Ansichtssache

Kabummm in der Villa Stuck

Die Villa Stuck feiert ihr fünfzigjähriges Jubiläum mit einer Ruinenskulptur des Schweizer Bildhauers Thomas Hirschhorn

Thomas Hirschhorn macht die Villa Stuck und unsere Vorstellungen kaputt

Wunderbar ist das. Wunderbar erleichternd. Alles ist kaputt. Man muss nichts mehr aufrechterhalten. Frisch und frei marschiert man mitten durch die Zerstörung. Durch zusammenbrechende Strukturen, über zerborstene Deckenteile, funkelnde Kronleuchterscherben und braune Klebebandsalate hinweg, immer tiefer in das Chaos hinein. Styroporschnipsel all over. Und dann und wann ein Klodeckel, auf den einer „Nur illegale Drogen sind coole Drogen“ geschrieben hat.

Überhaupt gibt es überall Botschaften. Schnell gekritzelt oder auf ein Blatt Papier geschrieben und irgendwie, irgendwo aufgehängt. An die Wand, auf die Treppe, unters Fenster. „Kapitalisten Schwan“ steht da zum Beispiel. Oder „Puste mich an und bade im Schnee“ oder „Where will I be? Playing Fifa in heaven“ oder „Love wins“ oder „My small titties and my fat belly“. Und daneben eine sehr schöne Zeichnung eines Frauenkörpers im Profil, mit einem Fuß, kleinen Titten und einem apart mopsigen Hintern. Alles darf und soll. Kunst zum Reinfallen und Mitmachen. Und ehrlich, das ist die Ausstellung, die München seit langem gebraucht hat: eine Ruine, die Kreativität freisetzt. Eine Ruine, die dazu da ist, dass wir in den Trümmern unserer Vorstellungen herumklettern und uns so bewusst werden können, dass Vorstellungen letztlich lebensfeindlich sind, weil sie irgendwann die Herrschaft über uns und unser Denken übernehmen. Irgendwann nämlich denkt und fühlt die Vorstellung für uns und wir sind nicht mehr in der Lage wahrzunehmen, was wir wirklich denken und fühlen.

Was Thomas Hirschhorn da in der Villa Stuck aufgebaut bzw. zerstört hat, ist unglaublich gescheit und funktioniert unglaublich gut. Ein geschützter utopischer Erfahrungsraum, in dem man sich jenseits von den herrschenden Strukturen draußen frei machen kann. Und zwar ohne dass es weh tut, denn die Zerstörung ist ja schon passiert. Was hier und jetzt so aufreizend ungeordnet herumliegt, ist freigewordenes Potential. Kabummm.

Konsequenterweise ist der Eintritt in die Ausstellung „Never Give Up The Spot“ frei. Jeder kann rein, egal wie viel oder wie wenig Geld er übrig hat. Transformation kostet nichts und Kunst sollte eigentlich auch nichts kosten. Entsprechend locker und angenehm ist die Atmosphäre. Kein Getue weit und breit. Die einen sitzen irgendwo und lassen die inszenierte Kaputtheit auf sich wirken. Andere werkeln in den kleinen kreativen Unterständen vor sich hin, schnitzen Styroporskulpturen oder kleben oder kopieren oder tackern. Alles was hier entsteht, darf man irgendwo hinlegen, hinkleben oder sonstwie befestigen.

Diese Ausstellung ist ein Projekt. Und ein Prozess. Oder vielmehr das Abbild eines Prozesses. Und mal abgesehen davon, dass sie uns mit unserer eigenen Zerstörtheit konfrontiert, möchte der Schweizer Installationskünstler mit seiner Ruinenskulptur auch einen längst überfälligen Diskurs anstupsen und stellt ganz konkret die Fragen: Wieviel Institution braucht Kunst? Wieviel Daseinsberechtigung hat unsere Vorstellung von Kunstrezeption im öffentlichen Raum – auch Museum genannt – überhaupt noch? Damit wir frei darüber nachdenken können, hat er die Ausstellungsräume in der Villa Stuck zerlegt. Jetzt ist erstmal alles möglich. Diese Erkenntnis kann man wie ein kostbares Souvenir mit nach Hause nehmen.

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