Ortsgespräch

10 Jahre Museum Brandhorst: Direktor Achim Hochdörfer im Interview

Achim Hochdörfer

Unter dem selbstbewusst-optimistischen Motto „Forever Young“ startet am 24. Mai die große Party-Ausstellung zum 10-Jahre-Geburtstag des Museums Brandhorst.

Direktor Achim Hochdörfer hat dafür die Schätze der Sammlung komplett neu hängen lassen. Und auch der Publikumsliebling – Cy Twombly mit seinem „Rosensaal“ – kehrt dafür wieder in ursprünglicher Pracht zurück. Den kauzigen US-Künstler, der 2011 in Rom verstarb, hatte Hochdörfer selbst gut kennengelernt, als er noch als Student an einem Twombly-Werkverzeichnis mitarbeitete.

Herr Hochdörfer, zehn Jahre sind ein schönes Jubiläum. Trotzdem steckt man in dem Alter ja fast noch in den Kinderschuhen.
Zum einen stimmt das. Viele Leute sprechen mich an und sagen: Die Eröffnung ist jetzt also schon zehn Jahre her. Das war doch erst gestern! Zum anderen dürften viele Münchner wahrscheinlich denken, dass das Museum Brandhorst sich sehr gut eingefügt hat, sodass man meinen könnte, es gehöre schon lange zur hiesigen Museenlandschaft. Wir sind als Teil des Kunstareals ja auch Teil der Stadtkultur.

Und ja auch kaum zu übersehen.
Das macht die tolle Fassade mit den 36.000 Keramikstäben, die ja das HausKlima in der Farbgebung unserer Nachbarschaft widerspiegeln.

Ist das so gedacht?
Das war die ursprüngliche Idee. Deswegen hat man auch das Gefühl, der Bau hat sich sehr natürlich an seiner Stelle eingebettet.

Alle Termine der Jubiläumsausstellung "Forever Young" im Museum Brandhorst auf events.in-muenchen.de

Sie feiern den Museumsgeburtstag mit einer neuen Hängung. Was darf man sich erwarten?
Man darf sich auf eine echte Neuentdeckung freuen. Viele wissen ja, dass wir die größte Sammlung mit Werken von Cy Twombly oder die mit Abstand größte Münchner Sammlung mit Werken von Andy Warhol haben. Und dass wir auch sonst über einen großartigen Schatz an Werken seit den 60er Jahren verfügen. Was aber viele nicht wissen – selbst viele Fachleute nicht: Dank der Kooperation von Staat und Brandhorst Stiftung, die unser Museum in seiner ganzen Identität ausmacht, sind wir in der Lage, Kunst anzukaufen. Und das in einem Ausmaß, wie das sonst kein öffentliches Haus in Deutschland machen kann. Wir haben dadurch ein enormes Wachstum in unserer Sammlung.

Das müssen Sie konkreter aufschlüsseln.
In der Jubiläumsausstellung können wir Highlights zeigen, die viele unserer Besucher schon kennen – etwa Cy Twombly, Keith Haring, Jean-Michel Basquiat. Gleichzeitig wollen wir aber den Zuwachs an Werken in den zehn Jahren seit der Eröffnung präsentieren. Wir haben unsere Schätze in dieser Zeit fast verdoppelt.

Kaum vorstellbar, das so etwas überhaupt noch möglich ist.

2009 eröffnete das Museum mit rund 700 Kunstwerken. Mittlerweile stehen wir bei über 1200. Das hat sich noch gar nicht richtig herumgesprochen. Wir sind ein dynamisches Haus. Und wenn man so will, sind wir das Museum zeitgenössischer Kunst in München.

Sie sind als Verantwortlicher für die Sammlung in einer beneidenswerten Situation. Die Kollegen an den anderen großen Museen feiern teilweise viel bescheidenere einzelne Neuzugänge als Großereignisse.
Was wir hier machen können, ist sicher nicht selbstverständlich. Für München und die Bayerische Staatsgemäldesammlung ist es eine großartige Chance, dass wir gemeinsam mit der Sammlung Moderne Kunst, die ja auch über den Freundeskreis PIN und weitere Quellen über einen Ankaufsetat verfügt, das gesamte Areal hier im Münchner Museumsviertel in die Zukunft bringen dürfen.

