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Von Mikro- zu Makrokosmos - Münchens Museen im September

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Karl Lagerfeld, A Portrait of Dorian Gray. Zu sehen in der Eres-Stiftung.
Karl Lagerfeld, A Portrait of Dorian Gray. Zu sehen in der Eres-Stiftung. © The Estate of Karl Lagerfeld, Courtesy Steidl

Ob in der Eres-Stiftung, im Olympiapark oder in Münchner Galerien - Im September starten Ausstellungen jedweder Größenordnung.

Die Zukunft ist jetzt! Das beweist nicht zuletzt die Ausstellung Alter + Ego in der Eres-Stiftung. Denn sas „Unsterblichkeits-Gen“ ist entdeckt, die Epigenetik bietet neue Chancen für eine Verlängerung der Lebensspanne. Dem durch Gesundheitselektronik quantifizierten Ego scheint die Zukunft zu gehören, Exoskelette und Entwicklungen aus der Robotik ermöglichen eine optimierte Leistungsfähigkeit. Die Ausstellung „Alter + Ego“ beleuchtet mit künstlerischen Positionen die Verheißungen des „Human Enhancement“ in seinen verschiedenen Facetten und geht der Frage nach, wie wir als Ego mit dem Alter und der Vergänglichkeit zurechtkommen. Mit Werken von Marina Abramović, Mona Ardeleanu, Albrecht Ludwig Berblinger, Julian Billmair, Ulrich Blum, eres/colliders, Sibylle Fendt, Alex Van Gelder, Karl Lagerfeld, Berenice Olmedo, Stefan Panhans, Elisa Giardina Papa, Daniel Preisler, Jeremy Shaw, Thomas Silberhorn, Taryn Simon, Superflux, Juergen Teller, Janina Totzauer und Max Weisthoff.

Am 16. und 17.9. lohnt es sich ganz besonders abends im Olympiapark spazieren zu gehen. Dort wird die Kunstaktion Wir haben nur die Kraft eines großen Ideals von Nicole Raabe zu sehen sein. Sie betont die Bedeutung des Olympiageländes als Verdichtung der visionären Ideen von 1972. An zwei Sommerabenden werden als Lichtprojektion die Schriftzüge „Freiheit, Offenheit und grenzenlose Freude“ – „Wir haben nur die Kraft eines großen Ideals“ – „Dabeisein ist alles“ über Olympiasee und Olympiaberg streifen. Die Lichtperformance will in ihrer lichten Flüchtigkeit die Aufmerksamkeit der Besucher*innen spielerisch fesseln, Gespräche entstehen lassen und Raum zur gemeinsamen Reflexion bieten. Ist der Spirit von München ´72 in der heutigen Stadt mit ihren Herausforderungen noch zu spüren? Welche Ideale formulieren wir heute, welche Ideen leiten uns?

Woran erkennt man als Münchner Kunstfan, dass der Herbst nahe ist? Richtig an der Open Art! Bei dem langen Ausstellungswochenende (9. – 11.9.) präsentieren sich die Münchner Galerien zeitgenössischer Kunst mit einem besonderen Programm. Die erste Open Art fand im September 1989 statt. Inzwischen ist sie national und international in der Galerienszene und Kunstwelt zu einem Begriff geworden und trug maßgeblich zum Ruhm des Kunststandorts München bei. Die teilnehmenden Galerien und Institutionen freuen sich auf Ihren Besuch! Genauere Infos zu den einzelnen Events mancher Galerien finden Sie online unter openart.biz

Unterdessen im Literaturhaus: Augen, Münder und Frisuren, haarige Tatzen und zarte Schleier, Meeresgetier und Fabelwesen, weite grüne Horizonte und biedermeierliche Interieurs: In der Welt des Künstlers Nikolaus Heidelbach (Bis 30.10.) lauern beunruhigende Details allüberall, hinter Sofas, Kommoden und Tapeten, in Urwäldern und auf dem Grund der Ozeane. Mit rund 100 Buchpublikationen seit vier Jahrzehnten gehört Nikolaus Heidelbach zu den prägenden Illustratoren der Gegenwart. Erstmals zeigt er in München seine Anfänge als Bücherfetischist und eine Auswahl von 250 Originalblättern seiner Werke von 2002 bis 2022: darunter preisgekrönte Bilder-Bücher und Illustrationen zu Märchen von Hans Christian Andersen und von Michael Köhlmeier – voller Sinnlichkeit, Detailfreude und markantem Humor. Seine farbsatten Aquarelle von altmeisterlicher Präzision entfalten im Original ihre besondere Leuchtkraft. Nicht verpassen!

