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Kunst im Januar: Die Welt retten

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Poet Pablo Neruda in lustiger Brille, fotografiert von Inge Morath. Zu sehen im Kunstfoyer.
Poet Pablo Neruda in lustiger Brille, fotografiert von Inge Morath. Zu sehen im Kunstfoyer. © Inge Morath

Wir beenden das alte und starten ins neue Jahr mit Kunst zwischen Engagement und Eskapismus: Haus der Kunst, NS-Dokuzentrum, Kunstfoyer, Museum Brandhorst, Gemäldegalerie Dachau.

Die Welt 2023: Die Sichtbarkeit queerer Personen ist zentraler Teil gegenwärtiger Debatten rund um Identität und Diversität, doch gleichzeitig hat sie eine historische Perspektive: Bereits während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten Menschen, deren geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Orientierung nicht der vermeintlichen heterosexuellen Norm entsprach, in Deutschland ein tragisches Wechselspiel von Widerstand, Blüte, Unterdrückung und Vergessen. Mit der Ausstellung „TO BE SEEN“ begibt sich das NS-Dokumentationszentrum München (bis 21.05.) auf die Suche nach dieser wenig bekannten Historie und erforscht sie im Austausch von Wissenschaft, Kunst und Aktivismus. Die Vielfalt queerer Identitäten und ihre Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen soll so für ein breites Publikum sichtbar gemacht werden.
In Kooperation mit Historiker*innen und Künstler*innen eröffnet die Ausstellung einen Dialog zwischen Geschichte und zeitgenössischer Kunst, auch in Form einer Intervention in der Dauerausstellung und im Außenbereich. Internationale künstlerische Positionen ergänzen die Archivmaterialien des NS-Dokumentationszentrums um neue Perspektiven: So beziehen sich Collagen der US-amerikanischen Künstlerin Zackary Drucker auf das Leben ihrer jüdischen, cross-dressenden Großmutter, welche bereits Thema der von ihr produzierten Serie „Transparent“ war. Der ungarische Lyriker Zoltán Lesi und der brasilianische Künstler Ricardo Portilho greifen das Thema Intersexualität im Sport in den 1930ern auf, während sich die Wiener Künstlerin Lena Rosa Händle mit den versteckten Codes lesbischer Subkultur im Nationalsozialismus befasst.

Kurz vor Weihnachten eröffnete im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung eine umfangreiche Gedächtnisausstellung (bis 01.05.) der großen, in Graz geborenen Photographin Inge Morath, die im kommenden Jahr 100. Geburtstag feiern würde. Inge Morath war die erste Frau, die in die berühmte Agentur Magnum Photos aufgenommen wurde und ist eine der bedeutendsten Bildjournalistinnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem deutschen Sprachraum hervorgegangen sind. Die Retrospektive Inge Morath. Homage beleuchtet alle Aspekte ihres Schaffens: Reisereportagen aus aller Welt, Street Photography, Künstlerportraits und Set-Photographie. Durch ihre Ehe mit Arthur Miller war sie eng mit der Literatur-, Film- und Kunstszene verbunden. Das Buch zur Ausstellung, herausgegeben von Isabel Siben und Anna-Patricia Kahn, erscheint in zweisprachiger, englisch/deutscher Ausgabe im Schirmer/Mosel Verlag. Die Regisseurin Rebecca Miller, Tochter von Inge Morath und Arthur Miller, hat für die Ausstellung und für das Buch ein kleines Vorwort geschrieben. Von Inge Morath enthält das Buch einen autobiographischen Vortrag, der in der Ausstellung als Filmdokument ihrer 1994 in Berlin gehaltenen Lesung zu erleben ist.

Im Haus der Kunst beginnt das Jahr 2023 mit „Wonderland“, einer umfassenden Ausstellung des Karrabing Film Collective (27.01. – 30.07.), einer Indigenen Künstler*innengruppe aus Australien. Die knapp dreißig Mitglieder des generationenübergreifenden Kollektivs leben überwiegend in Belyuen im Northern Territory Australiens. Ihre Videos und Installationen bilden eine Art des Widerstands und der Selbstorganisation. Karrabings Filme werden von den Künstler*innen selbst als „improvisierter Realismus“ beschrieben. Sie charakterisieren sich durch einen cineastischen Ansatz, der die klassischen, binären Konzepte von Spielfilm und Dokumentation, von Gegenwart und Vergangenheit hinter sich lässt.Karrabing haben eine erfinderische, unerwartete und zutiefst ironische Filmsprache geschaffen, die sich in der Welt des Films und der bildenden Kunst bereits einen Namen gemacht hat. Das Haus der Kunst präsentiert alle wichtigen Filme Karrabings und gibt so einen Einblick in die vielschichtige Arbeitsweise des Kollektivs. Die einzelnen Komponenten der Ausstellung — Videos, Klänge, Stimmen sowie ein umfassender Reader — hinterfragen universelle Vorstellungen von hegemonialen Machtverständnissen und Wissensproduktion. „Wonderland“ folgt auf die Ausstellung „Fragments, or just Moments“ von Tony Cokes in der LSK-Galerie. Das Haus der Kunst etabliert die Räume im ehemaligen Luftschutzkeller damit als einen Ort, an welchem Geschichtsschreibung hinterfragt und überdacht wird, indem aus Ton und bewegten Bildern neue Narrative geformt werden.

Von Australien nach Italien via Gemäldegalerie Dachau: Dort gibt es noch bis 12.03. die Ausstellung Zauberhaftes Capri. Ein Paradies für Künstler zu bestaunen. Die malerisch im Golf von Neapel gelegene Insel öffnete sich im 19. Jahrhundert dem Tourismus durch den auch viele Künstler auf die Insel kamen. Heute zählt die Mittelmeerinsel zu den beliebtesten Ferienzielen Italiens und wird im Sommer von Besuchern aus aller Welt überrannt. Wenn zu Spitzenzeiten täglich ca. 45000 Touristen von Neapel herüberfahren, ist an den ungestörten Genuss der romantischen Flecken nicht zu denken. Doch nach Abfahrt der Tagesbesucher gibt es durchaus noch stille Orte und in den Wintermonaten sind die Bewohner weitgehend unter sich. Die Ausstellung zeigt verschiedene Seiten der Insel und lässt auch einen Blick hinter die Kulissen des Tourismus zu. Mit Fotografien, Skulpturen und einer Soundinstallation von Enrico Desiderio, Gianluca Federico, Bruno Flavio, Klaus Frahm und Raffaela Mariniello.

Im Januar bietet sich auch das letzte Mal die Chance im Museum Brandhorst die Ausstellung Future Bodies from a Recent Past – Skulptur, Technologie, Körper seit den 1950er-Jahren (Bis 15.01.) zu besuchen. Die Ausstellung macht ein bisher wenig beachtetes Phänomen in der Kunst und insbesondere der Skulptur erlebbar: die wechselseitige Durchdringung von Körper und Technologie. Mit über 100 Werken und mehreren raumgreifenden Installationen von rund 60 Künstler*innen – vornehmlich aus Europa, den USA und Japan – widmet sie sich den großen technologischen Einschnitten seit dem Zweiten Weltkrieg und nimmt deren Einfluss auf unsere Vorstellungen von Körpern in den Blick.

Franz Furtner

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