Ortsgespräch

Kulturreferent Anton Biebl im Interview: „Kultur macht richtig Spaß“

Ist als langjähriger Stadtdirektor unter Münchens Künstlern bereits bestens bekannt: Anton Biebl

Der neue Kulturreferent Anton Biebl ist Volkstheater-Fan, in Szene-Fragen lässt er sich gern von seinen Kindern beraten

Durch die Fenster seines Büros in der Burgstraße weht es Straßenmusik und Glockengeläut herein. Kein Wunder, dass Anton Biebl, der neue Kulturreferent und Nachfolger von Hans-Georg Küppers, kulturtechnisch immer unter Strom steht.

Herr Biebl, die ersten 100 Tage im Amt sind rum. War das in gewisser Weise ein Traumstart für Sie? Mühsam einarbeiten mussten Sie sich ja vermutlich nicht mehr.
Ich hatte mir einige Meilensteine für Juli und August vorgenommen, darunter die Vorbereitung aller Finanzbeschlüsse für 2020, die wir im Herbst dem Stadtrat vorlegen werden. Denn nur so sind wir im kommenden Jahr mit den nötigen Mitteln ausgestattet. Außerdem wollte ich durch möglichst viel Präsenz bei Veranstaltungen mein großes Interesse an der ganzen Bandbreite der Kultur zeigen. Das ist mir, glaube ich, gelungen. Insofern bin ich mit dem Start zufrieden. Er war für mich etwas Besonders, obwohl ich ja nicht neu bin. Das Feedback, das ich bekomme, ist positiv.

Sie waren schon länger Stellvertreter des Kulturreferenten und dürften die Themen gut kennen.
Ja, seit neun Jahren stehe ich in der Verantwortung, wenn auch bislang in der zweiten Reihe. Das macht den Amtsantritt nicht unbedingt einfacher. Denn natürlich stellt man mir die Frage: Was machen Sie neu? Was wollen Sie verändern?

Und?
Ich hatte ja bislang schon die Möglichkeit, die Kultur in München mitzugestalten. Deswegen kann ich jetzt nicht sagen, dass wir alles anders machen müssen. Zum Beginn habe ich meine Schwerpunkte formuliert: die Demokratie stärken, den Kulturbegriff weiten, Diversity leben, Bildung ermöglichen, den Digitalen Wandel gestalten, nachhaltig handeln und die Stadt weiterentwickeln. Und jetzt geht es darum, konkret an der Umsetzung dieser Ziele zu arbeiten.

Nach außen hin war das Kulturreferat lange von Ihrem Vorgänger geprägt. Da drängt sich die Frage auf, ob es Ihnen schwer fällt, aus seinem Schatten zu treten?
Seit Juli war ich fast an jedem Abend unterwegs – ohne Übertreibung. Ich versuche, mich so breit es geht zu vernetzen und in der Kulturszene bekannt zu machen. Persönliche Kontakte und der direkte Austausch liegen mir sehr am Herzen. Das verbindet mich mit meinem Vorgänger. Viele kennen mich ja auch bereits. Aber natürlich ist es jetzt etwas Anderes: Wenn ich als Kulturreferent komme, bin ich interessanter für die Leute.

Küppers und vielleicht noch der ehemalige Bürgermeister Christian Ude früher standen ja zeitweilig in der Tradition, dass man von ihren öffentlichen Auftritten fast schon druckreife, Kabarett-fähige, wohlgesetzte, launige Worte erwarten konnte. Muss man an den Begrüßungsworten länger feilen als neuer Kulturreferent?
Ich versuche nicht, Ude und Küppers nachzueifern. Seit ich Ude kennenlernte, hatte ich mir gewünscht, ebenso druckreif formulieren zu können. Aber ich glaube, da gehört eine Naturbegabung dazu. Küppers – das konnte man zuletzt wieder in vielen Interviews lesen – verfügt über einen Mutterwitz. Und den hat man oder man hat ihn nicht. Ich habe meinen eigenen Stil, um meine Inhalte rüberzubringen. Meine Kernbotschaft ist: Auf die Stadt München und den Kulturreferenten kann man sich verlassen, wenn es um Kunst und Kultur geht.

