Ansichtssache

Senga Nengudi im Lenbachhaus: Energetische Raumerkundung

Viele Arbeiten von Senga Nengudi waren nur für den Moment der Präsentation bestimmt und wurden nur einmalig ausgestellt. Bei der Performance „Ceremony for Freeway Fets“ (1978) wurden Fotos gemacht.

Das Lenbachhaus zeigt Skulpturen der US-amerikanischen Künstlerin Senga Nengudi

Nylongewebe und Sand. Ab und an kommt ein „gefundenes Metallstück“ oder „Kupfer“ dazu. Senga Nengudi braucht bemerkenswert wenig, um eine bemerkenswert große Wirkung zu erzielen. Denn was da unter dem Namen „Swing low“ (1977/2014) an der Wand hängt, gen Boden leiert und gleichzeitig nach oben strebt, ist sichtbar gewordene Energie im Raum. 

Wie verhalten sich verschiedene Materialien zueinander? Was macht der Sand mit dem Nylongewebe und was das Nylongewebe mit dem Sand? Was passiert mit dem Raum, in dem das passiert?

Anlass für die wunderbare Ausstellung „Senga Nengudi. Topologien“ sind drei Neuerwerbungen, die das Lenbachhaus jetzt der Öffentlichkeit präsentieren möchte – gemeinsam mit vielen weiteren Werken aus vier Jahrzehnten. Nachdem Nengudi Anfang der 1960er Jahre in Los Angeles Kunst und Tanz studierte, ging sie für ein Jahr nach Japan, kam zurück und studierte mit dem Schwerpunkt Skulptur zu Ende. Bereits in ihren frühen Arbeiten experimentierte sie mit einfachen Materialien wie Sand, Stein, Metall oder eben Nylonstrümpfen. Schon damals nannte die heute 76- jährige diese Arbeiten „stationäre Performances“. Man könnte auch sagen, sie habe Tanz, Material und Raum zusammengeführt. So entstehen abstrakte Objekte, die nicht von ungefähr an Körpergebilde erinnern, was vor allem an den hautfarbenen Nylonstrümpfen liegt. Sie selbst sagt dazu: „Ich arbeite mit Nylonstoff, weil er sich auf die Elastizität des menschlichen Körpers bezieht. Meine Arbeiten sind abstrahierte Spiegelungen gebrauchter Körper.“ 

Aber auch ihre sehr frühen „Water Compositions“, durchsichtige Hüllen aus Kunststoff, die sie verschweißt und mit eingefärbtem Wasser befüllt, haben etwas menschliches, wie sie sich scheinbar erschöpft an die Wand lehnen. Und so dauert es nicht lange, dass man über sich und seinen Körper bzw. die Energie in und um einen herum nachzudenken beginnt. Und das ist genau in Nengudis Sinne, denn nicht umsonst heißen ihre Strumpfhosenskulpturen „Répondez s’il vous plaît“ (R.S.V.P.), was als Aufforderung an das Publikum gedacht ist, sich im Sinne von „um Antwort wird gebeten“ zu den Arbeiten zu verhalten. Damit ist nicht eine offensichtliche Interaktion gemeint, sondern eher eine Begegnung ohne Kulturdünkel. 

Come as you are, feel as you feel and figure out what’s going on. Oder so ähnlich. In den 1970er Jahren tat sich Nengudi mit anderen Künstler*innen, Musiker*innen und Filmemacher*innen zusammen, und so entstand die Gruppe Studio Z. Man traf sich zu spontan - en Performances und unterstützte sich gegenseitig in einer Zeit, in der afroamerikanische Künstler*innen vom Kunstbetrieb ausgeschlossen wurden. 

Im Frühjahr 1978 realisierte die heute 78-Jährige mit dem Studio Z die „Performance Ceremony for Freeway Fets“, in die sie Elemente von westafrikanischem Tanz über japanische Theatertraditionen bis hin zum FreeJazz einbaute. Damals brachte sie ihre Skulpturen erstmals auf die Straße, dekorierte Brückenpfeiler mit geknoteten Nylongebilden und setzte sie auch als Kopfschmuck ein. Ziel dieser rituellen Tanzperformance war die Versöhnung der Geschlechter. Kunst kann eben Energien freisetzen. So ist das.

Autorin: Barbara Teichelmann

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