Ortsgespräch

Sven Femerling im Interview über "100 Jahre Bavaria Film" 

Sven Femerling

Hier schlägt das Nerd-Herz schneller: Wir haben Sven Femerling zur Austellung "100 Jahre Bavaria Film" im Filmstadt Atelier befragt

Auf dem Filmgelände in Grünwald kann man jetzt an Harald Juhnkes Cowboystiefeln schnuppern, vor dem Motorrad von Steve McQueen aus „Gesprengte Ketten“ in die Knie gehen und mit dem „Raumschiff Orion“ durchs All düsen. 

Kuratiert hat die Jubiläumsschau der Filmfreak Sven Femerling. Und beim Stöbern im Fundus setzte bei ihm gleich mehrmals Schnappatmung ein.

Lieber Herr Femerling, Sie beschäftigen sich seit längerem leidenschaftlich mit der Filmhistorie. Ist die Aufgabe, so eine Jubiläumsausstellung zu konzipieren so ein bisschen wie der Besuch in der Schokoladenfabrik?
In diesem Fall schon. Ich war schon immer sehr an der Bavaria interessiert, weil ich auch schon mal eine Dokumentation über „Das Boot“ gemacht habe. Nach diesem Projekt durfte ich dann noch einmal ein bisschen tiefer in das Filmarchiv hier vor Ort schauen und staunte schnell, was man noch so alles finden konnte. 

Was denn zum Beispiel?
Als erstes bin ich über Monty Python gestolpert. Die legendäre Truppe hatte ja auch auf dem Bavaria-Gelände gedreht – zum Teil sogar auf Deutsch. Das war aber schon ein Fund von vor zehn Jahren. Zusammen mit einem Kollegen habe ich mich schon zum 90. Geburtstag der Bavaria in den Archiven umgeschaut. Unsere Idee, daraus einmal eine große Ausstellung zu machen, stieß dann rasch auf Interesse. Weil die Bavaria früher in diesem Bereich gar nicht so viel gemacht hat. Meine ersten Besuche im Fundus der Bavaria fühlten sich dann wirklich wie in der Schokoladenfabrik an. 

Während ein Film gedreht wird, kann ja in der Regel noch niemand so recht abschätzen, ob das wirklich ein Knaller werden wird, an den man sich auch Jahre später gerne erinnert. Wird denn in einem Filmstudio überhaupt viel aufgehoben?
Das ist ganz unterschiedlich. Was bei der Bavaria immer schon sehr gut dokumentiert wurde, sind die Fotos vom Set. Da gibt es ein tolles Archiv, das eigentlich bis zum Beginn der 50er Jahre zurückreicht und gut bestückt ist. Alle Themen, die die Historie im Dritten Reich angehen, als auf dem Bavaria Gelände ja auch weiter gedreht wurde, befinden sich in anderen Institutionen und Archiven. Von der Nachkriegszeit an ist eigentlich alles, was hier gedreht wurde, von den Fotos her sehr gut erfasst – bis in die 80er Jahre. Dann nämlich hört das analoge Archiv auf. 

Der Fluch des technischen Fortschritts.
Damals kamen die ersten digitalen Kameras zum Einsatz. Seitdem schwirren auch viele Setfotos auf irgendwelchen Rechnern herum. Auch wenn es immer wieder Bestrebungen gab und gibt, diese Schätze zentral zu bündeln. Mit den analogen Set-Fotos, Diapositiven, Negativen, und den guten alten Papierabzügen, war das einfacher. Aber selbst diese Sammlungen zu sichten, hat Monate gedauert. 

Sie haben bei der Vorbereitung ja mit den Bavaria-Produktionen zu tun. Allerdings ist jedes Filmprojekt ja auch eine Art Flohzirkus mit vielen Kreativen mit jeweils ganz eigenem Arbeitsstil und vermutlich auch Ablage-Praktiken. War denn sichergestellt, dass zu jedem größeren Filmprojekt so eine Art Logbuch und eine Sammlung von Set-Fotos geführt wurden?
Die Praxis schwankte da immer sehr. Gerade bei den großen internationalen Produktionen wie etwa „Eins, Zwei, Drei“ von Billy Wilder wurde teilweise alles nach Drehschluss sofort wieder eingesammelt und mitgenommen – alle Negative, Konzeptbögen, Skizzen. Im Archiv fand ich dazu so gut wie nichts mehr. Vieles musste ich an weit verteilten Orten zusammensuchen. Und wenn Sie Kostüme und Sets ansprechen: Da gibt es in der Regel gar nicht den Platz, sowas aufzuheben. Es wurde schon immer viel wegschmissen und verschrottet. 

