Ortsgespräch

Steinzeit-Workshops zur Lascaux-Ausstellung: Rudolf Walter im Interview

Rudolf Walter gibt Steinzeit-Workshops zur Lascaux-Ausstellung

Noch bis 8. September ist in der Kleinen Olympiahalle die bildgewaltige Lascaux-Ausstellung mit einer originalgetreuen Reproduktion der 20.000 Jahre alten Höhlenmalereien zu sehen. Ein Highlight für sich.

Noch näher kommt man den juckenden Bärenfellen, den Mammutknochen und den Bison-Steaks, wenn man sich beim sympathischkauzigen Urzeitforscher Rudolf Walter für einen Steinzeit-Zeitreise-Besuchskurs anmeldet (workshop@lascaux-ausstellung.de).

Herr Walter, was hatten Sie denn heute zum Frühstück?
Keinen Bison! Kaffee. Zum Frühstück bin ich noch gar nicht gekommen. Ich esse meistens sehr wenig in der Früh.

Aus solidarischem Mitgefühl, weil es in der Steinzeit so schwer war, sich gleich für die erste Mahlzeit des Tages was Größeres zu besorgen?
Es gibt ja Trends, die wir aus dieser Zeit ablesen: das Intervall-Fasten etwa. Auch Paläo-Ernährung ist derzeit sehr modern. Da geht es darum, dass man damals tatsächlich nicht so regelmäßig gegessen hatte, wie wir das heutzutage gewohnt sind.

Für Sie ist Ihr Fachgebiet weit mehr als nur eine wissenschaftliche Beschäftigung. Sie leben sich schon weit rein in die Themen, die Sie faszinieren?
Vor allem die technischen Fragen interessieren mich sehr. Ich hatte mal Schreiner gelernt, bevor ich Urgeschichte studierte. Die handwerklichen Fragen meines Fachs faszinierten mich deshalb schon immer. Welche Werkzeuge benutzten die Menschen in der Altsteinzeit? Genau solche Themen sehen wir auch in der Lascaux-Ausstellung. Dort gibt es unter anderem auch Werkzeug-Funde, die bei den Ausgrabungen in der Höhle gemacht wurden.

Was genau denn?
Man hat zum Beispiel Speerspitzen mit Kleber-Resten daran gefunden.

Kleber?
Die steinzeitliche Variante eben. Damit wurden die Pfeilspitzen im Holz befestigt. Das Holz ist über die Jahrhunderte hinweg natürlich verrottet. Auf solche Themen lasse ich mich sehr stark ein und versuche praktisch nachzuempfinden, wie man damals solche Werkzeuge oder Waffen angefertigt und eingesetzt hat.

Wenn Sie privat mal die große Uhr zurückdrehen: Wie kamen Sie denn eigentlich zu der nicht ganz alltäglichen Leidenschaft für die Urgeschichte der Menschheit?
Es gab schon Schlüsselerlebnisse. Schon mein Vater interessierte sich für alte Dinge. Er besaß eine riesige Sammlung vor allem mit Gegenständen aus dem Mittelalter. Schon als Kind fand ich faszinierend, wie man herausfinden konnte, aus welcher Zeit eine Scherbe stammt, die man auf einem Acker gefunden hatte. Seit dieser Zeit wollte ich Archäologe werden.

Wie kamen Sie dann aber zur Frühgeschichte?

Ich bin sogar in der alten Steinzeit bei der Eiszeitforschung gelandet, was sehr wenige Leute machen. Dass sich so wenige damit befassen, verwundert mich immer. Immerhin ist es der bisallerlängste Abschnitt der menschlichen Geschichte.

