Ansichtssache

Raoul de Keyser in der Pinakothek der Moderne: Was kann eine Linie?

Die Tanne im Garten des belgischen Malers Raoul De Keyser

Die Pinakothek der Moderne zeigt den belgischen Meister der Beiläufigkeit

1992 wurde er zur documenta IX eingeladen. Da war Raoul De Keyser 62. Mit 82 Jahren ist er gestorben – und zwar dort, wo er geboren wurde, im belgischen Deize bei Gent. 

Dass man völlig unsinnige, weil meist chronologisch motivierte, biografische Richtlinien im Kopf hat, wird einem immer dann bewusst, wenn jemand davon abweicht. De Keyser war so ein Abweichler. Er fing spät an (Was? Erst mit Mitte 30?), wurde noch später berühmt (Ah, mit Mitte 60?) und war Autodidakt (Ja und?). Dass er zwischendrin als Sportreporter gearbeitet hat, muss man nicht wissen, um seine Arbeiten zu verstehen, aber nice to know ist es schon. 

Alle Termine der Ausstellung "Raoul De Keyser – Œuvre" auf events.in-muenchen.de

Immerhin gibt es einige weiße Linien auf grünem Grund. Bevor er mit Anfang 60 in Rente ging, um sich in Vollzeit der Malerei zu widmen, arbeitete er als Beamter an der Genter Universität. Das heißt, er musste nicht von seiner Kunst leben. Das heißt nicht, dass er ein Hobby- oder Rentnermaler war (Und was genau wäre das überhaupt?). 111 Werke hat die Pinakothek der Moderne gemeinsam mit dem Stedelijk Museum voor Actuele Kunst in Gent für die Ausstellung „Raoul De Keyser. Œuvre“ zusammengetragen. Es ist bewusst keine Retrospektive geworden, sondern ein Einblick in sein Werk. Und vielleicht wird er so ja doch noch einem größeren Publikum bekannt, denn bis heute ist er vor allem ein Künstler, für den sich Künstler interessieren. Was nachvollziehbar ist, weil er oft die Kunstgeschichte aufgegriffen und kommentiert hat. 

So findet man etwa Anspielungen auf Barnett Newman, Palermo, Brice Marden oder auch Lichtenstein. Dazu kommt seine Freude am Experiment. Man könnte sagen, dass er auf der Suche nach dem Wesen der Malerei war, der er sich mit Hand und Seele verschrieben hatte. Er näherte sich dem Genre, das gerade in der 1970er Jahren von vielen Künstlern vehement abgelehnt wurde, ganz unvoreingenommen und mit einer lebendigen Leichtigkeit. Seine Motive fand er meistens in seiner unmittelbaren Umgebung, in seinem häuslichen Umfeld. Den Garten vor dem Atelierfenster. Den Baum im Garten. Den Fenstergriff. Das Familienferienzelt. Er zerlegte, was er sah und setzte es auf der Leinwand neu zusammen. Er abstrahierte seine Motive, die ihm letztlich nur Anlass waren, den Pinsel in die Hand zu nehmen. Sind das nun Farbflächen oder ein Raum? Ist das ein Baum oder sind das grüne Pinselstriche? Ist ein Motiv dazu da, sich aufzulösen? Und wer sagt denn, dass Malerei immer zweidimensional stattfinden muss? 

Also baute er dreidimensionale Leinwandboxen, die er in den Raum stellte. Und die dann als Teil seiner Umgebung ganz zufällig in einem anderen Bild wieder auftauchten. Seine Bilder stellen Fragen. Zum Beispiel: Was kann eine Linie? Und was ist eine Linie überhaupt? Auf dem Fußballrasen ist sie dazu da, Fläche und Raum mit einer bestimmten Bedeutung aufzuladen. Und auf der Leinwand? Wird sie dort nicht zum Symbol des Schöpfungsaktes schlechthin? Wer eine Linie zieht, trennt das Chaos. Wer eine Linie zieht, schafft Realität. Diese unaufgeregte und uneitle Beiläufigkeit macht De Keysers vermeintlich im Kleinen agierendes Werk groß.

Autorin: Barbara Teichelmann

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