Ortsgespräch

Punk-Ausstellungsmacher: „Wohin mit unserer Feierwut? “ 

Holen den Punk ins Hildebrand-Haus (von links): Anke Buettner, Sylvia Schütz und Ralf Homann.
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Holen den Punk ins Hildebrand-Haus (von links): Anke Buettner, Sylvia Schütz und Ralf Homann.

Monacensia-Chefin Anke Buettner hat mit Sylvia Schütz und Ralf Homann die knallige neue Ausstellung „Pop Punk Politik – Die 1980er Jahre in München“ kuratiert. Noch ist nicht ganz klar, wann das Hildbrand-Haus wieder öffnet. Vorglühen kann man auch digital. 

Frau Schütz, liebe Frau Buettner, lieber Herr Homann spannendes Thema, das Sie sich für die neue große Ausstellung vorgenommen haben. Wie kam es denn zu der Idee – bislang galt die Monacensia schon allein wegen des ehrwürdigen Gebäudes ja nicht gerade als Punk-Schuppen?
Anke Buettner: Schuppen vs. Villa… Ich löse mich von der äußeren Hülle, okay? Wir dokumentieren in der Monacensia den literarischen Blick auf die Stadt. Wir gehen ins Feld, suchen nach möglichst vielstimmigen Dokumenten und Erinnerungen. Die Stadt an sich, Politik und Gesellschaft wie sie sich in ihr zeigen, sind also unser Ausgangspunkt. Aktuell weisen einfach sehr viele Linien in die 1980er Jahre. Deshalb ist es der richtige Moment für die Beschäftigung mit den subkulturellen Ausdruckformen, dem Glamour, der Ohnmacht, der Wut der Zeit… „Ich kann nur das rauslassen, was in mir drin ist!“ sagte, war es Annette Humpe? So ist das auch mit dem literarischen Gedächtnis, in Zukunft kommt da durch unsere kuratorische Feldforschung einfach mehr literarischer Pop und Punk raus.

Sylvia Schütz: Na ja, da stellt sich natürlich gleich die Frage: Was ist eigentlich Punk? Oder, noch spezieller, deutscher Punk? Klar, es geht um eine radikale Verweigerungshaltung gegen die Diskurse des Establishments, gegen die Hippiekultur, es geht um aggressive Musik, um eine radikale Ästhetik, vor allem geht es um jede Menge Energie. Auch im Umgang mit Sprache und mit Texten. Und hier wird es für die Monacensia als literarisches Gedächtnis der Stadt interessant. Über seinen Text „Kebapträume“ hat Gabi Delgado von DAF einmal gesagt, das wäre für ihn schon fast DADA gewesen, was ihn schon bald mehr interessiert hat als Punk. Und schon sind wir bei der Literatur und bei der spannenden Frage, was Literatur alles kann.

Ralf Homann: Punk is dead! Schon in den 1970ern. Das passt doch ganz gut zur toten Schwabinger Bohème, die die Monacensia archiviert, zu Oskar Maria Graf oder Erika Mann. Alles Tote, die genau keine Untoten sind.

Mehr Informationen:

Ausstellung: Pop Punk Politik 

Punk, Auflehnung, Ringen um Selbstbestimmung: Sind hoffentlich nicht jetzt schon wieder museale Themen?
Anke Buettner: Auflehnung, Ringen um Selbstbestimmung, Affirmation und Anpassung sind doch neben Liebe, Hass, usw. die Klassiker individueller und sozialer Entwicklung. Insofern sind das nicht museale Themen geworden. Sie machen die schlagende Aktualität von Literatur, Archiven und Sammlungen aus.

