Ortsgespräch

"Mondschein"-Ausstellung im Atelierhaus Domagkpark: Gotlind Timmermanns im Interview

Gotlind Timmermanns

Münchens Stern für Venedig: Aktuell stellt die Malerin Gotlind Timmermanns, die am Westufer des Ammersees aufwuchs, auf der Kunst-Biennale in der Lagunenstadt aus.

Doch auch zuhause in den Domagk-Ateliers stößt sie schon bald in höhere Sphären vor. Die große „Mondschein“-Ausstellung im städtischen Atelierhaus sollte man auf keinen Fall verpassen. Einfach einsteigen in die Rakete.

Frau Timmermanns, Sie stellen derzeit auf der Biennale in Venedig aus. Klingt wie ein Traum, der wahr geworden ist?
Absolut. Dass ich meine Arbeiten dort zeige, gibt mir viel Rückenwind. Den Wunsch, dort auszustellen, hatte ich natürlich schon länger. 2011 war ich das erste Mal im Palazzo Bembo. Die Sachen, die damals dort ausgestellt wurden, hatten mir sehr gut gefallen.

Damals waren Sie noch als Besucherin vor Ort.
Genau. Es gab damals hervorragende internationale Künstler zu sehen. Darunter eine Kollegin, Seo, die ich mittlerweile auch kennengelernt habe. Sie hatte drei Bilder ausgestellt – und in der Mitte eine Installation mit Kristallen. Seit dem Moment, als ich das sah, beschäftigte mich die Idee, ob man nicht bei der Produktion von Bildern genau den Ort mitberücksichtigen müsste, an dem man sie eines Tages am liebsten ausgestellt sehen würde.

Alle Termine zur Mondschein-Ausstellung im Atelierhaus am Domagkpark auf events.in-muenchen.de

Da hatten Sie – in eigener Sache – ja dann schon mal in die Zukunft geblickt.
Fragen des Arrangierens beschäftigten mich damals intensiver, auch weil ich ja selbst ab und an Ausstellungen kuratiere. Mir kommt es immer so vor, als ob man die Werke im Raum wie in einem Film sieht. Selbst wenn es sich um voneinander unabhängige Bilder handelt, verdichtet sich beim Betrachter doch in der Regel der Gesamteindruck zu einem großen Ganzen. Jeder Besucher komponiert dann so seine Geschichte. Der Palazzo Bembo jedenfalls hat mich über die Jahre hinweg nicht mehr losgelassen – weil er so schön ist.

Erzählen Sie doch mal! Beim Thema Venedig gerät doch jeder gerne ins Schwärmen.
Es ist eben ein richtiger Renaissancepalast mit wunderschönen venezianischen Fenstern. Und dann auch noch direkt am Canale Grande, gleich bei der Rialtobrücke.

Herrscht da für Sie nicht ein irrer Konkurrenzdruck – dass die Besucher im Palazzo auch wirklich auf die Kunstwerke achten und nicht nur gleich als erstes aus dem Fenster schauen?
Keine Sorge. Ich glaube nicht, dass man als Künstlerin mit der Schönheit Venedigs konkurrieren muss. Das hebt sich beides gegenseitig – auf eine höhere ästhetische Ebene.

Was muss man denn über die Hintergründe zu Ihren Venedig-Bildern wissen?
Als ich angefangen habe, darüber nachzudenken, ging es mir zunächst um die Idee, dass es Zellen sein könnten, die sich im Raum miteinander verknüpfen. Ich habe die Bilder von vornherein als raumgreifende Zusammenstellung gedacht und auch so gemalt.

Wofür steht denn eigentlich der „Azimut“-Titel Ihrer Venedig-Bilder? Klingt ziemlich rätselhaft, ist aber offenbar ein nautischer Fachbegriff
Alle Arbeiten, die ich anfertige, sind mehrstimmig. Sie sind nicht nur abstrakte Bilder. In ihnen steckt auch immer sehr viel von dem, was mich gerade in meinem Leben bewegt. Beim ersten Azimut-Bild ging’s mir um eine Mischung von Weiterkommen, Ausbrechen, Sich-Befreien, aber gleichzeitig auch um die Ideen von Landkarten, auf denen man sich orientiert. Das Sich-Verorten in einem Raum, in einer Welt, in der es für Künstler oft keinen geregelten Plan gibt, ist eines meiner Grundthemen.

Das knüpft dann an die Seefahrt, an das Orientieren an Sternbildern an.
Azimut ist ein Begriff der arabischen Astronomen und Seefahrer. Es geht darum, einen Stern anzupeilen und dann den Winkel zu berechnen. Der soll sich aus der gedachten Linie vom Himmelskörper auf den Horizont und der Linie zum Süden ergeben.

