Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”

Holger Stromberg: “Ich glaube, Corona ist nur ein Vorgeschmack”

Ex-Nationalmannschaftskoch Holger Stromberg
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Ex-Nationalmannschaftskoch Holger Stromberg

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir ziehen Bilanz und wagen einen Ausblick, diesmal zusammen mit Kochprofi Holger Stromberg.

Sternekoch Holger Stromberg ist zwar nicht mehr ganz so präsent im Fernsehen wie früher, bekocht auch nicht mehr “die Mannschaft” des DFB, hat aber dafür mit dem Food-Startup “Organic Garden” ein Betätigungsfeld gefunden, das ihn glücklich macht. Die von ihm und  seinen Kompagnons Martin Wild und Martin Seitle gegründete Firma hat sich auf die Fahne geschrieben, der Maßstab für gute, gelebte Nachhaltigkeit im Bereich gesunder Ernährung zu sein und hat in einer ehemaligen Brennerei in Hergolding bei Vaterstetten eine Heimat gefunden. Holger Stromberg verfügt dort über ein eigenes FoodLab, in dem er sämtliche neuen Speisen und Produkte entwickelt, ein Nutrition Studio für Live- wie Digital-Kochevents und ein Tagescafé. Der Kochprofi war 2021 also gut ausgelastet, sein Urteil über das abgelaufene Jahr fällt dementsprechend gar nicht so schlecht aus.

Wie fällt deine persönliche Bilanz fürs Jahr 2021 privat und aus Unternehmersicht aus?

Holger Stromberg: Durchaus positiv. Wir sind, von klein bis groß in der Familie, alle gesund – ein Umstand, der in Tagen wie diesen ja längst keine Selbstverständlichkeit ist. Das weiß ich zu schätzen und dafür bin ich auch dankbar. Unternehmerisch haben wir bei Organic Garden viele Etappenziele erreichen können, intern, strategisch und auch sichtbar für alle Fans des ehrlichen, guten Geschmacks, so dass man die Ernährung der Zukunft auch schmecken kann. Das geht in München zum einen in unserer Organic Garden Eatery am Viktualienmarkt, wo es die ersten plantbased Hotdogs der Stadt gibt. Und gerade eben haben wir unsere neue Eatery @Studio Odeonsplatz by Mercedes-Benz eröffnet, in der wir eine Auswahl an Frühstücksangeboten, Mittags-Bowls, Salaten, Sandwiches und leckeren Getränken servieren. Hier gibt es ab sofort auch unsere Eigenprodukt-Entwicklungen, die dann – je nach Saison – immer wechseln werden und die es on top auch in unserem neuen Webshop gibt. 2021 war trotz aller Veränderungen und Herausforderungen ein durchaus gutes Jahr.

Weitere Beiträge zur Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”:

Christian Schottenhamel: “Gefühlt hat ‘trial and error’ die Verwaltung bestimmt”, Chris Lehner: “Ich hoffe auf eine Entspannung der Lage”, Danny Kufner: „Sich davon zu erholen wird eine anstrengende und langwierige Aufgabe“, Steffen Harning: “Habe die Zeit genutzt, um noch kreativer zu sein”, Jesper Munk: “Mehr Empathie.“, Daniel Lazak: “Wie ich ‘nen Moshpit vemisse...”, Philip Bradatsch: “Aber Hauptsache, die Baumärkte bleiben unter allen Umständen offen ...“, Niko Strnad: “Und ich vertraue auf die Einzigartigkeit des Erlebens von Livemusik-Konzerten!“, Rüdiger Linhof: “Ich will sehen dass endlich was vorwärts geht.“, Tobi Ranzinger: “Der gechillte und respektvolle Umgang miteinander hat gelitten”, Christian Kiesler: “Ich würde mir hier ein bisschen mehr Ehrlichkeit, Realismus, Reflexion und Fairness wünschen...“, Mirca Lotz: “Ich rechne erstmal gar nicht sondern nehme es wie es kommt...“, Markus Naegele: “Die Freude am Leben eben nicht zu verlieren, klingt oft einfacher als es ist.“, Thomas Bohnet: “Dass wenigstens der nächste Herbst nicht wieder so ein Desaster wird.“

Was hat dich besonders genervt oder beeinträchtigt?