Der finnisch-amerikanische Fotograf Arno Rafael Minkkinen (*1945 in Helsinki) fotografiert seit mehr als fünf Jahrzehnten Selbstporträts seines Körpers in der Natur. Von ersten Arbeiten in den frühen 1970er Jahren bis heute haben seine Bilder die gleiche Zeitlosigkeit und ästhetische Signatur bewahrt. Minkkinens Werk ist eine Hommage an die Beziehung zwischen Natur und Mensch. Seine Bilder, fotografiert in mehr als 30 Ländern, sind surreal, spirituell und transformativ, häufig mit humorvollem Unterton. Die Methoden, mit denen diese kühnen Aufnahmen entstehen, sind Jahrzehnte älter als die Verwendung von Photoshop. Stattdessen verlässt er sich auf einen einfachen 9-Sekunden-Auslöser, der es ermöglicht, für jede Aufnahme schnell zu posieren. „Viele meiner Fotos sind schwierig zu machen. Einige können sogar gefährlich sein. Ich möchte nicht, dass jemand anderes in Gefahr gerät, wenn er die Risiken eingeht, die ich eingehen muss: sich von einer Klippe zu lehnen oder unter Wasser zu bleiben, um mein Bild zu machen. Einige meiner Bilder mögen einfach aussehen, aber in Wirklichkeit testen sie die Grenzen dessen aus, wozu ein menschlicher Körper fähig oder bereit ist, Risiken einzugehen. Deshalb nenne ich sie Selbstporträts, damit der Betrachter weiß, wer auf dem Bild zu sehen ist und wer es aufgenommen hat.“
Das Kunstfoyer präsentiert bis 27.11. Minkkinens bislang umfangreichste Ausstellung mit 150 Werken. Zum ersten Mal übernimmt der Künstler die Gestaltung der eigenen Ausstellung in zum Teil wandfüllenden Formaten. Das Ergebnis ist eine Präsentation mit Gesamtkunstwerk-Charakter, die sich nicht nur Fotografie-Fans nicht entgehen lassen sollten.

Zwei Dekaden am Puls der Zeit: Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Pinakothek der Moderne präsentiert Die Neue Sammlung bis 15.01.2023 21 Objekte aus den letzten 20 Jahren Museumsgeschichte. Für jedes Jahr steht repräsentativ ein Objekt, das eine gesellschaftliche und designrelevante Entwicklung thematisiert. Es kann sich um neue Herstellungsprozesse handeln wie den 3D-Druck: Der Stuhl „Solid C2“ des Designers Patrick Jouin steht hierfür repräsentativ. Auch technische Entwicklungen wie die Robotik haben das Alltagsleben in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend beeinflusst. Hierfür steht der Unterhaltungsroboter „AIBO ERS 210“, der einen Hund imitiert und durch Berührungssensoren und Kamera auf seine Umgebung reagieren kann. Zunehmende Bedeutung haben in den letzten zwei Jahrzehnten auch ökologische Aspekte. So entwickelte das Designerstudio Formafantasma mit seiner „Autarchy“ Serie Gefäße, die aus Biomaterial und landwirtschaftlichen Abfällen bestehen. All das und mehr wartet auf ihre Entdeckung!

29 Jahre gibt’s die Domagkateliers im Münchner Norden schon. Auf dem Gelände, auf dem einst auch die Alabamahalle und das Festspielhaus die feierwütigen Massen anlockten, ist das Haus 50 gewissermaßen als letztes Refugium für Kunstschaffende übrig geblieben. Im Rahmen der Ateliertage (16.9. -18.9.) bekommen Besuchende Einblick an allen drei Tagen kostenlos durch die 70 Ateliers. Außerdem gibt’s ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Bands auf der Open-Air-Bühne, einen Skulpturengarten, diverse Performances und Essens- und Getränkestände.

Und noch ein Jubiläum: 2022 jährt sich die Städtepartnerschaft von München und Sapporo, die anlässlich der Olympischen Spiele 1972 initiiert wurde, zum fünfzigsten Mal. Rimokon in der Halle der Platform (16.9. – 7.10.) ist die Fortführung und Rückeinladung des Ausstellungsprojektes „Sister City Brother Project“ mit Münchner Kunstschaffenden, das von Oktober 2019 bis Januar 2020 in Sapporo stattfand. Ziel ist es, den interkulturellen Austausch zwischen München und Sapporo weiter zu vertiefen. Unter dem Titel Rimokon (Fern-Steuerung) werden bereits existierende Partnerschaften in einer Zeit gepflegt, die widerspenstiger nicht sein könnte. Den Schwierigkeiten eines Arbeitsaufenthalts unter Pandemiebedingungen wird durch Steuerung künstlerischer und organisatorischer Handlungen aus der Ferne im Vorfeld begegnet. Dadurch entsteht eine Art der partizipativen Autorenschaft, die die Teilhabe an der künstlerischen Position des globalen Gegenübers intensiviert. Es werden fünf Teams aus je ein bis zwei japanischen und deutschen Kunstschaffenden gebildet, die verschiedene Arbeitsaufträge füreinander realisieren. Beim physischen Aufeinandertreffen werden die Ausstellungsformate in München gemeinsam finalisiert und die transkontinentale Zusammenarbeit reflektiert.

Zum Abschluss noch kleiner Ausblick in den Oktober: Das BIOTOPIA Festival SINNE 2022 findet am 1. & 2. 10. ganztägig in Hubertussaal, Schloss Nymphenburg, Museum Mensch und Natur, Botanischer Garten und BIOTOPIA Lab statt. Es stößt an der Schnittstelle von Biologie, Neurowissenschaften, Kunst, Design und Kultur zum Dialog an: Mit innovativen und Augen öffnenden Aktivitäten, die zum Nachdenken, Mitmachen und Handeln anregen. Tagtäglich erleben wir über unsere Sinne die Umwelt und interagieren mit ihrer Hilfe mit den uns umgebenden Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Aber wie funktioniert das eigentlich, dieses Riechen, Schmecken, Hören, Sehen und Fühlen? Und gibt es vielleicht sogar noch mehr Sinneswahrnehmungen, von denen wir gar nichts wussten?
SINNE ist ein multisensorisches Erlebnis, das unser Wissen über die Sinne herausfordert und erweitert. In unterschiedlichsten Formaten – von Vorträgen und Diskussionen über Mitmach-Experimente und Vorführungen bis zu Konzerten und experimentellen Performances – macht das Festival sensorische Wahrnehmung artübergreifend erlebbar.

Franz Furtner

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