Wo stecken eigentlich die tollen Brandhorst-Kunstwerke, wenn Sie nicht ausgestellt werden? Sitzen Sie mit Ihrem Museumsbüro auf einem unterirdischen Schatz-Speicher?
Das Museum Brandhorst hat drei Stockwerke. Ein ebenerdiges, darüber dann ein Stockwerk, das mit Oberlicht versorgt ist – mit der Cy-Twombly-Etage. Und dann gibt es natürlich noch unser Untergeschoss, in das man über die große Treppe in den Patio unten gelangt. Darunter befinden sich – nicht zugänglich für die Öffentlichkeit – noch zwei weitere Stockwerke mit Depots. Unsere Schatzkammer!

Historisch gesehen hat ja alles doch mal mit einer privaten Sammlertätigkeit der Brandhorsts angefangen.
Das Ehepaar Brandhorst, darunter vor allem Anette Brandhorst, die 1999 leider verstarb, hat in den späten Sechziger Jahren mit dem Sammeln begonnen. Zunächst kauften sie Werke der Klassischen Moderne, dann konzentrierten sie sich zunehmend auf zeitgenössische Kunst. Den ersten Cy Twombly erwarben sie beispielsweise im Jahr 1972. So schufen sie den Grundstock und die Kernidentität dieser Sammlung. Über die Jahre hinweg kamen – auch seit der Zeit, in der ich dabei bin – diverse Konvolute der Achtziger und Neunziger Jahre hinzu. Ich bin seit fünf Jahren hier im Amt. Seitdem haben wir zusammen mit Udo Brandhorst versucht, die Sammlung zu verjüngen.

Inwiefern?
Wir wollen gerade den Malereidiskurs der vergangenen zehn bis 15 Jahre ins Museum bringen. In der Folgezeit werden wir uns überlegen müssen, wie es weitergeht.

Sie verwalten nicht nur – in Anführungsstrichen – ein Museum. Sie müssen auch den Aufbau einer Sammlung vorantreiben. Ein Spagat?
Das Ankaufen und Ausbauen ist ein ganz wesentlicher Teil der Aufgabe. Obwohl wir die Ausstellungs- und die Sammlungstätigkeit in diesem Haus sehr eng zusammenführen.

Wie ist das zu verstehen?
Jede Ausstellung muss sich aus der Sammlung heraus argumentieren lassen. Und wenn wir eine Ausstellung mit einer Künstlerin oder einem Künstler planen, die noch nicht in der Sammlung ist, dann ist in der Regel in diesem Zug ein großangelegter Ankauf vorgesehen. Wir können nicht nur Einzelwerke von Künstlerinnen und Künstlern erwerben. Wir versuchen, die Künstler, für die wir uns entscheiden, auch in ihrer Entwicklung zu zeigen – von Frühwerken bis hin zu reiferen Arbeiten. Dabei begleiten wir diese Künstler auch gern in ihrer Entwicklung.


Das heißt: Ausstellungen mit Künstlern, die nur mal eben bei Ihnen zu Gast sind, gibt es eher nicht?
Doch, schon. Allerdings haben auch Gastausstellungen eine Verbindung zu unserer Sammlung. Das muss aber ja nicht heißen, dass alle ausgestellten Werke auch tatsächlich von uns stammen. Bei der Alex-Katz-Ausstellung zuletzt waren 16 von insgesamt rund 80 Werken Bestände aus unserer Sammlung. Udo und Anette Brandhorst haben zum Glück schon früh begonnen, Alex Katz zu sammeln – noch bevor er der Superstar wurde, der er heute ist.

Wie sehr mischt sich Udo Brandhorst denn heute noch in die Ankaufspolitik ein? Er hält sich ja sehr aus der Öffentlichkeit heraus. Als was für einen Menschen muss man ihn sich vorstellen?
Udo Brandhorst ist sicherlich einer der ganz großen Mäzene der letzten Jahrzehnte in Deutschland. Wir stehen in einem sehr guten Verhältnis zueinander, und wir haben das große Glück, dass wir geschmacklich sehr ähnlich ticken.