Sylvia Schütz: Ganz im Gegenteil. Protest, Aktivismus, gesellschaftliche Umbrüche, Do-It-Yourself sind Themen, die heute ganz akut sind, also eher als aus dem Leben gegriffen als aus dem Museumsdepot gehoben. Die 1980er Jahre haben viel mit dem zu tun, was uns heute umtreibt. Zum Beispiel, wenn man an die Forderungen von Fridays for Future oder der queeren Community denkt. Emanzipation und gesellschaftliche Alternativen müssen auch heute weitergedacht und errungen werden. Prinzipiell konzipieren wir unsere Ausstellungen als langfristige Projekte, die über die Grenzen des klassischen musealen Zeigens hinaus gehen und offen sind, die eigene Sammlung in einen weiteren Zusammenhang zu stellen. Die Ausstellung versteht sich als erster Impuls und Einladung zur Beschäftigung mit Ästhetik und Verfahrensweisen der Textproduktion der Subkultur der 1980er Jahre. 

Ralf Homann: Unser Jahrhundert war bis jetzt ein Retro-Ding, um es vorsichtig zu umschreiben, dass die Rechten bisher die Hegemonie hatten. Es wird Zeit das umzukehren, also zu revolutionieren. Ein Blick auf die Revolte der 1980er und ihre ästhetischen Vorgehensweisen ist dabei sinnvoll. Ob das nun im Museum passiert, in der Buchhandlung oder in der Galerie ist mir wurscht.

Ihr Haus nennt sich das „literarische Gedächtnis der Stadt“. Falco prägte das berühmte Bonmont, dass man sich als aktiv Betroffener gar nicht so recht an die 80er erinnern kann. Wie groß waren die Sorgen in der Vorbereitungsphase, wenn Sie an die Feierwut der Münchner denken mussten?
Ralf Homann: In der Ausstellung sagt Maxim Biller: „Die Münchner sind blond und wenn nicht, dann denken sie blond.“ Genau. Mit den 1980ern nur das Feiern zu erinnern, ist eben „blond“. Ich könnte mit Falco auch sagen: Sich vor Gericht nicht an politische Aktionen zu erinnern ist echt strafmildernd. Spaß war in den 1980ern komplexer als das „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ der Hippies oder der tantrische Orgasmus der Esoteriker*innen von links.

Sylvia Schütz: Da hatten wir eigentlich gar keine Sorgen. Schließlich stand auch die schon erwähnte Schwabinger Bohème dem Hedonismus der 80er Jahre in nichts nach. Und aus dieser Zeit sind jede Menge Texte, Manuskripte, Briefe, Tagebücher und Fotos erhalten. Außerdem bewahrt die Monacensia den Nachlass der Performance-Künstlerin Rabe Perplexum, aus dem wir erstmals Dokumente und Exponate zeigen und in dem es noch viel zu heben und auszuwerten gibt.

Anke Buettner: Unsere Sorgen sind eher: Wohin mit unserer Feierwut? Im Ernst: Oft sind die Dinge überhaupt erst in der Rückschau sichtbar. Das ist unsere erste Ausstellung mit einer großen Beteiligung von lebenden Autor*innen und Künstler*innen, die ihre Perspektive und – herzlichen Dank! - ihre Originale einbringen.

Für die Ausstellung liefen ja viele Gespräche mit Münchner Künstlern, Machern, ehemaligen Aktivsten und Literaten. Wie groß waren eigentlich deren Exzess-bedingte Erinnerungslücken?
Ralf Homann: Ernste Frage? I’m sorry, einige sind tot, andere gezeichnet. Ob das mit Exzess zu tun hat? Keine Ahnung. Auch Bekannte sind darunter. Ich bin kein aktives Kind der 1980er Jahre, dafür bin ich zu jung, aber ich vermisse wirklich alle sehr. Vor allem Astrid. Was für ein Drogen-Scheiß. Auf der ganz anderen Seite: Andrea Wolf, um eine Aktive der 1980er herauszustellen. Sie wurde von der türkischen Armee in Kurdistan ermordet; da geht’s bis heute um ganz andere, weil staatliche Erinnerungslücken

Anke Buettner: Keine Ahnung! Der Exzess - ist das vielleicht auch retrospektiv eine romantische Verklärung