Gibt es nicht Schauspieler, die ihre Kostüme privat behalten, etwa weil der maßgeschneiderte Anzug so gut passt?
Kommt immer wieder vor. Steve McQueen hat alle seine Filmkostüme behalten. Die Fliegerjacke, die er im bei der Bavaria mitproduzierten Film „Gesprengte Ketten“ trägt, ist vor einigen Jahren erst zu einer Versteigerung gekommen. Zusammen mit McQueens Waffen- und Motorradsammlung. Beim „Boot“ war es auch so: Da hat wirklich jeder was vom Dreh aufbewahrt.

Über meine Arbeit für die damalige „Das Boot“-Ausstellung hatte ich mich schon ganz gut in der Branche umhören und ein Netzwerk aufbauen können. So habe ich immer wieder ehemalige Film-Beteiligte kennengelernt, die Keller voller faszinierendem Zeug haben. Vieles davon können wir nun als externe Leihgaben auch in unserer neuen Ausstellung zeigen. Allerdings war schon immer bei vielen Produktionen das Aufspüren der ehemaligen Kostüme besonders schwer. 

Warum das?
Viele Kostüme werden einfach weiterverwendet. Sie gehen nach Drehschluss in den Kostümverleih oder werden zum Teil auch verkauft. 

Der Leder-Harnisch von Kirk Douglas ist ja ein Prunkstück Ihrer Ausstellung.
Das gute Stück war aber bis zuletzt noch im Kostümverleih unterwegs und kam etwa vor kurzem noch als Verkleidung beim Starkbieranstich zum Einsatz. In Deutschland sind wir noch nicht ganz so weit, aber in den USA und Großbritannien ist es so: Direkt nach Abschluss einer Produktion werden die Gegenstände, Fotos und Kostüme aus dem Film versteigert. Das ist ein richtiger Markt. 

Fan-Leidenschaft für Filmliebhaber ohne allzu viel Raumnot.
Viele Sammler kaufen im großen Stil Filmgeschichte auf. Das Internet hat dieses Geschäft beflügelt: Es ist mittlerweile viel einfacher, Dinge zu finden, die man gerne haben möchte. 

Das Bavaria-Gelände mit seinen vielen Gebäuden und Studios wirkt für die meisten Besucher erst einmal riesig. Trotzdem: Ein zentrales Lager, in dem man einfach mal so auf Verdacht Kulissen, Requisiten und ähnliches Zubehör für die Ewigkeit einlagert, gibt es nicht?
Diesen Luxus kann man sich nicht einfach so leisten. Allerdings hat die Bavaria schon den großen Vorteil, dass es die Filmtour gibt. Über sie gibt es schon länger die Möglichkeit, die Erinnerung an große Bavaria-Produktionen zu inszenieren. Solche Angebote kann man dann über eine Zeitlang hinweg laufen lassen und dann gut abschätzen, ob die Besucher das annehmen und ob die ausgestellten Stücke auch in fünf oder zehn Jahren noch relevant sein werden.

Leider hat sich in der gesamten Branche immer wieder mal herausgestellt, dass bestimmte Filme eben doch nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Und dann hat man die Dinge eben weggeworfen. Hinzukommt, dass viele Film-Bauten auch nicht wirklich für die Ewigkeit konstruiert wurden. 

Irgendwann nagt der Zahn der Zeit an jeder Kulisse.
Viele Film-Bauten müssen schnell – und improvisiert – entstehen. „Das Boot“ ist zum Glück etwas anders. Das ist aus Bau-Stahl gefertigt. Das wird uns noch lange erhalten bleiben. 

Film-Leute waren oft ziemlich pragmatisch. Und gerne auch mal Bastler.
Na klar. Denken Sie nur an die tolle Bavaria-Produktion „Raumschiff Orion“. Damals wurden coole Spezialeffekte entwickelt – einfach durchs „Trial and Error“-Prinzip. 


Sie spielen auf den berühmten Einsatz von Haushaltsgeräten an.
Das Set mit der „Zentrale“, der Raumschiff-Kommandobrücke, hatte ziemliche Ausmaße und stand in der großen Halle 4/5. Es gab da unheimlich viele bewegliche Teile, und man musste viel Licht setzen – auch von unten. Trotz dieses gewaltigen Aufwands wurde dann doch viel improvisiert. Man verwendete aufgebogene Bananenstecker. Die Bedienelemente an den Kommandotischen sind relativ futuristisch aussehende Bleistiftanspitzer. Und natürlich wurde auch ein Bügeleisen von Braun verarbeitet. 

Kreativität aus dem Fachhandel.
Bei Großproduktionen wie „Star Wars“ lief das doch oft ganz ähnlich: Immer wieder wurden Fundstücke aus dem echten Alltagsleben beim Film kurzfristig umfunktioniert. Sie kennen doch sicher das berühmte „Kit Bashing“? 

