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Fotografin Sylwia Makris: „Sehr bewegliche, freche und frische Energie in Polen“

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Von: Andreas Platz

Die Fotografin Sylwia Makris
Hat sich über die aktuelle Foto-Arbeiten mit ihrem Heimatland versöhnt: Sylwia Makris © Christian Martin Weiss

Die in München lebende Künstlerin Sylwia Makris zeigt in der Kunsthalle politische Fotos, die berühmte Gemälde re-inszenieren. Unbedingt sehen! 

Frau Makris, die Bilderausstellung „Stille Rebellen“ in der Kunsthalle hat Münchens Kunstfans die Augen geöffnet für viele tolle Bilder und Maler, deren Wirken hierzulande bislang viel zu wenig bekannt ist. Was hat Sie eigentlich auf die Idee gebracht, diese Werke in einem zweiten Schritt noch einmal in der Foto-Kunst weiterzubearbeiten und auf Ihre Weise neu zum Leben zu erwecken?
Die Anregung, Werke aus der Ausstellung neu zu interpretieren, kam eigentlich vom Team der Kunsthalle selbst. Ich hatte dort schon einmal eine Ausstellung während der dort gezeigten Samurai-Sammlung. Da die Kunsthalle meine Serie „The Old Masters“ kannte, kam die Idee zu mir, auch Bilder der Ausstellung neu zu interpretieren und unter dem selben Dach wie die Original-Werke zu zeigen.

Ihre grandiosen Inszenierungen lassen sich oft wie ein Kommentar zu sehr aktuellen politischen Entwicklungen lesen: Welche Botschaften waren Ihnen besonders wichtig?
Die Bilder beleuchten verschiedenste Probleme nicht nur der aktuellen Entwicklungen in Polen. Ich habe über die letzten Jahre intensiv den Abbau von Demokratie und die Spaltung der polnischen Gesellschaft beobachtet. Aus meiner Frustration und einem Gefühl der Ohnmacht heraus habe ich mich dann entschlossen, verschiedenste meist künstlerisch arbeitende Personen, die die liberale Seite der polnischen Gesellschaft vertreten und auf unterschiedliche weise Beiträge zum Erhalt eines kritischen, offenen und progressiven Polens leisten, in den Bildern agieren zu lassen. Viele davon sind jedem Polen bekannt und ihre Haltung muss dort niemandem erst erklärt werden.

In die poetische Idylle der alten Gemälde haben Sie teilweise fast schon Grusel-Effekte eingebaut, die man auch als Hinweis auf aktuelle Konflikte oder sogar auf den Angriffskrieg in der Ukraine eingebaut. Wie tief sitzt denn der Schock bei Ihnen, der ja auch ein radikaler, lange nicht für möglich gehaltener Kulturbruch ist?
Meinen Sie das Bild mit dem „Fantastischen Garten“? Dort geht es um den Raubbau an der Natur. Der Ukrainekonflikt war zu dem Zeitpunkt noch nicht aktuell. Zu der Zeit war die Flüchtlingsproblematik an der Weißrussischen Grenze akut. Diese Flüchtlinge wurden aufgrund der falschen Hautfarbe und Religion, anders als während des andauernden Ukrainekrieges, nicht ins Land gelassen.

Schon die Symbolisten der Ausstellung hatten ja Botschaften in Ihre Bilder eingebaut, nun ergänzen und erweitern Sie diese Bildsprache: Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Kunst auch tatsächlich etwas bewirken und Menschen zum Umdenken und Aktiv-Werden veranlassen kann?
Große Hoffnung auf eine aktivierende und aufklärende Wirkung habe ich inzwischen nicht mehr. Die Bilder erreichen ohnehin nur diejenigen, die sie verstehen und lesen können und politisch nicht konservativ eingestellt sind. Eine mögliche Wirkung ist aber, bestimmten Personen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen und zu zeigen, wie viele in Polen mit Mut und Konsequenz ihre Position vertreten. Diesen Menschen auf diesem Wege eine Stimme zu geben oder ihre Stimme zu verstärken, war mir schon wichtig. Und nicht zuletzt hat mich diese Reise wieder mit meinem Heimatland versöhnt.

Wie meinen Sie das?
Da sind so viele sehr bewegliche, freche und frische Energien, die ich in Deutschland viel weniger spüre, da hier niemand ein Risiko eingeht, wenn er eine nicht Mainstream-taugliche Position einnimmt.

Ganz praktisch: Gemälde mit realen Menschen als Foto-Modelle nachzustellen, klingt ja nach einem enorm aufwändigen Vorhaben. Wie lange hat es denn gedauert, bis Sie jeweils so ein Foto vorbereiten und dann herstellen konnten?
Generell war dieses Projekt aus verschiedenen Gründen überdurchschnittlich aufwändig und komplex. Die Recherche der passenden Gemälde und deren Potential für eine Neuinterpretation, das aufspüren und die Kontaktaufnahme mit den agierenden Personen. Erläuterung des Projektes, Koordination von Terminen und Reiserouten durch Polen. Die Vorbereitung der Kostüme… Schließlich die Shooting-Reise von mehreren tausend Kilometern kreuz und quer durch Polen mit Assistent, Kostümbildnerin und Maskenbildnerin in einem Auto voll mit Fotoequipment, Kostümen, Requisiten, Makeup, Reisegepäck…

Das klingt wirklich anstrengend.
Insgesamt war das alles schon sehr anstrengend, aber gleichzeitig wahnsinnig interessant, in so kurzer Zeit mit so vielen so interessanten Personen arbeiten zu können und von allen nichts als Rückenwind für das schöne Projekt zu spüren. Viele haben mir Ihre Arbeitsleistung wie Übersetzungen, Filmschnitt, Leihgaben von Requisiten etc. als ihren Beitrag zum Projekt geschenkt. Schließlich folgte noch die Phase der Bildbearbeitung, der Behandlung der Leinwände und vieles mehr. Bisher habe ich noch nicht mit so vielen verschiedenen Personen in so kurzer Zeit zusammengearbeitet, und das wäre nicht möglich gewesen ohne verbindenden Spirit, sich in die diese Idee zu geben, weil es jedem als wichtig und richtig erschien.

Interview: Rupert Sommer

Anlässlich der aktuellen Ausstellung „Stille Rebellen. Polnischer Symbolismus um 1900“ in der Kunsthalle zeigt Sylwia Makris in „Fotografierte Rebellen“ re-inzenierte Gemälde der polnischen Kunstgeschichte, die so die reaktionären Tendenzen in ihrem Heimatland kommentieren. Es geht ihr um Themen wie Toleranz, Glaube, Migration und die Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft. Ihre Ausstellung im Foyer der Kunsthalle ist noch bis 31. Juli zu sehen – bei freiem Eintritt. Alle Infos gibt’s hier.

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