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Die interessantesten Ausstellungen im Juli

Die interessantesten Ausstellungen im Juli

Akustische Erkundungen, künstlerische Anfänge, Einblattholzschnitte und Kaffee

Seien wir ehrlich: Meistens ist die Stadt vor allem eines, nämlich laut. Morgens um halb sieben, wenn die kleinen orangen Kampfputztruppenwagen ausrücken, um in paranoidem Sauberkeitswahn die Straßen zu kärchern. Alle zwei Tage. 

Dann der ganz normale Tagsüberverkehr, eine nicht enden wollende Reihung aus Lastern, Autos, Motorrädern, Bussen, Straßenbahnen und nostalgischen Rollern, die sommers von ihren anachronistischen und/oder tauben Besitzern aus der Garage geholt werden, um dann ein paar Wochen mit 20 km/h und 800 Dezibel italienisches Lebensgefühl zu verbreiten, während die neuen, roten Elektrokollegen elegant und nahezu lautlos an ihnen vorbeiziehen. 

Aber natürlich gibt es auch noch andere Geräusche, man muss nur genau hinhören und sich von der Straße wegbewegen. Bäume rascheln, Hinterhoftüren klappern, Radios singen, Hunde japsen, Kinder bellen und der Eisbach plätschert. Frequenzen (alle Infos unter münchen.de) ist ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum, das die urban akustische Dimension erkundet. Acht prämierte Münchner Künstlerinnen und Künstler fragen sich: Wie klingt die Stadt? Ihre Antworten sind temporäre Arbeiten, die man bis Oktober an verschiedenen Standorten besuchen kann.

Franziska Agrawals „Nature Unplugged“ zum Beispiel ist akustische Architektur und experimentelle Installation zugleich. Man findet die kleinen Zelte auf einer Wiese im südlichen Olympiapark. Also quasi mitten im Grünen – und genau darum geht es auch. Die Installation fängt die klanglichen Dimensionen der Natur ein und lädt zum Sitzen und Entspannen ein. So soll man sich einerseits der permanenten Geräuschkulisse entziehen und kann andererseits die akustische Wahrnehmung schärfen. (bis 29. August, südlicher Olympiapark)

Weiter geht’s am 5. Juli mit Stack Overflow, einer interaktiven Augmented Reality Installation. Barbara Herold zerlegt die Realität des Forums an der Münchner Freiheit in seine akustischen und architektonischen Fragmente und konfrontiert den Platz anschließend mit KlangSkulpturen. Die App dazu gibt es ab Juli im App Store und auf Google Play, und zwar umsonst. (bis 2021, Forum an der Münchner Freiheit)

Zwischen dem 8. und dem 12. Juli treffen wir uns in der Theatinerstraße am Eingang der Kunsthalle zur Operninstallation Isolde (täglich 18 und 19 Uhr, Eintritt frei, Sitzplatzreservierungen für 10 Euro unter isoldeoper.de) von Mathis Nitschke. Mitten im fröhlichen Shoppingzirkus erklärt eine Obdachlose aus der Hoffnungslosigkeit ihrer Existenz heraus Gewöhnliches zur Kunst. Alles, was sie hört, wird zu einem weltumfassenden Gesang, in dem sie wie Wagners Isolde Erlösung findet durch Tod und Wiederauferstehung in der Liebe. Klingt märchenhaft.

Und zum Schluss hüpfen wir noch schnell in einen leerstehenden Lebensmittelladen an der grausig lauten Tegernseer Landstraße 155. Dort hat Emanuel Mooner ein akustisches Environment errichtet. Songs of the Siren / Part II – White Noise: Musique Nonstop spielt mit der Atmosphäre dieses Ortes. Früher kauften dort Arbeiter des Agfa Camerawerks die Jause für ihre Schicht. Seit etwa 1990 betrat keine Kundschaft mehr das Geschäft, vor der Ladentür entstand eine Stadtautobahn, der Mittlere Ring wurde siebenspurig ausgebaut und das Agfa Werk 2007 gesprengt. Peng. (bis 12. Juli, Tegernseer Landstraße 155)

Rüber in die Pinakothek der Moderne, denn dort gibt es Neues aus dem Mittelalter. Einblattholzschnitte des 15. Jahrhunderts heißt die Sonderausstellung, und das klingt doch recht bescheiden, wenn man weiß, dass die Staatliche Graphische Sammlung einen der weltweit bedeutendsten Bestände dieser einseitig bedruckten, spätmittelalterlichen Blätter besitzt – darunter die frühesten Beispiele nicht nur deutscher, sondern europäischer Druckgraphik überhaupt. Jetzt, wo das Papier schön langsam verschwindet und die Zeitungskästen an den Straßenecken fast schon wie vergessene Zeugen einer vergangenen Zeit wirken, ist die Entstehung der Holzschnitttechnik auch interessant, weil sie eng an die Herstellung von Papier geknüpft ist. In Deutschland wurde seit etwa 1390 Papier produziert. 

Die ältesten erhaltenen Holzschnitte auf dem preiswerten Material entstanden kurz darauf, um 1410. Diese frühen Drucke läuteten die erste mediale Revolution ein, das reproduzierende Zeitalter begann. Bis heute haben sich nur wenige dieser Einblattholzschnitte erhalten, die meist religiöse Motive zeigen und für den privaten Gebrauch gedacht waren. Umso schöner, dass die Graphische Sammlung für diese Ausstellung ihren Bestand mittels Leihgaben auf satte 90 Arbeiten erweitern konnte. Dazu kommt noch das „Gulden Püchlein“, eine auf 1450 datierte Handschrift aus der Bibliothek der Nürnberger Dominikaner. Mit 66 Holzschnitten ist sie eines der wichtigsten erhaltenen Manuskripte eingeklebter Druckgraphiken. (bis 22. September, Pinakothek der Moderne)

Zum Schluss genehmigen wir uns einen Kaffee. Und zwar im Deutschen Museum. Auf 800 Quadratmetern werden hier Biologie, Chemie, Technik, Ökonomie und Kultur der braunen Bohnen verhandelt. Egal, ob gebrüht oder geschüttelt, die Sonderausstellung Kosmos Kaffee hat über 200 Exponate parat und kann so ziemlich jede Frage beantworten. Es gibt Kaffeepflanzen zu sehen, die älteste Kaffeemaschine der Welt, man kann Kaffee rösten und ihn verkosten. Ob es auch schwedischen Kaffee à la Gerhard Polt gibt, wird man sehen. (ab 4. Juli, Deutsches Museum)

Autorin: Barbara Teichelmann

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