Aber er ist weiterhin ein wacher Beobachter der Entwicklungen?
Ja, sehr. Und das ist ja auch wichtig. Er verfügt ja über jahrzehntelange Erfahrungen im Kaufen von Kunst und über ein breites Netz an internationalen Kontakten. Das birgt enormes Wissen in sich.

Ihre eigenen Kontakte sind ja allerdings auch keineswegs zu unterschätzen. Während Ihrer Studienzeit hatten sie mit Cy Twombly zusammengearbeitet. Auch er ist ja ein bisschen ein Mysterium der Kunstwelt.
Über Twombly habe ich Udo Brandhorst ursprünglich kennengelernt. Ich war schon früh – noch als Student – dank eines Stipendiums in Rom. Dort kam ich über einen Zufall mit Cy Twombly in Kontakt und konnte bei ihm arbeiten. Über ihn lernte ich Brandhorst als einen seiner wichtigen Sammler kennen. Auch im späteren Verlauf meiner Karriere in Wien wurde ich immer wieder mit Künstlern aus der Sammlung von Brandhorst bekannt. So hat sich unser Miteinander nach und nach recht organisch entwickelt.

Was war Twombly denn für ein Mensch? Über ihn kursieren ja viele Anekdoten. Nachdem kaum jemand wusste, wie er aussah, soll er sich ja sogar im Museum Brandhorst inkognito unters Publikum gemischt haben.
Ich hab ihn als sympathischen, angenehmen, zurückhaltenden, aber auch sehr witzigen Menschen kennengelernt. Er war stets schnell im Geist. Er hatte oft einen überraschenden Humor.

Aber schon ein Eigenbrödler, oder?
Durchaus. Er war eben sehr zurückhaltend. Wenn er malte, hasst er es, wenn sich ein anderer Mensch auch nur im gleichen Gebäude befand. Aber er war eben auch ein Typ, der am liebsten in der einfachen Pizzeria um die Ecke aß.

Den einen oder anderen Künstler in seiner Superstar-Liga hatte ja oft gern mal der Rappel gepackt.
Da war er sicher das Gegenbild. Man muss allerdings auch sehen, dass sich seine Karriere wirklich sehr langsam entwickelt hat. Zu dem Kunststar, als der er heute gilt, wurde er erst spät. Im Gegensatz zu seinen besten Freunden wie Robert Rauschenberg oder Jasper Johns entwickelte sich sein Aufstieg weitaus weniger rasant.

Ein Spätzünder?
Twombly musste in den Sechziger Jahren viele Rückschläge hinnehmen. Über Jahrzehnte hinweg galt er als „Künstler-Künstler“. Also als ein Mann, der lediglich unter Seinesgleichen geschätzt wurde, aber weder am Markt noch in der breiteren Öffentlichkeit einen gewichtigen Stellenwert hatte. Das hatte sich eigentlich erst im Zuge der Achtziger Jahre geändert, als sich Künstler wie Basquiat, die sich für Graffiti interessierten, wieder auf Twombly rückbezogen. Erst in der postmodernen Malerei wurde Cy Twombly zum Star.

Die Münchner haben ihn ja ganz offensichtlich stark ins Herz geschlossen. Wie erklären Sie sich das?
Die Italien-Sehnsucht – sowohl bei ihm als auch bei den Münchnern –spielt da sicher eine Rolle. Twombly wurde schon früh in München gezeigt. In den Siebziger Jahren hat er auch mal ein paar Monate in der Stadt gelebt und malte damals Bilder für eine Ausstellung. In dieser Stadt fühlt man sich eben Italien schon immer etwas näher.

Manchmal lügt sich München mit diesem Italien-Fimmel allerdings auch gerne in die eigene Tasche. 
Stimmt. Aber auch Cy Twombly spielt bewusst mit dem Italien-Klischee. Er verwendet gerne Zitate und Inschriften auf seinen Bildern. Die sind schon ernst gemeint, arbeiten aber auch mit den Sehnsüchten. Sie nehmen den Kitsch und die Sentimentalität solchen Fernwehs bewusst mit auf.

Interview: Rupert Sommer

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