Ihre Bilder haben Tiefe, nicht nur wenn man sie länger betrachtet. So entstehen sie ja offenbar auch – indem Sie über längere Zeit hinweg Schichten für Schichten auftragen.
Ich plane meine Bilder durch. Es geht nicht so sehr um spontane Befindlichkeiten. Ich muss mir genau überlegen, was am Schluss optisch nach vorne kommt. Genau diese Schicht muss hinter- oder untermalt sein. Oft habe ich das, was schließlich als ein Farbeffekt erscheint, nach und nach aus bis zu 20 verschiedenen Schichten aufgebaut.

Ein Arbeitsprozess, bei dem man ja fast an Alte Meister denken muss.
Das habe ich mir bei Rubens abgeguckt.

Echt jetzt?
Rubens ist ein Meister darin, mit lasierenden Farbschichten übereinander zu arbeiten. So erzielt er Farbtiefen. Was mir an ihm auch besonders gefällt, ist die schimmernde Gesamtoberfläche, in die sich einzelne Bestandteile integrieren.

Man könnte sich das Arbeiten vermutlich handwerklich leichter machen.
Es muss immer viel trocknen, bis ich weitermachen kann. Ich male meine Bilder am Boden. Und trage dort die Farbschichten dünn auf, so dass sie durchscheinen können. Deshalb geht das auch nicht mit Akryl. Da wäre mit der fünften Schicht Schluss. Mit Öl wird das viel schöner. Aber es ist natürlich viel zeitaufwendiger.

Ist das bei den Größen Ihrer Bilder eigentlich üblich, am Boden zu arbeiten? Oder liegt das an den dann doch überschaubaren Abmessungen des Ateliers?
Ich kann nur am Boden arbeiten. Weil ich die Farbe sehr flüssig auftrage. Sie würde sonst ständig nach unten laufen. Meine Bilder, selbst die eher gegenständlichen, male ich ja nicht mit dem Pinsel. Ich kippe die Farben. Und ich lasse sie flimmern, funkeln und ineinander verlaufen. Ich mag es, wenn die Bilder etwas davon erzählen, wie sie entstanden sind. 

Fürs Arbeiten brauchen Sie dann aber so etwas wie einen Drehplan?
Auf jeden Fall. Oft mache ich einen Strich und muss das Bild dann erst mal länger trocknen lassen. Deswegen arbeite ich oft an mehreren Bildern gleichzeitig, damit ich vorankomme. Allerdings muss ich mich dann immer wie eine Schauspielerin jeweils in die Szene und die entsprechenden Empfindungen zum Bild wieder hineinversetzen, wenn ich von einem zum anderen wechsle.

Gotlind Timmermanns

Mal echtes Multitasking.
Stimmt schon. Außerdem arbeite ich ja von unten nach oben. Erst ganz zum Schluss entsteht das, worauf ich eigentlich hinaus will. Oft besuchen mich zwischendurch Leute im Atelier und sagen dann: Das sieht ja ganz anders aus als sonst! Na klar: Ist ja erst die Untermalung!

Wie lang dauert’s denn im Schnitt, bis was fertig wird?
Das zieht sich schon. Ich kann mich kaum erinnern, dass ich mit einem Bild mal schneller als in drei Monaten fertig wurde. Ich hänge ja nicht acht Stunden über dem jeweils einzelnen Bild. Aber ich verbringe schon sehr viel Zeit im Atelier. Oft bin ich selbst verblüfft, wie das gleiche Bild, das mich so lange begleitet, von einem auf den nächsten Tag anders auf mich wirken kann.

Wie löst man sich denn dann abends von einem Bild, mit dem man so viel Zeit verbringt?
Ich träume vom Malen – und arbeite nachts beim Träumen weiter. Manchmal kommt man aber auch ins Stocken. Dann muss ich auch den Mut haben, das Bild mal für ein paar Tage zur Seite zu stellen.

Wie verschaffen Sie sich überhaupt ab und an Zeit und Raum? Sie setzen sich ja neben dem eigenen Malen für andere Künstler ein und organisieren Ausstellungen.
Ich interessiere mich eben stark für flankierende Themen. Ich habe schon Ausstellungen über Bilderverbote in den drei Buchreligionen entworfen. Und ständig begleitet mich die Beschäftigung mit dem Einfluss der Tradition auf die zeitgenössische Kunst. Oder auch die Farb-Codes: Welche Bedeutungen haben sie, welche Rolle spielt das Farb-Material oder die Farb-Psychologie dabei? Das könnte eines meiner nächsten Projekte werden. Solche Fragen interessieren mich. Und dafür möchte ich mir auch die Zeit nehmen, um gründlich zu forschen.

Dazu kommt ja noch Ihre „Nachbarschaftsarbeit“ in den Ateliers.
Die ist mir sehr wichtig. Ich bin seit 2003 in den Domagk-Ateliers. In dieser Zeit bin ich im Gebäude schon fünf Mal umgezogen. So lernt man so gut wie alle Kollegen bestens kennen. Für mich ist das Zusammenarbeiten ein Multiplikator. Man kommt einfach auf bessere Ideen, wenn man sich mit anderen Künstlern austauscht.