Oh je, was meinen Sie damit?
Die Setdesigner von „Star Wars“ hatten sich damals unzählige Plastikmodelle von Panzern für Kinder gekauft, sie mit dem Hammer kaputt geschlagen und die Einzelteile als detailreiche Patina auf ihre Raumschiffmodelle geklebt. Ideen muss man haben. Allerdings will ich den Aufwand bei „Raumschiff Orion“ gar nicht schmälern. Damals schon wurde im großen Maßstab Plastik tiefgezogen. 

Für Einrichtungsteile?
Es gibt spannende Fotos aus den Bavaria-Werkstätten. Es war bei vielen organischen Formen mit den markanten Rundungen, die am Set zum Einsatz kamen, gar nicht möglich all das aus Holz zu bauen. Also entwickelte man aufwändige, tiefgezogene Plastikteile. Leider gingen die relativ schnell kaputt. Da musste nur jemand unachtsam dagegen laufen – schon hat’s gekracht! Allerdings war es kein Problem, in der Werkstatt rasch ein Ersatzteil zu ziehen. Mit ein bisschen Farbe sah das Plastik aus wie Stahl. 

Jeder, der vielleicht schon länger in München lebt, kennt den klassischen Familienausflug zur Bavaria Filmtour. Ab wann stand im Studio eigentlich fest, dass es sich lohnt, Geschichten zu erzählen und die eigene Historie aufleben zu lassen?
Los ging’s mit der Idee 1981. Damals war das ursprünglich aber nur für die Dauer eines Sommers geplant. 

So zurückhaltend?
Man wusste nicht recht, ob das bei den Leuten ankommt. Schon am ersten Tag, als man die Ausstellung aufsperrte, wartete draußen eine große Menschenmasse. Vorher konnten nur ausgewählte Besucher das Studiogelände erkunden – etwa Ehrengäste der Staatskanzlei. Schnell stand fest, dass es ein großes allgemeines Interesse gibt, mehr über die Bavaria-Produktionen vor Ort zu erfahren.

Und so setzte sich die Erfolgsgeschichte in Gang. 1981 war kein Zufallsdatum: Da gab es eine erste große Sogwirkung durch „Das Boot“. Seit jeher war das große Modell die erste Attraktion für die Besuchergruppen. Und auch heute noch ist sie ein Schmuckstück. 

Steve McQueens Bike aus „Gesprengte Ketten“. Aber auch der Rolls Royce aus der Serie „Graf Yoster gibt sich die Ehre“: Auch in der neuen Ausstellung gibt’s schmucke Motorkraft, die Besucher ködern dürfte.
Der Rolls gehört seit jeher der Bavaria. Er wurde aber auch fleißig für alles Mögliche benutzt. 

Aber doch nicht nur, um die Studio-Geschäftsdirektoren herumzukutschieren?
Bei der Bavaria fuhr man schon immer gerne mehrgleisig. Als eine der ersten eleganten Limousinen der Geschäftsführung in den 60er Jahren durch ein neues Fahrzeug ersetzt wurde, hat man das Auto zu einem Kamerawagen umgebaut. Da hatte man hinten einfach ein Stück herausgesägt, größere Reifen aufgezogen und dann aus dem Auto heraus gedreht. War sehr praktisch – einfach, weil die Karre so schwer war und daher so ruhig auf der Straße lag. Improvisation ist das A und O beim Film. 

Letzte Frage: Bei welchen Objekten, die Sie für die Ausstellung zusammengetragen haben, stockte Ihnen beim Auffinden eigentlich selbst noch der Atem?
Geweint habe ich nicht. Aber es gibt schon Momente, in denen man den Eishauch der Geschichte spürt. Vieles hat mit persönlichen Vorlieben zu tun. Wo ich zuletzt laut „cool“ gesagt habe: Das war der Moment, als wir die Cowboy-Stiefel fanden, die Harald Juhnke in „Schtonk“ trug. 

Juhnke in Cowboy-Stiefeln?
Nicht gerade die erste Erinnerung, die auch mir durch den Kopf schoss, als ich an Juhnke dachte. Aber im Film hatte er sie getragen. Und dann natürlich der Baseball von Steve McQueen aus „Gesprengte Ketten“. Das war einfach so ein toller Überraschungsfund. Bei uns hat sich völlig unerwartet jemand gemeldet, in dessen bayerischer Pension McQueen während der Dreharbeiten übernachtet hatte.

Zum Abschied hatte er damals den Ball verschenkt. Der Besitzer, der damals noch sehr jung war, hat das gute Stück über all die Jahre in einem Einmachglas aufbewahrt. Jetzt ist der Baseball wieder bei uns zu sehen. 

Interview: Rupert Sommer

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