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Hier lacht der Betrachter - Die besten Zeichnungen aus Titanic im Valentin Karlstadt Musäum

Grenzerkundungen im Sichtbaren und Unsichtbaren, Ausgrenzung, Abstraktion und deutsche Vergangenheit

Sag Schibbolet! Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen

Es gibt Grenzen, die sind offensichtlich. Dick gemauert stehen sie da und trennen Vorstellungen, Erwartungen, Träume, Ideologien, Menschen und Länder. Manche dieser Mauern oder Zäune sind durchlässig, andere nicht. Oft genug wird ein Mensch getötet, der sie überwinden will. 

Und dann gibt es Grenzen, die nicht sichtbar, aber trotzdem sehr präsent sind. Vorurteile zum Beispiel. Oder kulturelle Codes. Auch ein Sprachtest kann eine Grenze markieren. Grenzen sind ein uraltes Menschheitsthema, das immer aktuell, um nicht zu sagen akut ist. Ausgehend von der biblischen Erzählung über die Flucht der Efraimiter vor den siegreichen Gileaditern und ihrem tödlichen Scheitern an den Ufern des Jordans hat das Jüdische Museum München zwölf internationale Künstler und Künstlerinnen eingeladen, sich kritisch mit dem Phänomen der Grenzen auseinander zu setzen. 

Sag Schibbolet! Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen (29. Mai bis 23. Februar, Katalog) heißt die Ausstellung, die Fotografien, Objektinstallationen und Videokunst mit Tondokumenten von Münchner Flucht- und Grenzerfahrungen aus den 1930er und 1940er Jahren kombiniert. 

Die tagesaktuelle Übersicht über alle Ausstellungstermine auf events.in-muenchen.de

Bleibt nur noch zu klären, was „Sag Schibbolet!“ bedeutet. Die Antwort findet man in der biblischen Erzählung von der Flucht der Efraimiter: „Und Gilead besetzte die Furten des Jordan vor Efraim, und es geschah, wenn die Flüchtlinge aus Efraim sprachen: Ich will hinübersetzen! So sprachen zu ihm die Männer von Gilead: Bist du ein Efrati? Und sagte er Nein, so sprachen sie zu ihm: Sag doch „Schibbolet“! Er aber sagte „Sibbolet“, und vermochte es nicht richtig auszusprechen; da ergriffen sie ihn und schlachteten ihn an den Furten des Jordan. Und es fielen in selbiger Zeit von Efraim zweiundvierzigtausend. (Richter 12, 5-6)“ 

Schibboleth ist ein hebräisches Wort und bedeutet wörtlich übersetzt „Strömung“. Darüber hinaus bedeutet es aber auch „Kennwort“ oder „Code“, weil es die Herkunft des Sprechers aufzeigt. Heute werden kleine Unterschiede in Aussprache und Betonung „Schibboleth“ genannt. Sprachliche Grenzen quasi.

Die Stadt ohne

Auch das NS-Dokumentationszentrum München beschäftigt sich in der Sonderausstellung Die Stadt ohne (30. Mai bis 10. November, Katalog) mit Ausgrenzung. Hier ist der Ausgangspunkt ein 1922 erschienener Roman, mit dem der Wiener Schriftsteller Hugo Bettauer die Vertreibung der Juden aus Wien schilderte. „Die Stadt ohne Juden“ war eine literarische Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus und wurde 1924 verfilmt.

Regelmäßig wurden die Kinovorstellungen in Österreich und Deutschland von Rechten gestört. Wenig später wurde diese eigentlich satirische Vision bitterböse Wahrheit. Ausgehend von einzelnen Filmszenen zeichnet die Ausstellung die Stufen des Ausgrenzungsprozesses nach, von der Polarisierung der Gesellschaft bis hin zum Ausschluss der vermeintlichen Feinde. Diese Eskalation der Ausgrenzung wird am Nationalsozialismus aufgezeigt, dazu kommen aktuelle Beispiele, wie Juden, Ausländer, Muslime und Flüchtlinge heute ausgegrenzt und angefeindet werden. Auch hier treffen Geschichte und kritische Reflexion aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen aufeinander.

Saul Leiter. Retrospektive

Er war halb Maler, halb Fotograf und einer der Pioniere der Farbfotografie. Saul Leiter (1923-2013) begann schon als Jugendlicher zu malen und enttäuschte seine Eltern, die wollten, dass auch er ein Talmudischer Gelehrter und Rabbi werde, wie sein Vater es war. Aber Leitner machte seinen eigenen Weg und war 1946 einer der ersten künstlerischen Fotografen, die mit Farbfilm arbeiteten. 

Lange vor den Vertretern der „New Color Photography“ in den 1970er Jahren, als William Eggleston oder Stephen Shore zur Farbe fanden. „Eines Tages kaufte ich eine Rolle Farbfilm. Mir gefiel, was ich sah.“ Mehr hatte Leiter dazu nicht zu sagen, Vorurteile gegen das Bunte kannte er nicht. Vielleicht lag das daran, dass er es als Maler gewohnt war, mit Farben zu arbeiten. Sowohl in seinen Bildern als auch in seinen Fotografien suchte er die Abstraktion. Unschärfe im Detail, verwischte Bewegungen, wenig Tiefenschärfe, gewollter Entzug von Licht und Verfremdung durch Fensterdurchsichten und Spiegelungen. So wurden Passanten nicht als Individuen aufgenommen, sondern als verschwommene ästhetische Farbimpulse, überlagert von Scheiben oder zwischen Hauswänden und Verkehrszeichen. 

Mit Saul Leiter. Retrospektive (5. Juni bis 15. September, Katalog) zeigt das Kunstfoyer das malerische und fotografische Werk eines beinahe Vergessenen. „Ich ging immer davon aus, ich versänke einfach so in Vergessenheit“ sagte er etwas erstaunt, als man ihn wenige Jahre vor seinem Tod dann doch noch zu schätzen begann.

Von Ferne. Bilder zur DDR

Und es geht fotografisch weiter, denn die Villa Stuck zeigt Bilder aus der und über die DDR. Einerseits geht es um den visuellen Nachlass, andererseits um Vieldeutigkeit. So sind zwar der spezifische Kontext und der Zeitpunkt, zu dem die Fotografien entstanden sind, sichtbar. 

Gleichzeitig stellt sich aber die Frage nach weiteren Bedeutungsebenen. V on Ferne. Bilder zur DDR (6. Juni bis 15. September, Katalog) zeigt Arbeiten von 21 Künstlern aus den Jahren 1981 bis 2019, dazu gibt es Filme, Lesungen und Performances (Infos zum Begleitprogramm: villastuck.de). Einar Schleef ist zum Beispiel dabei, Sven Johne, Tina Bara, Christine Schlegel, Maya Schweizer oder Christian Lange.

Hier lacht der Betrachter – Die besten Zeichnungen aus Titanic

Das liebe, gute, kleine Valentin Karlstadt Musäum sorgt dafür, dass wir zum Lachen nicht in den Keller hinunter-, sondern die schmale Turmtreppe hinaufsteigen. Die neue Sonderausstellung Hier lacht der Betrachter – Die besten Zeichnungen aus Titanic zeigt die besten Illustrationen aus dem endgültigen Satiremagazin, das es immerhin seit 1979 gibt. Die besten? Klar, das ist Ansichtssache, aber schön geschmacklos provokativ und liederlich wird es in jedem Fall.

Autorin: Barbara Teichelmann

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