Wenn viele Künstler zusammenkommen, darf man sich doch ausschweifende Partys erwarten, oder?
Alles Mythos. In erster Linie arbeiten wir hier sehr fleißig. Klar, wir feiern auch gerne mal. Die Künstler sitzen aber am liebsten gemeinsam am Feuer.

Wie das?
In der Mitte unseres Hofs gibt es eine Feuerstelle mit Grill. Dort trifft man sich spontan. Das ist der beste Austauschplatz für Ideen und neue Projekte.

Das Feuer wird aber hoffentlich nicht hauptsächlich mit unfertigen und verworfenen Kunstwerken angeschürt?
Wo denken Sie hin? Das wäre ja auch äußerst schädlich für die Umwelt.

Kann man sich da auch als Besucher einfach mal dazusetzen?
Warum denn nicht? Gern! Wir haben in den Domagk-Ateliers aber auch regelmäßige Veranstaltungen. Etwa unseren Künstler-Sonntag an jedem dritten Sonntag im Monat. Dazu gibt es auch eine Führung durch die Ateliers. Jeweils rund zehn Künstler machen da mit. Los geht’s immer in unserer Halle, in der auch die Ausstellungen sind. Und dann gibt’s auch noch unsere Ateliertage, die diesmal im September stattfinden werden. Das wird wieder ein großes Spektakel. Aber zunächst fliegen wir ja erst mal auf den Mond!

Wie bitte?
1969 war die erste Mondlandung. Für uns war das ein Anlass, zum Thema Mond eine Ausstellung zu machen – mit etlichen Kollegen aus dem Haus und einigen weiteren von außerhalb. Wir wollen natürlich nicht die Mondlandung als technisch-politisches Großereignis beweihräuchern. Uns geht’s um eine künstlerische Umkreisung.

Na klar.
Das dürfte wirklich spannend werden. Holger Dreissig aus unserem Haus ist Spezialist für Science Fiction. Er wird am 29. Juni einen SciFi-Vortrag zur Geschichte all der abstrusen Vorstellungen halten, was sich auf dem Mond befinden könnte, bevor man wusste, wie’s dort genau aussieht. Das ist genau sein Thema. Wenn man allein nur an die vielen Stummfilme aus der Anfangszeit des Kinos denkt ...

Der Wettlauf zurück auf den Mond hat ja wieder begonnen.
Toll, gell? Die Chinesen, die Inder, die Amerikaner – alle lassen sie sich wieder von der Aufbruchseuphorie dieser Zeit anstecken. Oder denken Sie an die Pläne, den Mond zu bebauen, um von dort aus zu anderen Planeten aufzubrechen.

Und Sie müssen da natürlich künstlerisch dabei sein?
Selbstverständlich. Alle Utopien manifestieren sich doch früher oder später in der Realität. Da muss man nur mal an die Mode erinnern, die sich von der Mondlandungsbegeisterung inspirieren ließ. Und auch die tatsächliche Landestelle der Astronauten sah ja letztlich doch genau so aus, wie es uns Jules Verne schon weit früher erzählt hatte. Man weiß nie so genau, was von dem, was sich Künstler ausdenken, in das einfließt, was Wissenschaftler sich dann überlegen.

Verraten Sie doch noch schnell was man von Ihnen über den Mond erfahren wird?
Ich zeige ein raumgreifendes Triptychon, das den Betrachter in Mondscheinstimmung versetzt. Die weiteren Kunstwerke sind hauptsächlich skulptural oder Installationen.

Und wann hebt die Rakete ab?
Unsere Mondschein-Ausstellung öffnet am 15. Juni – zwei Tage vor Vollmond. Mit einer Sound-Collage mit den Original-Klängen aus den Apollo-Missionen von Markus Muench sowie einem LunaCloth Move von Miro Craemer. Weitere Arbeiten zeigen Daniel Goehr, Simon James, Kerstin Skringer und Matthias Hirtreiter. Ein Mond-Picknick im Innenhof des Atelierhauses darf natürlich auch nicht fehlen.

Interview: Rupert Sommer

Mehr zum Thema

Auch interessant

Ansichtssache

Senga Nengudi im Lenbachhaus: Energetische Raumerkundung

Senga Nengudi im Lenbachhaus: Energetische Raumerkundung

Ausstellung

Maya Muth: Pop Up Art Show

Maya Muth: Pop Up Art Show

Tipps

20 Jahre „Lange Nacht der Münchner Museen“ – 5 Tipps der Redaktion

20 Jahre „Lange Nacht der Münchner Museen“ – 5 Tipps der Redaktion

MUCA

Kreative Zeitkapsel

Kreative Zeitkapsel