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Malerin Angela Stauber: „Kunst eröffnet Räume jenseits aller Vorstellungskraft“

Lässt sich nicht gerne einengen: Angela Stauber
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Lässt sich nicht gerne einengen: Angela Stauber

Sehnsucht zulassen: Noch bis Ende des Monats kann man neue Arbeiten von Angela Stauber im Kunstverein Ottobrunn bestaunen. Im Interview verrät die Künstlerin, wie gut das nicht nur ihrer Seele tut.

Frau Stauber, schon vom Titel Ihrer neuen Ausstellung „Über Freude und Enttäuschungen“ spielen Sie auf nicht ganz alltägliche, unruhige Zeiten des Übergangs an. Wie sehr spiegeln die zwei Pole das Stimmungsbild, in dem Sie sich aktuell bewegen?
Der Titel kam uns schon vor einem Jahr in den Sinn, als wir im Lockdown Nummer eins über die Ausstellung nachdachten. Damals wie heute erlebe ich ihn mit einem gewissen Augenzwinkern, da man ja meistens nur über die Freuden oder Erfolge erzählt, aber selten darüber, dass einem das Essen angebrannt ist oder das Fahrrad wieder einen Platten hat. Freude und Enttäuschungen erleben wir tagtäglich, beides zusammen genommen bildet für mich eine stimmige Lebensrealität ab, egal ob wir uns in einer Pandemie befinden oder nicht. Insofern – ich bewege mich wie jede und jeder andere zwischen diesen Polen, aber ich versuche, mich davon nicht zerreißen zu lassen.

Man muss ja leider immer wieder fragen dieser Tage: Wie kommen Sie persönlich und in Ihrem näheren Umfeld mit den besonderen Herausforderungen dieser Tage zu Recht – was die Gesundheit angeht, aber auch die (hoffentlich) Gelassenheit und die Fähigkeit, den Kopf oben zu halten?
An sich komme ich mit der Situation ganz gut zu Recht. Es ist mir glücklicherweise gelungen, gesund zu bleiben und mich weiterhin zu motivieren. Die permanente Planungsunsicherheit seit nunmehr einem guten halben Jahr zehrt allerdings schon wahnsinnig an den Nerven. Da hilft es, sich auf die Kernaufgabe zu konzentrieren – das kreative Arbeiten.

Lockdown-Zeiten bedeuteten für viele Menschen ja oft unerwartet viel Zeit. Kommt das der Arbeit einer Künstlerin, die sich sonst sicher auch oft Ausgeruhtheit wünscht, eigentlich entgegen? Oder wie sehr nervt der gefühlte Stillstand?
In der Tat, ich würde mir einen großen Zeitüberschuss wünschen und lange inspiriert im Atelier sein. Leider gibt es auch in diesen Zeiten große Zeit-Fresser, da ich ständig (digitale) Termine absprechen und neu arrangieren muss. Aber mir kam entgegen, dass in den letzten Monaten trotz teilweiser Schließungen doch einige Ausstellungen und eine Einladung zu einem Wettbewerb passiert sind. Insofern hatte ich gut zu tun.

Man stellt sich gerade Maler ja oft so vor, als ob Sie für Sie besonders wichtig wäre, mit offenen Augen und stets bereits zum Austausch mit der Welt und Anderen durchs Leben zu gehen. Wie sehr trifft das auf Sie zu, und was bedeuten die etwas kleinräumigeren Begrenzungen für Sie?
Stimmt schon. Ich gehe gerne mit offenen Augen durch die physische Welt und liebe Gedankenaustausch. Gespräche mit Künstlerkolleginnen und Kollegen sind sehr befruchtend für meine Arbeit – und fehlen mir momentan sehr, auch ansonsten bin ich breit an vielerlei Wahrnehmungen interessiert. Ich sage bewusst Wahrnehmungen, denn was ich für problematisch halte, sind Meinungen, die mit Wahrheiten verwechselt werden. In Zeiten von reduziertem Austausch und weniger Gelegenheit, auf verschiedene Menschen zu treffen, wird das eigene Blickfeld leider kleiner. Ich versuche dies auszugleichen und Kontakte im Freien oder digital zu halten. Aber an sich kann ich es kaum mehr abwarten, wieder zu reisen, mich in einer Bar zu drängen oder per Zufall auf einer Vernissage neue Bekanntschaften zu machen.

