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Lee Mingwei in der Villa Stuck - Die Kunst der Partizipation

Lee Mingwei
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Kunst zum Mitmachen: Für drei Projekte des taiwanischen Künstlers Lee Mingwei sucht die Villa Stuck noch bis Ende Januar Mitstreiter.

Möglichst still und gerne auch ein bisschen ehrfurchtsvoll bewegt sich der vorbildliche Museumsbesucher durch die bewachten Räume und hält dabei gewissenhaft den rot abgekordelten Versicherungsabstand ein. Mit einem völlig anderen Verständnis von Kunst und Publikum startet Anfang Mai die Ausstellung „Lee Mingwei: 禮 Li, Geschenke und Rituale“ in der Villa Stuck.

In der Kunst des taiwanischen Künstlers Lee Mingwei geht es nicht um distanzierten Konsum von kanonisierter Kunst, sondern um das persönliche Erlebnis in der Begegnung mit anderen. Und so hat die Villa Stuck einen Open Call gestartet: Gesucht werden Menschen, die Lust haben, sich einzubringen. Kuratorin Anne Marr im Interview.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Lee Mingwei?
Das erste Mal begegnet bin ich seiner Kunst auf einer beruflichen Japanreise vor fünf Jahren und war sofort restlos begeistert und zutiefst berührt. Seitdem wollte ich Lee Mingweis Kunst nach Deutschland holen.

Aber dann war Berlin schneller …
Genau, irgendwann haben wir festgestellt, dass er bereits im Gropiusbau zu sehen ist. Da habe ich Lee Mingwei direkt angeschrieben und gefragt, ob er sich vorstellen könnte, die Ausstellung auch in München zu zeigen. Er hat sehr schnell geantwortet, dass er vor zehn Jahren die Villa Stuck besucht hat und sich damals schon gewünscht hat, dass er hier einmal ausstellen darf. Das war also ein perfektes Match.

Was macht Lee Mingweis Kunst besonders?
Er ist ein Meister der Empathie, und das überträgt sich. Er schafft Situationen, in denen Begegnungen stattfinden können, und stellt die Beziehungen der Menschen in den Mittelpunkt, das nennt man „Relational Art“. Er bedient nicht das klassische Verhältnis von Werk, Künstler und Rezipient, sondern bezieht die Zuschauer mit ein.

Das heißt, das eigentliche Werk entsteht während der Ausstellung?
Ja, durch Interaktion und Partizipation wird der Besucher zum Mitproduzenten auf Augenhöhe. „Sonic Blossom“ ist so ein Beispiel. Man wird als Besucher gefragt, ob man ein Lied geschenkt haben will. Dann setzt man sich auf einen Stuhl, und eine Sängerin oder ein Sänger singt für einen. Ich habe das in der Ausstellung in Berlin erlebt und war überwältigt von dieser intimen Begegnung in einem Ausstellungsraum.

Ein immaterielles Geschenk …
Genau, es geht darum, Aufmerksamkeit zu schenken oder ein Zeichen der Fürsorge. Man kennt Interaktionen ja auch aus dem Theaterbereich, wo man aber oft Angst hat, ungewollt involviert zu werden. Das ist bei Lee Mingwei anders. Er lässt jedem seinen Raum und schafft eine feinstoffliche Art der Begegnung.

Wie sieht die Einbindung der Besucher in der Villa Stuck aus?
In der Ausstellung gibt es mehrere Gelegenheiten, als Besucher spontan aktiv zu werden. Und über unseren Open Call suchen wir im Vorfeld Menschen für drei Projekte, die Lust haben, sich etwas mehr einzubringen. Für „Fabric of Memory” brauchen wir Kleidungsstücke mit einer persönlichen Geschichte. Für „The Living Room“ suchen wir Menschen, die ihre ganz persönliche Sammlung für eine Woche ausstellen und darüber sprechen. Und für „The Mending Project“ suchen wir Näherinnen, die sich drei Stunden Zeit nehmen, um mitgebrachte Kleidungsstücke der Besucher zu reparieren oder zu veredeln. Auch hier geht es vor allem um das Gespräch, das dabei entsteht.

Ist Lee Mingweis Kunst als Gegenentwurf zu Konsum und Kapitalismus zu verstehen?
Er benennt das nicht konkret. Aber dadurch, dass er den Wert zwischenmenschlicher Begegnungen in nahezu allen seinen Arbeiten in den Vordergrund stellt – ist es wahrscheinlich so etwas wie ein Gegenentwurf.

Bis Ende Januar bewerben: Open Call zur Ausstellung „Lee Mingwei: 禮 Li, Geschenke und Rituale“ in der Villa Stuck. Alle Infos hier: villastuck.de

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