Ausstellungen

Münchens Museen im Dezember: Photographie im Fokus

Wildes Leben unter Wasser.
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Wildes Leben unter Wasser. Zu sehen im Museum Mensch und Natur.

Diverse Photographie-Ausstellungen in den Museen der Landeshauptstadt verschönern den Münchner Kunstinteressierten den zweiten Corona-Winter.

Als hätten Sie sich abgesprochen, widmen sich im Dezember auffallend viele Münchner Museen der Kunstgattung, bei der mit Hilfe optischer Verfahren Lichtbilder erzeugt werden. Genau: Die Münchner Kunstliebhaber*innen können die Fotografie in ihren diversen Spielarten kennenlernen.

Zum Beispiel in der Ausstellung „John Heartfield – Fotografie plus Dynamit“ (2.12.21 – 27.2.22) im NS-Dokuzentrum. Heartfield (1891–1968) gehört zu den innovativsten Künstler*innen des 20. Jahrhunderts. Seine politischen Fotomontagen wurden zu Ikonen im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Bis heute haben sie nichts von ihrer Sprengkraft eingebüßt und dienen als Inspirationsquelle für bissige Collagen und Memes. Mit polarisierenden Motiven, zusammengesetzt aus vorgefundenen Pressebildern und Propagandaaufnahmen, inszenierten Fotografien, kombiniert mit ironischen Zitaten und eigenen Kommentaren, prangerte Heartfield den Krieg, soziale Ungerechtigkeit und den Nationalsozialismus an. Auf einzigartige Weise deckte er mit manipulierten Bildern die Wahrheit hinter den Lügen auf.
Die Ausstellung zeigt die vielen Facetten von John Heartfields Kunst: Von der Buchgestaltung über die politische Pressearbeit bis hin zur Bühnenausstattung. Die ausgewählten Blätter belegen Heartfields komplexes künstlerisches Bezugsfeld, von Dada bis Bert Brecht, ebenso wie seine vom Exil zerrissene Biografie.

Von der Politik zur Fauna: Nach zwei Jahren kehrt mit der Sonderausstellung des „Wildlife Photographer of the Year“ (10.12.21 – 6.3.22) ein absoluter Publikumsliebling in das Museum Mensch und Natur zurück. Gezeigt werden 100 der preisgekrönten Bilder des gleichnachmigen Wettbewerbs, der als größter und renommiertester seiner Art gilt und jährlich vom Natural History Museum in London ausgerichtet wird. Eine internationale Fachjury wählte aus 50.000 Einsendungen aus 95 Ländern die Sieger*innen in insgesamt 19 Kategorien. Diese Bilder gehen auf Welttournee und werden ab 10. Dezember auch bei uns gezeigt. Jedes dieser 100 Bilder dokumentiert die unglaubliche Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt, mit der wir unsere Welt teilen, und verdeutlicht die Rolle eines jeden von uns, deren Zukunft zu schützen. Mit einem Zusatzeintritt in die Ausstellung erleben Sie ein breites Spektrum an Aufnahmen. Bewegende Tierportraits, dramatische Jagdszenen oder fast abstrakt anmutende Naturaufnahmen. Einzigartige Momente, die die Schönheit und Zerbrechlichkeit unseres Planeten widerspiegeln, wurden von Fotograf*innen aus aller Welt eingefangen. Gesamtsieger und „Wildlife Photographer of the Year“ wurde in diesem Jahr der französische Unterwasser-Fotograf und Biologe Laurent Ballesta.

Künstlerin Susanne Pittroff lud vergangenes Jahr 28 überwiegend polnische Künstler*nnen ein, an einem gemeinsamen Kunstprojekt teilzunehmen. Ziel war der Austausch von Sicht- und Lebensweisen während der aktuellen Kontaktbeschränkungen, über die Grenze hinweg. Als Kontaktmedium diente ein fabrikneues Baumwolltuch im Format 1,5 x 2 Meter. Es wurde auf dem Postweg an die KünstlerInnen in Berlin und Polen geschickt, mit der Idee, dieses Laken in den Alltag zu integrieren, es entweder einfach zu benutzen und Spuren des Umfeldes aufzufangen oder in einen künstlerischen Prozess einzubinden. Die individuelle Behandlung wurde von den Künstler*innen gefilmt oder fotografisch festgehalten. Einige Tücher kamen scheinbar unverändert zurück, sie dienten beispielsweise als Requisite für eine Handlung. Andere wurden der Natur ausgesetzt und zeigten sichtbare Spuren. Einige nutzten das Tuch auch als Bildträger. Die Tücher und die filmischen Beiträge werden am 17.12.2021  von 16 – 22 Uhr in einer Ausstellung in der neuen Isarphilharmonie in München präsentiert. Die zurückgesandten Beiträge sind höchst individuell. Gemeinsam ist ihnen jedoch eine philosophische Seinsbetrachtung von Nähe und Distanz.