Bis mich etwas aus der Ruhe bringt, dauert das wirklich lange. Aber was ich durchaus als ermüdend empfunden habe, waren die neverending Corona-Debatten, das ständige Lamentieren und dass einfach nicht langfristig, für den Bürger in verlässlichen Aussagen und vor allem in Lösungen gedacht wird.

Welche Lichtblicke hast du 2021 erlebt?

Da freut mich persönlich und als Organic Gardener natürlich, dass endlich auf breiter Ebene über das Thema Ernährung und wie wir sie neu denken und auch leben sollten, gesprochen und auch gehandelt wird. Denn ein „Weiter so“ kann es nicht geben. Wir brauchen zügig einen Wandel auf unseren Tellern – und zwar ganzheitlich. Wir brauchen eine echte Ernährungswende und eine wesentlich pflanzenbasiertere Ernährung, die uns Menschen und unserer Umwelt zugute kommt. Dieses Pflänzchen sehe ich stetig wachsen und das ist ein echter Lichtblick. Ebenso, dass das Feld des Ernährungsmanagements in die Digitalisierung übergeben wurde. Das war echt überfällig.

Was erhoffst du dir vom Jahr 2022?

Schön wäre, wenn es mir nächstes Jahr gelingt, dass ich zwei Minuten in meinem Eisbecken aushalte, das seit dem Spätsommer in meinem Garten steht. Unternehmerisch, dass wir weiterhin so viel “Ernährung der Zukunft”-PS auf die Spur bringen und immer mehr Menschen umstimmen und begeistern können. Dazu gehört für uns z.B., dass wir in 2022 weitere Stores, also mehr Organic Garden-Eateries eröffnen wollen. Ebenso möchten wir noch viel mehr Schüler in und um München herum verpflegen und unseren Ernährungsansatz weiter in die Kantinen der Unternehmen bringen. Und dann steht z.B. auch noch auf der Wishlist, dass unser eigens entwickeltes Produktsortiment wächst und wir den Menschen einen immer größer werdenden Warenkorb anbieten können, der gesund, lecker und regional ist.

Was erwartest du konkret von der neuen Bundesregierung?

Da gibt es durchaus ein paar Dinge, die ich mir wünschen würde. Vorrangig:

1.) dass Ernährung endlich als Schulfach eingeführt wird
2.) dass das weite Feld der Landwirtschaft und wir Konsumenten wieder näher zusammenfinden und auch zusammengeführt werden
3.) dass der Ansatz „from fark to fork“ – also, dass Lebensmittel vom Anbau bis in den Stoffwechselkreislauf der Menschen reichen – wieder zur Normalität wird und nicht die Ausnahme auf vereinzelten Gasthöfen bleibt
4.) und dass nicht über die Köpfe von uns Bürgern hinaus weiterhin stillschweigend Entscheidungen getroffen werden, in der Annahme, dass wir das so möchten und gutheißen.

Wann rechnest du wieder mit einer Rückkehr zur Normalität, zu Umständen wie vor Corona?

Ich will ja nicht wie Nostradamus klingen, denn ich sehe das Glas immer eher halb voll als halb leer, aber ich glaube, dass Corona nur ein Vorgeschmack und ein Vorbote darauf ist, was auf uns zukommt. Wir werden uns vermutlich auf eine neue Normalität einstellen müssen. Genau darum ist es mir und uns so wichtig, unseren Teil dazu beizutragen, dass unsere Erde wieder ein Stück weit gesunden kann. Das wird aber nur geschehen, wenn wir auch bereit sind, etwas dafür zu tun. Ernährung ist hierfür ein mächtiger Hebel. Hier können wir viel mehr bewegen, als viele von uns glauben.“

Interview. Alex Wulkow

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