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Foto-Künstlerin Astrid Ackermann: „Heimat ist ein Gefühl“

Erkunden spannende Rückzugsorte: Sylvia und Astrid Ackermann
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Erkunden spannende Rückzugsorte: Sylvia und Astrid Ackermann

Spurensuche mit der Kamera: Zusammen mit ihrer Musiker-Schwester Sylvia hat Astrid Ackermann die „Biotope“-Ausstellung konzipiert. Toller Ausflugstipp!

Sie haben Ihr spannendes, ungewöhnliches Ausstellungsprojekt Biotope genannt. In schützenswerte Nischen-Lebensräume hatten sich zuletzt ja viele Menschen mehr oder weniger bewusst und freiwillig zurückgezogen. Wie kamen Sie auf diesen Leitgedanken und in wie weit spiegelt er auch Hoffnung in harten Zeiten?
Sylvia Ackermann: Der Grundgedanke unseres Projektes ist der freiwillige Rückzug in eine besondere Lebensweise. Dabei geht es vorrangig darum, dem Leben eine Richtung zu geben und die nicht beliebig zu verändern, sondern immer weiter auszubauen. Dem Leben sozusagen ein Thema (mit manchmal kleinen Variationen) zu geben.

Astrid Ackermann: Ja genau…es geht weniger um das Optimieren des privaten Lebens, als um das Erweitern des Berufs ins Private. Im Positiven Sinne, also genau nicht um das home office.

Als Fotografin, die viel mit großen Künstlern, oft auch den weitgereisten Stars zu tun haben, blickten Sie zuletzt ja vermutlich oft immer wieder in erschöpfte, abwartende Gesichter. Wie sehr hat der zwischenzeitlich fast bizarre Stillstand der Kunst- und Veranstaltungswelt Sie mit geprägt?
Astrid: Ich muss sagen, dass ich in fast keine Gesichter mehr blicken konnte, wir trugen ja alle diese Masken. Um den Menschen nahe zu kommen, muss man ihnen halt auch nahe kommen können. Wir haben ziemlich bald deswegen mit unserem Fotoprojekt begonnen, erst mit Landschaftsaufnahmen, Recherchen und dann mit den Portraits. Ich brauche wohl den Kontakt mit den Gesichtern. Ich habe diesen Stillstand einfach künstlerisch genutzt für unser Projekt…

Den Großen der Musik- und Kunstwelt so nahe zu kommen, wie Sie das als Fotografin und streckenweise ja auch Wegbegleiterin machen, muss ja beflügeln sein. Aber sind solche Menschen nicht auch immer ein wenig anstrengend?
Astrid: Anstrengend wird es nur wenn es mir nicht gelingt hinter das Wunschgesicht der Person schauen zu dürfen.

Was hat Sie vielleicht sogar gerade im Kontrast an Ihren Mit-Miltenbergern, darunter ja einige echte Originale, so besonders gereizt?
Astrid: Ich hab da keinen großen Unterschied gespürt. Wobei natürlich hatte ich da einfach mehr Zeit… Letztlich ist ja jeder ein Original vor allem in seinem Biotop.

Ihren Heimatort muss der eine oder andere Großstädter ja vermutlich sicherheitshalber erst einmal wieder auf der Karte suchen. Wie hat es sich für Sie angefühlt, zumindest zeitweise wieder die alte Heimatumgebung aufzusuchen?
Astrid: Ich hab unglaublich viel Neues kennenlernen dürfen. Das ist ja das Tolle an meinem Beruf.

Wenn Sie die kleine Werbeeinlage nutzen wollen: Was macht für Sie die Magie Miltenbergs aus, und warum sollte man unbedingt dort einmal eine Ausflug planen?
Astrid: Der Kochkäse meiner Mutter und auf jeden Fall der Odenwald.

Sylvia: Fluss, Stadt, Berg, Wald, Wein, Bier - und das alles übersichtlich in einer Straße – der Hauptstraße.

