamptal (je 0,1 zu 4,20) waren passende Begleiter, auch den Rosé vom Zweigelt aus dem Kamptal (3,90) und eine Chardonnay Spätlese Nordheimer Vögelein vom Weingut Christ aus Franken konnte man gut trinken. Zum Hauptgang dann ein roter Domina und ein Spätburgunder (3,90) vom Weingut Helmut Christ, gelungene Begleitung für die Minutensteaks vom Walchenseer Reh mit Wildjus, Rote Beete, Petersilienwurzeln, Sellerie und Schmand (17,90). So lobenswert es ist, auf üppige Sättigungsbeilagen wie Kartoffeln, Nudeln etc. zu verzichten, waren neben dem wunderbar zarten Wild etwas viel von der in letzter Zeit in der „modern-altmodischen“ Küche etwas überstrapazierten Roten Beete als Mus und großen Rübenscheiben versammelt, das galt auch für die praktisch nur halbierten, gegarten Petersilienwurzeln. Hier wäre etwas weniger mehr gewesen, der kleine Wildkräutersalat und das Bällchen Schmand konnten dagegen wieder überzeugen.

Das galt auch für das wirklich gelungene Erbsenpüree zum schmackhaften Bio-Roastbeef mit Hallbergmooser Annabelle-Kartoffel-Spalten und ebenfalls nur halbierten Babykarotten (17,90), die als Möhren-Kleinkinder fast quer über dem Teller reichten. Die Kartoffeln in der Schale waren ein bisschen weich, aber die auf Wunsch zum Roastbeef gereichte und vom Chef selbst zubereitete Remoulade war ein Gedicht, so die Begleitung, eine ausgewiesene Remouladen-Liebhaberin. Nachtisch gibt es aus der Vitrine, diverse Kuchen, Muffins etc, was es halt auch im Tagesbetrieb zum kolumbianischen Bio-Kaffee gibt, der extra nach Anweisung von Kaffee-Expertin Funda für das Kempers & Crowd geröstet wird.

Eine Mittagskarte versammelt neben einer Suppe, ein paar Hauptgerichten auch diverse Bowls (ohne die geht es zurzeit nicht), natürlich Vegan und Veggie (7,90) aber auch mit Rehragout, CouCous, Cranberries, Feigen, Petersilienwurzel und Walnuss-Minz-Pesto (11,90). Das hört sich ziemlich gut an und wenn es so schmeckt wie abends, können sich nicht nur die besorgten Eltern, sondern auch die umliegenden Büro- und Geschäftsleute freuen, einen fantasievollen kulinarischen Allrounder bereits mittags vor der Tür zu haben.

Autor: Rainer Germann

Kempers & Crowd, Lindwurmstr. 65
Mo-Mi: 12 bis 23.30 Uhr Do-Sa: 12 bis 0.30 Uhr, Tel.: 089 230 247 06, www.kempersandcrowd.de

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