Ein wenig räumliche Distanz liegt zwischen uns und dem Allgäu. In einer Ausstellung mit über 150 Werken zeigt das Kunsthaus Kaufbeuren in seinem Jubiläumsjahr unter dem Motto „Vom Werden und Vergehen“ (26.11.21 – 13.3.22) ausgewählte Schätze aus der städtischen Horst Janssen-Sammlung. Janssen gilt als einer der herausragendsten und produktivsten Zeichner und Grafiker des 20. Jahrhunderts und wurde vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Neben seinem geschärften Blick für Details und kompositorische Zusammenhänge ist es vor allem die ebenso klare wie derbe und exzentrische Linienführung, die seinen Werken ihren charakteristischen Ausdruck verleiht. Janssens Themenvielfalt ist gewaltig. So entstanden neben über 1.000 Selbstportraits zahlreiche in seinem unverwechselbaren Zeichenstil ausgeführte Darstellungen von Landschaften, Figuren und Stillleben. Stets diente ihm die Natur in all ihren Erscheinungsformen als unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Dabei stehen immer wieder Motive der Vergänglichkeit, des Todes und Verfalls, aber auch des Lebens und seiner unbändigen Erneuerungskräfte im Mittelpunkt von Janssens Werken.

Hoffen wir, dass diese Erneuerungskraft auch auf das Klima übergreift. In der eindringlichen Retrospektive Ragnar Axelsson. Where The World Is Melting (15.12.21 – 13.3.22) beleuchtet der isländische Fotograf die Veränderungen in der physischen und traditionellen Realität des Nordens. Seit über 40 Jahren fotografiert Axelsson (geb. 1958) Menschen, Tiere und Landschaften in den entlegensten Regionen Grönlands, Islands und Sibiriens. In schlichten Schwarz-Weiß-Bildern fängt er die elementare menschliche Erfahrung in der Natur am Rande der bewohnbaren Welt ein. Axelsson macht die außergewöhnlichen Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Orten in der Arktis und ihrer extremen Umwelt sichtbar - Beziehungen, die sich aufgrund des beispiellosen Klimawandels auf tiefgreifende und komplexe Weise ändern.

Auch im Stadtmuseum steht bei Vertrauliche Distanz. Fotografien von Barbara Niggl Radloff 1958–2004 (bis 20.3.) die statische Lichtbildkunst im Mittelpunkt. Nach einer Jugend zwischen den Trümmern fand Radloff in der Fotografie ihr Medium, um Menschen und Geschehen im München der Nachkriegszeit festzuhalten. Ihres frühe Karriere als Bildjournalistin und ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Künstlerporträt haben zu einem beeindruckenden Œuvre geführt. Der Nachlass der Fotografin gelangte 2018 als Schenkung der Familie Radloff in die Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums und umfasst über 2.500 Abzüge sowie das Negativ-Archiv der Fotografin mit insgesamt mehr als 50.000 Aufnahmen. Obwohl ihr Werk in der deutschen Fotografie nach 1945 eine besondere Stellung einnimmt, ist es bis heute weitgehend unbekannt geblieben. Im Rahmen einer großen Retrospektive präsentiert das Münchner Stadtmuseum dieses Werk nun erstmals der Öffentlichkeit.

Ungeahnte Einblicke in Archive gibt es auch bei „Archives in Residence: Forum Queeres Archiv München e.V.“ (bis 1.5.22) im Haus der Kunst. Die in öffentlichen Archiven aufbewahrten Dokumente queerer Geschichte werden meist bis weit in die Nachkriegszeit als eine Geschichte von gesellschaftlicher Tabuisierung, Pathologisierung, Kriminalisierung und Verfolgung gelesen. Mit der Ausstellung alternativer Quellen aus dem privaten oder subkulturellen Bereich eröffnet die Archiv Galerie eine neue Perspektive. Nun stellt die Archiv Galerie zahlreiche Dokumente der lesbischen, schwulen, bi*, trans* und inter* Münchner Geschichte und Kultur vor. Die Archivalien lassen auf alternative Gesellschaftsentwürfe schließen, die das heteronormative Konzept von Geschlecht, Identität und Sexualität erweitern. Eine Videoaufnahme dokumentiert die erste Christopher Street Day-Parade in München. Zwar mutete das Geschehen leise an, doch verschafften sich deren Teilnehmende erstmals Sichtbarkeit im Stadtbild und wurden von Passanten am Straßenrand teils skeptisch beäugt. Neben Aufnahmen von lokalpolitischen Ereignissen und ihren Akteur*innen sind Objekte aus dem privaten, subkulturellen Bereich zu finden. Die Ausstellung gewährt den Besucher*innen einen Einblick in die persönlichen Erinnerungen an Hochzeiten, Faschingsveranstaltungen, an Club- oder Kneipenabende bis hin zu Fetisch-Events bekannter Personen der queeren Szene wie Kristen Nielsen, Cosi Pierro und Schwester Lucretia. Hinzugehen, den Horizont zu erweitern oder in Erinnerung zu schwelgen sei wärmstens empfohlen.

Die Ausstellung „Linie Form Schwingung“ (bis 25.2.22) in der Galerie Bezirk Oberbayern zeigt ausdrucksstarke Papierarbeiten von Ruth Effer und Christoph Lammers. Diese sind durch ihre besonderen Bearbeitungstechniken nicht nur visuell, sondern auch haptisch spannend.

Mit einer Auswahl an Installationen, Skulpturen, Textilien, Videoarbeiten und Performances präsentiert das Museum Villa Stuck unter dem Namen „Sound of Spaces“ (bis 20.2.22) die bisher umfassendste Einzelausstellung von Nevin Aladağ. Die international renommierte Künstlerin beschäftigt sich seit den 1990er-Jahren intensiv mit Musik und Klang als Mittel der bildenden Kunst. Spielerisch und mit einem ausgeprägten Sinn für Ironie kombiniert sie Bilder und Klänge, um immer wieder überraschende Wahlverwandtschaften offenzulegen, die eine Vielfalt an Assoziationen in Gang setzen.

Franz Furtner

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