So kann man’s auch sehen.
Tatsächlich liegt sie natürlich am weitesten weg. Und wir wissen am wenigsten über die alte Steinzeit. Ich bin auf der Schwäbischen Alb groß geworden. Dort gibt es Höhlen, in denen sich Sedimente aus dieser alten Zeit sehr gut erhalten. Das wissen die Forscher schon seit rund 150 Jahren, als sie anfingen, nach Eiszeittieren wie Mammuten oder Wollnashörnern zu graben. So eine Fundstelle gibt es auch bei uns im Ort. Klar, dass die für mich zu einer Art zweitem Zuhause wurde. Mein Vater ist Elektriker. Er hat diese Höhle in den 60er Jahren elektrifiziert, um sie zu beleuchten. Mittlerweile ist das eine Welterbe-Fundstelle, die mich seit meinen Kindertagen beschäftigt. Zwischenzeitlich hatten wir sogar mal einen Schlüssel für die Höhle.

Ein Privatzugang in die Steinzeit?
Wir konnten Besuchern die Höhle zeigen und erklären. So kam ich in Kontakt mit der Wissensvermittlung. Vorher sollte ich aber erst was Vernünftiges lernen. Erst nach meiner Schreiner-Ausbildung ging ich dann an die Uni, um Urgeschichte zu studieren.

In München kann man Sie als Spezialisten kennenlernen, der Besuchern der Lascaux-Ausstellung in praktischen Workshops Hintergründe zum Alltag in der Steinzeit vermittelt. Wann haben Sie eigentlich Ihre pädagogische Ader entdeckt?
Einer meiner Professoren in Tübingen, Joachim Hahn, hatte mich stark geprägt. Er war sehr daran interessiert, die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm herauszuholen. Deswegen organisierte er selbst viele Führungen etwa im Eiszeitmuseum in Blaubeuren – und verkleidete sich dafür auch.

Nicht ganz der übliche deutsche Professor, oder?
Er war ein sehr anerkannter Wissenschaftler, der in der ganzen Welt forschte. Aber er hatte eben auch den Schalk im Nacken. Manchmal stellte er sich im Museum in eiszeitlicher Kleidung in eine Vitrine. Wenn Schulklassen vorbeikamen, erwachte im Ausstellungsfenster dann plötzlich ein Eiszeit-Jäger zum Leben. Ich fand das sehr witzig. Und die Kinder waren natürlich begeistert.

Ein prägender Kauz für Sie.
Auf jeden Fall. Er holte mich in seinen Arbeitskreis am Museum und inspirierte mich stark. Seither mache ich museumspädagogische Programme – seit jetzt schon 25 Jahren.

Was haben Sie denn im Angebot?
Üblicherweise sehr viel: etwa Übernachtungen in Höhlen. Dafür hatte ich sogar mit „Urgeschichte hautnah“ einst eine eigene Firma gegründet, mit der ich mich selbstständig machte. Nach und nach bin ich aber auf den Ausstellungsbau umgestiegen. Mittlerweile ist das der Schwerpunkt meiner Arbeit.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Ich nähe zum Beispiel Kleidung für Ausstellungen – für Neandertaler-Figurinen. Immerhin habe ich über Kleidungsthemen in Tübingen magistriert. Außerdem baue ich Zelte oder gestalte begehbare Vitrinen und Dioramen. Gleichzeitig biete ich aber immer noch Vorführungen zu steinzeitlichen Techniken an – oder eben wie hier in München thematische Workshops.

Wie muss man sich denn zuhause Ihre Garderobe vorstellen? Wie viele Pelze hängen da?
Mittlerweile verkleide ich mich meistens steinzeitlich komplett – je nach Witterung. Leider haben wir ja meistens keine steinzeitlichen Temperaturen draußen, wenn ich solche Kleidung trage. 

Das sind Erfahrungen und Alltagsprobleme, die Sie fast exklusiv haben.
Glauben Sie mir: In einem Rentierfell-Parka geht man bei Temperaturen über Null fast ein. Es ist höllisch warm drin. Normalerweise trage ich Lederhosen und Lederhemden, dazu Fellstiefel oder Leder-Mokassins.

