Ausstellungen

Erinnerung und Gegenwart - Münchens Museen im Juni

Nathalie Grenzhaeuser, Geodetic Observatory (aus der Serie ‚Coincidence‘)
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Nathalie Grenzhaeuser, Geodetic Observatory (aus der Serie ‚Coincidence‘)

Im Juni lehren uns Münchens Museen wie unser Gestern unser Heute formt. Mit dabei: Lenbachhaus, Künstlerhaus, Bayerische Staatsbibliothek u.v.m.

Für Rosemary Mayer (1943–2014) – Künstlerin, Autorin, Übersetzerin – war die Bildhauerei ein Feld nahezu unbegrenzter Möglichkeiten, zu sehen in der Ausstellung Rosemary Mayer – Ways of Attaching im Lenbachhaus (11.6. – 18.9.). Mayers Objekte aus zarten Stoffen scheinen dem Gesetz der Schwerkraft zu trotzen. Ihre flüchtigen „Temporary Monuments“, Installationen unter freiem Himmel aus Luftballons und Schnee verkörpern Mayers eigenen Begriff einer sozialen und bewegten Plastik: „Das Kunstobjekt sollte nicht starr, unbewegt und losgelöst von seinen Umständen sein. Nichts ist“, schrieb Mayer 1978.
Durch die Linse der Kunst ihrer Zeit interpretierte Mayer unterschiedliche Traditionen und Genres und gab ihnen neue Form. In ihrem eigenwilligen Werk treffen die kühle Distanz des Minimalismus auf die manieristische Malerei, die Architektur des Barock und des Rokoko und die Texte mittelalterlicher mystischer Autor*innen sowie zeitgenössischer Dichter*innen.
Diese Ausstellung bietet den ersten Überblick über das Schaffen der Künstlerin. Der Titel ist absichtsvoll zweideutig: „Attaching“ bezeichnet ein Verknüpfen von Materialien, aber auch das Herstellen emotionaler Bindungen mit Freund*innen und Mitstreiter*innen aus Vergangenheit und Gegenwart, was so maßgeblich für Mayers Kunstverständnis war. Am Lenbachhaus liegt der Schwerpunkt auf Mayers skulpturalen Methoden wie Drapieren, Knoten, Spannen und Balancieren, welche sich metaphorisch durch das zeichnerische, geschriebene und performative Werk der Künstlerin bis in die 2000er Jahre ziehen.

Für viele ein Sehnsuchtsort: Das Paris des Fin de Siecle. Dorthin entführt uns die Ausstellung La Bohème - Toulouse Lautrec und die Meister vom Montmartre im Künstlerhaus (24.6. – 14.8.). Die Ausstellung aus dem berühmten Musée d‘Ixelles in Brüssel präsentiert das einzigartige lithografische Lebenswerk von Henri de Toulouse-Lautrec in Gegenüberstellung mit Arbeiten seiner Vorgänger und Zeitgenossen aus den Jahren 1885 bis 1900. So wird ein Dialog eröffnet, der es dem Besucher ermöglicht, das Lebensgefühl jener Zeit – der Belle Époque – nachzuempfinden und dabei die Ursprünge unserer heutigen Massenwerbung zu erfassen. Das Plakatwerk von Toulouse-Lautrec ist in Europa in nur zwei Museumssammlungen vollständig vorhanden. Daher ist es etwas ganz Besonderes in dieser Schau das unvergleichliche Oeuvre – begleitet durch Arbeiten von Alfons Mucha, Théophile-Alexandre Steinlen, Pierre Bonnard und Felix Vallotton – lückenlos bestaunen zu können. Unterteilt in die Sektionen „Rampenlicht. Plakate für das Pariser Nachtleben„, „Lesefieber. Werbung für Bücher und Zeitschriften„ und „Die Welt der Waren. Plakate für Konsum- und Gebrauchsgüter„, wird nicht nur das Paris von Toulouse-Lautrec in dieser Schau zum Leben erweckt, sondern auch das Paris seiner Vorgänger und Zeitgenossen. In der hauseigenen Lithografiewerkstatt werden begleitend zur Ausstellung Druckdemonstrationen angeboten. 