Anton Biebl

Der gebürtige Münchner und Vater von drei Kindern war seit 2010 bereits Stadtdirektor und Stellvertreter des Kulturreferenten. Nun hat er selbst die Oberhoheit über Münchens Kulturbetriebe, die Künstlerförderung und die großen Baustellen: Gasteig, neues Volkstheater und der Umbau im Stadtmuseum. Mit den Fallstricken der Bürokratie, die sich über Feuerschutzregelungen, eng ausgelegtes Versammlungsrecht und kuriose Bauordnungen gerne mal querlegt, kennt sich Anton Biebl bestens aus: Er ist studierter Jurist. Schaden kann das in der Verwaltung nie.

Wie lautet denn Ihre Faustformel für die Aufgabe: Der Kulturreferent ist sicher nicht selbst Künstler. Aber er muss doch wohl ein Brückenbauer sein und jemand, der auch andere glänzen lässt?
Ich würde mich als Kultur-Manager bezeichnen. Ich muss darauf achten, dass die Kultur in München möglichst gut unterstützt wird. Wenn Anregungen oder Probleme – wie gerade eben bei der Frage der Existenzchancen der ArthausKinos in der Stadt – an mich herangetragen werden, dann ist es meine Art, möglichst schnell alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Wir erarbeiten dann im besten Fall gemeinsam Lösungen. Meine Aufgabe ist es, notwendige und hilfreiche Vernetzungen herzustellen. Ziel ist es, dass wir schnell Ansätze finden, wie wir unterstützen und was wir gemeinsam erreichen können. So kommen wir im Miteinander zu einem guten Ergebnis. Ich kann mich sehr über Erfolge freuen, bei denen ich weiß, welchen Beitrag ich selbst dazu geleistet habe. Aber ich muss nicht mein Fähnlein hochhalten und sagen: Das war ich!

Wenn Sie schon von persönlicher Bescheidenheit sprechen: München selbst ist ja in der Außenwirkung oft das Gegenteil und gilt mit dem breiten Kulturangebot als satt und stolz. Macht die große Kulturtradition Ihre Arbeit eigentlich leichter?
Dass sich die Kulturstadt München nicht verstecken muss, ist unbestritten. Unser laufendes kommunales Kulturbudget ist mit über 220 Millionen Euro ordentlich. Und die großen Investitionen sind noch nicht eingerechnet. Zum Beispiel, dass der Stadtrat sagt: Wir bauen für 130 Millionen Euro ein neues Theater.

Das neue Volkstheater im Viehhof.
Das ist doch ein Zeichen für den Stellenwert, den die Kultur hier hat. In solchen Fragen bin ich dann doch nicht bescheiden: Welche andere Stadt in Deutschland kann sich so etwas leisten? Oder wenn ich mir unser Fördersystem ansehe: über 44 Millionen Euro jährlich reichen wir aus! Oder nehmen Sie die Infra strukturmaßnahmen, etwa bei der Jutier- und Tonnenhalle: über 93 Millionen, die wir investieren werden in neue Spielstätten für die Freie Szene. Beim Gasteig geht es um 410 Millionen. Sanierung des Stadtmuseums: rund 200 Millionen. Das sind Vorhaben, die inhaltlich und finanziell beeindruckend sind.

Eine Umbruchszeit haben Sie aber doch erwischt, was die Bauprojekte angeht. Hat Ihnen Ihr Vorgänger einen Baustellenhelm und Gummistiefel hinterlassen? 
Als Stadtdirektor war ich bereits in allen maßgeblichen Sitzungen dabei. Ich begleite diese Vorhaben also schon seit langer Zeit. Mein Problem besteht jetzt eher darin: Ich muss loslassen können, wenn es um Details geht. Wenn Sie mich zu konkreten Einzelheiten des Generalübernehmervertrags beim Volkstheater fragen würden, könnte ich sie wohl noch aus meiner bisherigen Tätigkeit heraus beantworten. Aber das ist nun nicht mehr meine Rolle. Auch nicht die Bauleitung. Also: Einen Helm und Gummistiefel brauche ich weniger.

Wie gehen Sie eigentlich nachts an den Häusern vorbei? Stolz oder Sorge, wenn es in den Kammerspielen so aussieht, als hätte jemand noch das Licht brennen lassen?
Den großen Schlüsselbund habe ich nicht, um das Licht selbst ausmachen zu können. Nicht nur wenn ich nachts als Spaziergänger in der Stadt unterwegs bin – etwa nach Theater-Premieren – freue ich mich im Stillen, wenn ich die beeindruckenden Kultureinrichtungen Münchens sehe. Oder wenn ich Performance-Aktionen im öffentlichen Raum entdecke. Wenn ich mit meinen Kindern losziehe ist die Gefahr ziemlich groß, dass ich ihnen mit lauter Geschichten über unsere Kulturprojekte in den Ohren liege.