Anders als West-Berlin, Hamburg oder auch Düsseldorf galt München lange nicht unbedingt als besondere Punk-Hochburg. Wie schnell konnten Sie Weggefährten wie Peter Wacha in diesem Punkt dann doch noch umstimmen?
Ralf Homann: Mit Upstart hatte ich alle paar Jahre ein Thekengespräch oder einen Club-Talk; auch auf der Biennale in Venedig sind wir uns begegnet, wegen der Süßmayr-Ausstellung. Und das schöne für mich war immer Upstarts Sicht auf die Dinge, die meiner so unglaublich ähnlich war, nur hatte er die richtigeren Worte dafür. Gefragt mitzumachen habe ich ihn am Rande meiner Performance in Neuperlach, wo er da war, und ein paar Tische weiter übrigens Björk, was ich auf der Bühne gar nicht mitgekriegt habe. Es hat einfach gepasst.

Anke Buettner: Uns geht es nicht um eine soziokulturelle Studie zur Punkszene im bundesrepublikanischen Vergleich. Wir betreiben kuratorische Feldforschung in München und folgen dem literarischen Wort in die jungen urbanen Bewegungen der 1980er sogar bis Düsseldorf, West-Berlin oder Hamburg-Harburg.

Wie bringt man eigentlich den Zeitgeist einer Epoche in ein Ausstellungskonzept – vor allem wenn Pop und die Musikstimmung eine so große Rolle spielen müssten?
Anke Buettner: Wir leiten in die Stimmung der Zeit mit Fotos, Kurzinterviews, Plattencover etc. ein. Die Ausstellung ist dynamisch. Ralf erzählt „Pop Punk Politik“ wie ein Radiofeature, Sylvia verbindet die 1980er mit dem Netzwerk der Monacensia und am Ende steht unser Vorschlag für eine lustvolle Do-it-Yourself-Annäherung. Mit vielfältiger Beteiligung wird sie demnächst im Netz auch noch weitererzählt.

Ralf Homann: Es ist bewusst keine Ausstellung für Plattensammler oder ähnliche cis-Jungs. Ich hoff’ aber immer noch auf eine wöchentliche Plattentauschbörse im Garten der Monacensia, draußen sitzen, DJing, kurze Lesungen, und nicht zuletzt Videos auf die Wände des ehrwürdigen Hildebrandhauses. Angenehme Talks darüber, was wirklich wichtig ist.

Sylvia Schütz: Den visuellen „Sound“ der 80er konnten wir, glaube ich, auch ganz gut durch die grafische und künstlerische Gestaltung einfangen, für die wir das Büro Alba beauftragt haben. Entstanden sind Collagen aus Plakaten, Rahmen mit Exponaten in den genormten Formaten DIN A2, DIN A1 und DIN A0. Politische Plakate, Plattencover, private Fotos, Bücherregale und Starschnitte erinnern an eine WG in den 1980er Jahren. Und was die Plattenbörse im Garten der Monacensia betrifft: Die ist fest eingeplant. Versprochen.

Wie schwer war es eigentlich an die Objekte zu gelangen, die Sie ausstellen? Fanzines lösten sich ja oft schon kurz nach Erscheinen wieder in ihre nicht immer mustergültig gehefteten Bestandteile auf.