Künstler und Kulturschaffende sind wie Seismographen sich stetig wandelnder gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen. Das gilt es in der Ausstellung Terra Infirma anhand dreier Gegenwartskünstlerinnen im Kunsthaus Kaufbeuren (3.6. – 11.9.) zu erkunden.
Die Berliner Künstlerin Nathalie Grenzhaeuser betrachtet in ihren Werken als Fotografin die Beziehung zwischen Architektur und Topografie, häufig vor dem Hintergrund der Siedlungsgeschichten in entlegenen Teilen der Welt.
Magdalena Jetelová ist bekannt als Bildhauerin monumentaler Holzskulpturen. Doch auch ihr fotografisches Werk erfährt bereits seit Jahren internationale Aufmerksamkeit. In den großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Werkzyklen Atlantic Wall und Iceland Project, beschäftigt sie sich mit dem Thema der Grenze im geografischen und erdgeschichtlichen, im philosophischen und kulturellen Kontext.
Die ebenso meditativen wie feinsinnigen und poetischen Werke der irischen Künstlerin und Filmemacherin Clare Langan erzählen von einer Welt im Fluss, sie offenbaren die Schönheit und die Tragik von Veränderungsprozessen wie sie sich in Landschaften, in Metropolen oder auch in menschlichen Beziehungen ereignen.

Die Olympischen Spiele von 1972 prägen München bis heute. Zum 50. Jubiläum widmet die Bayerische Staatsbibliothek diesem Ereignis die große Jahresausstellung Olympia 72 in Bildern – Fotografien aus den Sammlungen der Bayerischen Staatsbibliothek. Knapp 140 Fotografien aus der Zeit 1965 bis 1972 zeigen die Münchner Spiele aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Bilder stammen aus den zahlreichen Fotoarchiven, die die Bayerische Staatsbibliothek kuratiert, darunter Aufnahmen von Max Prugger, Karsten de Riese und aus dem STERN-Fotoarchiv. Sie wurden erst kürzlich erworben und werden erstmals öffentlich gezeigt. Zu sehen sind ferner Fotografien von Georg Fruhstorfer, Felicitas Timpe und Joachim Kankel. Alle Bilder werden in hochauflösenden Reproduktionen präsentiert.
Die Spannweite der gezeigten Motive reicht dabei von den Bauarbeiten auf dem Olympiagelände bis hin zu Fotografien prominenter Künstlerinnen und Künstler, die als Teilnehmende des Kulturprogramms die Olympiade besuchten.

50 Jahre nach den Olympischen Spielen in München wird dieses Jahr unter dem Namen „Zwölf Monate – Zwölf Namen“ auch ganzjährig an das Olympia-Attentat vom 5. und 6. September 1972 erinnert. Jeden Monat steht dabei ein Opfer im Mittelpunkt des Gedenkens. Es gibt verschiedene Interventionen im öffentlichen Raum: von Installationen, die den ganzen Monat über zu sehen sein werden bis hin zu eintägigen Aktionen. Konzipiert und koordiniert wird das Erinnerungsprojekt vom Jüdischen Museum München in Zusammenarbeit mit dem NS-Dokumentationszentrum München und dem Generalkonsulat des Staates Israel. Die Umsetzung erfolgt mit diversen Kooperationspartnern. Im Juni wird dem Gewichtheber Yossef Romano und seinen Kollegen David Mark Berger, Ze‘ev Friedman und Yakov Springer (Kampfrichter) zu Ehren der Eichenauer Sportverein gemeinsam mit dem Historischen Verein für die Stadt und den Landkreis Fürstenfeldbruck ein Gedächtnisturnier im Gewichtheben ausrichten. Weitere Infos zu geplanten Aktionen lesen Sie an dieser Stelle in unserem nächsten Heft.

Immer noch aktuell: Die Ausstellung »Gathered Leaves« im Kunstfoyer München (Bis 24.7.), ermöglicht in einer umfassenden Schau mit rund 90 Werken, Publikationen und begleitenden Entwürfen einen tiefen Einblick in das Schaffen Alec Soths, einer der wichtigsten aktuellen Vertreter der Dokumentarfotografie. Im Kunstfoyer werden die fünf charakteristischen Serien »Sleeping by the Mississippi« (2004), »Niagara« (2006), »Broken Manual« (2010), »Songbook« (2014) sowie »A Pound of Pictures« (2022) präsentiert. Die physischen Landschaften seines Heimatlandes USA – der majestätische Mississippi, die tosenden Niagarafälle, die weiten offenen Wüsten und unberührten Gebiete, die Kleinstädte und städtischen Randgebiete – bilden die Struktur und das Setting seiner poetischen Studien des amerikanischen Lebens.

Franz Furtner