Wie schwer war es eigentlich, eine Ausstellung wie jene wie aktuell im Kunstverein Ottobrunn auf die Beine zustellen?
Die größte Schwierigkeit war die Planungsunsicherheit im Vorfeld: Micha und ich wollten ortsbezogene Arbeiten vor Ort machen, was wir mehrmals umdisponiert haben. Kann der Kunstverein überhaupt öffnen? Wollen wir nicht besser verschieben? Dazu kamen die Brexit Schwierigkeiten beim Versand von Michas Arbeiten. Ich möchte hier nicht erzählen, wie hoch die Einfuhrzölle waren. Aber als alles da war, ging es letztendlich ganz schnell und die Ausstellung ist sehr spannungsreich geworden.

Sie beziehen sich mit Ihren Arbeiten ja auch auf den Raum vor Ort. Wie muss man das konkret verstehen, wie wichtig ist Ihnen die Wirkung im Raum?
Ich habe vor allem bei den 17 Aquarellen diejenigen ausgesucht, die Passagen oder sonstige Übergangssituationen zeigen. Den Kunstverein erreicht man nach dem Durchschreiten von Arkaden. Ich fand interessant, den Besucherinnen und Besucher im Bild eine Reflexionsmöglichkeit einer räumlichen Erfahrung zu bieten, die sie gerade selbst durchlaufen haben. Des Weiteren gibt es zwei großformatige Papierarbeiten, die zum Teil freischwebend im Ausstellungsraum hängen und so wiederum einen neuen Raum bzw. eine andere Choreografie durch die Ausstellung bieten.

Viel dreht sich um Durchgänge, Bögen, Laubengänge, Transformationen: Welche Sehnsüchte, aber vielleicht auch Ängste drücken sich da aus?
Gute Frage. Kunsthistorisch stehen Arkaden ja durchaus für Sehnsucht. Meine persönliche geht ganz klar dorthin, dass ich mir eine friedliche, plurale und ökologische Gesellschaft wünsche. Und ich bin überzeugt, dass Kunst einen Beitrag dazu leisten kann. Aber ich sehe natürlich auch andere Strömungen, die mir Angst machen. In meinen Arbeiten versuche ich anhand der architektonischen Situationen den Transformationsprozess zu beschreiben, in dem wir uns gesellschaftlich befinden. Also ein äußeres Bild zu finden für innerlich erspürte Themen. Besonders in den Bildern mit den Durchgängen kommt der momentane Zustand hervor: Man kann den leuchtenden Hintergrund erahnen, aber man hat ihn noch nicht erreicht.

Sie stellen gemeinsam mit dem aktuell in England lebenden Künstler Micha Eden Erdész aus. Wie kam der Kontakt zustande und wie ließ er sich zuletzt aufrechterhalten, wenn man kaum reisen kann?
Wir haben uns 2015 in London kennen gelernt, als wir Ateliernachbarn waren. Damals konnten wir uns sehr gut austauschen, obwohl unsere Arbeiten sehr unterschiedlich sind. Dieser Austausch hat sich noch vor Corona Zeiten über die Videotelefonie gehalten, nachdem ich wieder nach München zurückgezogen bin.

Vielleicht als letzter Tipp: Wie sehr hat für Sie die Beschäftigung mit der Kunst auch eine tröstliche Funktion und wie gut kann Sie dabei helfen, sich innerlich freier zu machen und an andere Orte zu wünschen?
Künstlerisches Handeln ist ein Segen! Es eröffnet Räume jenseits aller Vorstellungskraft und ist somit ein Grundbedürfnis, um zu existieren. Wer also gerade keine fremden Länder erkunden kann, kann sich mithilfe eines guten Kunstwerks auf die spannendste Reise in den eigenen Resonanzraum begeben.

Angela Stauber wurde 1977 in München geboren. Sie hat mit einigen Aufstellungen Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Als Malerin und Meisterschülerin von Sean Scully geht sie von sichtbaren Situationen wie urbanen Kontexten, Übergänge zwischen dem Innen- und dem Außenraum aus und verwandelt diese in farbige, spontane Setzungen und Flächen in Bilder. Alle Infos zur Künstlerin auf www.angelastauber.de

Die Ausstellung „Über Freude und Enttäuschungen“ findet bis 29. Mai im Kunstverein Ottobrunn statt. Alle Infos auf www.kunstverein-ottobrunn.de.

Interview: Rupert Sommer

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