Sylvia Schütz: Die Monacensia hat in den 1980er Jahren leider keine Fanzines gesammelt. Aus der heutigen Perspektive ist das natürlich schade. Da haben wir uns sehr gefreut, dass Lorenz Schröter aka Lorenz Lorenz sein Fanzine „Die Einsamkeit des Amokläufers“ mitsamt den Kopiervorlagen noch im Keller gefunden hat und uns als Leihgabe zur Verfügung stellt. Jetzt liegt es in einer Vitrine zusammen mit Marc Sargents „Vivat“, das uns wiederum der Fotograf und F.S.K.-Musiker Wilfried Petzi geliehen hat. Beides ist in einem erstaunlich guten Zustand. Auch die Performance-Künstlerin Cora Frost hat uns Originalmanuskripte aus ihrer Münchner Zeit anvertraut. Schön war es aber auch, bei der Recherche festzustellen, dass die Monacensia durchaus einiges im Bestand hat. Zum Beispiel den vollständigen Satz der Zeitschrift „Mode & Verzweiflung“, die sich auch „Thermometer der Zeit“ nannte, und zwischen 1978 und 1986 erschienen ist. Mitgemacht haben damals unter anderem die heutigen Schriftsteller Thomas Meinecke, Thomas Palzer, die Künstlerin Michaela Meliàn oder die Grafikerin Susanne Erasmi. Es ist schon toll, die Hefte heute in der Hand zu haben, die noch mit Letraset und Klebelayout hergestellt wurden. Unsere Bibliothek besitzt übrigens auch sämtliche Ausgaben der Stadtzeitung „Blatt“. Und wir hoffen sehr, durch die Ausstellung die eine oder andere Lücke noch schließen zu können. Das darf jetzt gerne als Aufruf aufgefasst werden. Wer also noch Fanzines im Keller oder Speicher hat …

Ralf Homann: Für die Ausstellung habe ich eine Hierarchie abgelehnt; sie hat – Vorsicht, Philosophie der 1980er Jahre – eine rhizomatische Gliederung; das heißt, sie ermöglicht ein Surfen durch die Räume der Monacensia wie durch das frühe Internet. Deshalb war es sehr einfach, neu entdeckte Objekte einzubinden. Sozusagen klickedieklickedieklick! Als Künstler war ich von Anfang an sehr von der „kuratorischen Feldforschung“ beigeistert, die mir die Monacensia in dieser Ausstellung ermöglicht hat. Auf Entdeckungsreise gehen! Ein Objekt ergibt das nächste, oder besser gesagt: es ergibt den Kontakt zu einer weiteren Person. Denn das ist ja der Spannungsbogen der 1980er Jahre: Viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind bis heute aktiv und suchen ihren „Sockel“. Da bin ich als Bildhauer gerne behilflich.

Wie viele Kulturschaffende, Veranstalter und Kunst-Ermöglicher müssen ja auch Sie im Moment ein hohes Maß an Gelassenheit, Resilienz und anarchischen Humor (trotz allem) aufbringen. Woher nehmen Sie Ihre Energie und lassen den Kopf nicht hängen, wenn wieder mal kurzfristig alles anders kommt und selbst Improvisiertes nicht immer geplant werden kann?
Anke Buettner: Manchmal implodieren wir wie Sagerers „küssende Fernseher“ hier im Video-Programm der Ausstellung, manchmal wünschen wir uns „ein bisschen Frieden“ wie Nicole und dazwischen teilen wir unser Innerstes beim Corona-Schnelltest …

Sylvia Schütz: Ja, die Ausstellung ist nun fertig aufgebaut und wir wissen nicht, wann wir sie für Publikum öffnen dürfen. Das ist schon sehr schade. Vor allem vermissen wir die Eröffnungsparty zusammen mit allen, die beigetragen haben. Keine Party - das passt ja auch so gar nicht zu den 80ern. Nach über einem Jahr Pandemie und wechselnden Lockdowns haben wir dazugelernt und die Laufzeit entsprechend bis Ende Januar verlängert. Pop Punk Politik ist als ein sich über mehrere Monate entwickelndes Projekt konzipiert. Die Geschichte wird weitererzählt: digital und analog. Sobald wieder etwas möglich ist, planen wir zusammen mit dem Café MON Abendöffnungen. Denn wir sind überzeugt, wonach sich alle sehnen, das sind Ausstellungsbesuche, Begegnungen und gute Gespräche.

Alle Infos zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm gibt’s hier: www.muenchner-stadtbibliothek.de/pop-punk-politik-die-1980er...

Interview: Rupert Sommer

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