Ihre Kinder ziehen aber noch gerne mit oder muss man die zur Kultur antreiben?
Sie kommen tatsächlich gerne mit. Mein Jüngster ist 16 – und er begleitet mich gern in die Kammerspiele und auch zu Klassik-Konzerten.

Nicht ganz selbstverständlich.
Mit ihm war ich zum Beispiel in der zehnstündigen „Dionysos“-Inszenierung. Meine mittlere Tochter ist mehr aufs Volkstheater und auf die Stadtbibliothek „gebucht“. Und meine älteste Tochter ist gerne im Kreativquartier unterwegs.

Tatsächlich?
Und wie! So was zeigt mir, dass Einrichtungen wie imal, mucca, Schwere Reiter auch bei den Jungen ankommen. Für mich ist dieses Feedback, auch aus dem Freundeskreis meiner Kinder, durchaus ein wichtiger Gradmesser. Ich will damit sagen: ich bin auf allen Ebenen der Kultur unterwegs. Als das Z Common Ground in der Zschokkestraße eröffnet wurde, war mir das nichts Neues. Weil ich wusste, dass meine Tochter dort schon im Keller Partys gefeiert hat. Es geht mir nicht nur um die Hochkultur. Mir macht’s genauso viel Spaß an temporären Orten wie dem Z Common Ground oder im Kreativquartier.

München darf nicht museal werden.
Exakt. Da würden mir schon die eigenen Kinder auf die Zehen steigen.

Wie schwer ist für Sie eigentlich das private Weggehen: Wirft das nicht eifersüchtige Fragen auf? 
Ich muss schon vorsichtig sein in meiner neuen Funktion, denn da geht es ja nicht um persönliche Kulturvorlieben. Was „mein Lieblingsprojekt“ ist, könnte ich angesichts der vielen spannenden Vorhaben sowieso nicht beantworten. Ich rede natürlich bei Kulturveranstaltungen gerne mit den Kulturschaffenden darüber, was deren Lieblingsprojekte sind. Bei jeder Begegnung nehme ich etwas auf. Und manchmal kann ich helfen, das umzusetzen. Meist schreibe ich noch am Abend nach solchen Gesprächen oder in der Früh die ersten Mails.

Sie sind immer im Dienst?
Das fühlt sich so an und ist schön so. Weil ich ein großes Interesse an Kunst und Kultur habe, das sich nicht auf die Arbeit beschränkt.

Wenn Sie vor Ort viel angesprochen werden: Künstler interessieren sich gerne fürs öffentliche Geld, oder etwa nicht?
Derzeit werde ich natürlich vielfach kontaktiert. Oft geht es erst einmal um ein persönliches Kennenlernen, gar nicht immer gleich ums Geld. Da kommt viel positive Rückmeldung für die Arbeit des Kulturreferats bei mir an. Für unsere Förderbreite etwa und dafür, welchen tollen Job die Kolleginnen und Kollegen im Referat leisten. Und eingeladen werde ich vielfach, dass ich bei den unterschiedlichen Projekten vorbeischaue oder an Diskussionen teilnehme.

Ab wann geht Ihnen die Kultur abends doch mal so auf den Wecker, dass Sie nur noch ein Fußballspiel anschauen?
Das „Fatale“ ist: Kultur macht richtig Spaß. Auch zuhause lese ich sehr gerne. Da bin ich dann schon wieder bei der Kultur. Bisher ist mir die Kultur noch nicht zu viel geworden. Sie kann auch noch so schräg sein.

Interview: Rupert Sommer

Auch interessant

DIGITALANALOG 2019

Kulturelle Schnittstelle

Kulturelle Schnittstelle

Münchner Science & Fiction Festival

Dare Utopia!

Dare Utopia!

Tipp

Menschen, Hologramme, Sensationen – Der Circus Roncalli ist in der Stadt!

Menschen, Hologramme, Sensationen – Der Circus Roncalli ist in der Stadt!

Kunst & Antiquitäten München

Geniale Paare

Geniale Paare