Sie haben Ihre Ausstellung bewusst vor Ort über die ganz Stadt ausgedehnt – mit Exponaten in Schaufenstern und Ladengeschäften. Wie schwer war es, diese Türen geöffnet zu bekommen?
Sylvia: Ich lebe seit fast 20 Jahren wieder in meiner Heimat und bin mit den Menschen vor Ort immer in Kontakt. Es war kein Problem unsere Intention zu erklären und natürlich hat es auch eine Rolle gespielt, dass letztlich die Menschen in der Stadt „die Hauptrolle“ spielen.

Mit dem Heimat-Begriff wird gelegentlich wenig einfühlsam umgegangen. Was bedeutet er Ihnen eigentlich, und wo ist „Heimat“ für Sie?
Astrid: Heimat ist ja immer ein Gefühl, weniger ein Ort. Ein Ort an dem man sich erkennt.

Sylvia: Im Winter habe ich sowohl in der Familie unserer Mutter als auch unseres Vaters Ahnenforschung bis zurück ins späte 16. Jahrhundert betrieben und gemerkt, dass unsere Familien aus der Gegend stammen und gefühlt sozusagen schon immer hier gelebt haben. Das gibt einem schon das Gefühl hier auch seine Wurzeln zu haben und einfach verbunden zu sein mit allem, was hier so passiert.

Sie sind ja beide auf jeweils eigene Art Künstlerin: Wie leicht war es, sich für ein gemeinsames Projekt zu finden, wo gab es immer wieder auch mal Reibungen?
Sylvia: Ich habe schon länger nachgedacht über eine gemeinsames Projekt, das uns beide bewegen könnte. Als ich im Winter eine Geige beim Miltenberger Geigenbauer Hellmut Lang gekauft habe und öfter zum Ausprobieren da gewesen bin, habe ich gemerkt, dass das unser gemeinsames Projekt werden kann: Menschen, die man gut kennt in ihren Lebensräumen zu treffen und das auch zu dokumentieren. Genervt haben wir uns dabei wenig – nur mal in kurzen Momenten und dann stark. Dafür war das Thema viel zu spannend, intensiv und aufregend.

Astrid: Klar haben wir uns genervt. Das gehört ja dazu. Nur in einer intensiven Auseinandersetzung erfährt man ja was über sich und seine Vorstellungen.

Letzte Frage: Natürlich klingt das ein wenig träge: Aber klasse wäre es ja, wenn die Ausstellung später auch mal in München zu sehen sein würde. Wie könnten Sie sich das vorstellen, oder würden Sie für Ihre zweite „Heimat“ alles ganz anders anlegen?
Astrid: Das wird noch wachsen. Es fehlen ja noch so viele. Ich habe das Gefühl, da erst ganz am Anfang des Projektes zu stehen.

Sylvia: Ich habe ja selbst auch über 15 Jahre in München gelebt, und das war in dieser Zeit meine „erste Heimat“. Ich fände es schon cool, wenn wir als Wahlmünchner auch einmal das kleine Städtchen Miltenberg als Stadtbild mit Herz zeigen könnten – in der Weltstadt mit Herz.

Die freie Fotografin Astrid Ackermann lebt und arbeitet in München. Die Schwerpunkte ihrer fotografischen Arbeiten sind Theater und Musik. Sie fotografiert unter anderem für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sowie die Reihe zeitgenössischer Musik „musica viva“. Ihre Schwester, die Musikerin Sylvia Ackermann, fühlt sich auf verschiedenen Tasteninstrumenten zuhause und konzertiert auf Hammerflügel, modernem Klavier, Orgel und Virginal. Ihre Leidenschaft gilt den historischen Tasteninstrumenten und der historischen Aufführungspraxis, sie besitzt auch eine bedeutende Sammlung historischer Tasteninstrumente. Ihre gemeinsame „Biotope“-Ausstellung ist noch bis 15. August in Miltenberg zu sehen. Mehr Infos: www.galerie-cornelia-koenig.de

Interview: Rupert Sommer

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