Fesch.
Wir wissen nicht sehr viel über die Schnitte von damals. Es gibt Anhaltspunkte, wie Kleidung hergestellt wurde – etwa über Gebrauchsspuren. Außerdem gibt es Hinweise auf die Art der Gerbung. Ich trage in der Regel mit Rinde oder Fett gegerbte Sachen. Außerdem kennen wir die Nähmaterialien: Ich nähe mit Darm und mit Sehnen. Nähnadeln aus Knochen hatte man auch in Lascaux einige gefunden. Wenn es kalt ist, ziehe ich noch eine Fellmütze oder einen Parka drüber.

Besucher der Höhle von Lascaux erzählten oft, dass sich ihr erstes Betreten wie das Eintreten in ein ganz besonderes Museum oder in eine Kathedrale angefühlt hat. Wie kommt es, dass uns diese Wandmalereien auch heute noch so stark ergreifen?
Lascaux ist eine der bedeutendsten bemalten Höhlen. Sie ist ja auch schon seit 1979 Welterbe. Es ist vor allem die Komposition der Bilder, die wir sonst in anderen Höhlen nur sehr selten haben, die so stark beeindruckt. Und auch die unwahrscheinliche Raumwirkung: Man meint wirklich, man stünde inmitten der eiszeitlichen Tiere. Und selbst nach 20.000 Jahren leuchten die Farben immer noch so stark. Mich beeindruckt selbst immer wieder die Dynamik, die Kraft, die Ausdruckstärke, die in diesen Tieren steckt.

Der Wirkung kann man sich auch heute kaum entziehen.
Es ist eben auch eine Art sakraler Raum. Die Bilder enthalten Botschaften und vermitteln auch Gefühle. Einige Darstellungen lassen sich so lesen, als ob sie von einem Übergang vom Reich der Lebenden ins Reich der Toten erzählen.

Für Sie ist die Höhle nicht nur eine illustrierte Speisekammer?
Nein, nein. Thema meiner Workshops ist die Frage: Wie hat der eiszeitliche Mensch gelebt? Da spielt natürlich auch die Ernährung eine Rolle. In der Regel mache ich mit den Teilnehmern eine kleine Zeitreise. Wir gehen in 1000-Jahres-Schritten durch die Vergangenheit, schließen die Augen und stellen uns die Welt von früher vor. Nach vier solchen 1000er Schritten sind wir auch schon wieder mit den Metallzeiten durch und wieder in der Steinzeit angekommen.

Auf Ihrer Zielgeraden.
Später konzentrieren wir uns aufs Jung-Paläolithikum, also die junge alte Steinzeit, in der auch die Höhle von Lascaux zu verorten ist. Danach bekommen die Leute dann einen Oberschenkelknochen eines Wollnashorns in die Hand. Oder sie können einen Mammut-Backenzahn mit einem Pferde-Backenzahn vergleichen. Wir nehmen uns Stein-Werkzeuge vor und machen selbst Feuer wie in der Eiszeit. Was die meisten Leute gar nicht wissen: Mit einem zerschlagenen Bison-Knochen kann man ein Feuer unterhalten. Wer möchte, kann sich dann auf unserem Feuer ein schönes Stück Bison, Pferd oder Rentier braten.

Mahlzeit!
Ein Bison-Filet, frisch eingeflogen aus Kanada, war sicher nicht zu erwarten, bei einem Workshop, der kostenlos ist. Das biete ich beim Workshop an. Ich koche kein Menü. Wer das möchte, kann aber einmal die Haupt-Jagdtiere dieser Zeit, Bison, Pferd und Rentier probieren.

Klingt faszinierend. Wie kommt man mit Ihnen in Kontakt?
Ich werde im Juni noch einmal neun Workshops anbieten, für die man sich vor Ort in der Ausstellung oder über die Homepage anmelden kann. Über ein gemeinsames Projekt – die Beschäftigung mit der Ernährung oder mit der Kunst von Lascaux – kommen wir gemeinsam zur zentralen Botschaft: Was waren das für fähige Menschen damals!

Interview: Rupert Sommer

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