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El Anatsui im Haus der Kunst: Aufsteigende Energie

El Anatsui. Triumphant Scale

Okwui Enwezors Vermächtnis: Grandiose Werkschau des ghanaischen Künstlers El Anatsui im Haus der Kunst

Es dauert nicht einmal drei Sekunden und man freut sich bis in die Fingerspitzen. Passiert einem nicht in jeder Ausstellung und liegt wohl daran, dass sich die Arbeiten El Anatsuis intuitiv erschließen. Der Erstkontakt läuft quasi nicht über den Kopf, sondern über die spirituelle Bodenhaftung, die jeder Mensch hat – ob es ihm nun gefällt oder nicht. 

Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Fluide Energie tropft stetig und unsichtbar aus den Werken in den steinernen Boden im Haus der Kunst und steigt von dort ganz ungefragt von unten nach oben in die Menschen. Wunderbar. Und dazu kommt ja noch, was die Augen nach drinnen melden: verschiedene Materialien, Farben, Muster und Strukturen, die sich ergänzen, widersprechen und in diesem Spannungsfeld Schönheit erzeugen. Keine platte, eindimensionale Schönheit, sondern Schönheit, die fragt und herausfordert. 

Nicht, dass wir uns missverstehen, es gibt genug Unterbau und Hintergrund, philosophisch, historisch, gesellschaftlich, kunsttheoretisch. Alles da. Aber man braucht all das nicht, um einen Zugang zu finden. Der ist einfach da. 

El Anatsui. Triumphant Scale“ ist die erste große Einzelausstellung eines afrikanischen Künstlers in Europa. Das muss man sich mal vorstellen. Und dann kann man sich mal vorstellen, was Okwui Enwezor noch alles angestellt hätte im Haus der Kunst. Wenn man ihn gehalten hätte. Und wenn er nicht krank gewesen wäre. Nun ist er gestorben und hat dem kleinen München diese großartige Ausstellung hinterlassen, an der er – gemeinsam mit dem Kurator und Princeton-Professor Chika Okeke-Agulu – schon geplant und gearbeitet hatte, bevor er überhaupt nach München kam. 

Alle Termine der Ausstellung "El Anatsui. Triumphant Scale" im Haus der Kunst 

Gezeigt werden zentrale Werke aus fünf Jahrzehnten, erste, tastende Versuche mit Holz und Lehm, Zeichnungen, Bücher und Drucke, vor allem aber Anatsuis großformatige Wandreliefs, die ab Mitte der 1970er bis in die späten 1990er Jahre entstanden. 

Drei Arbeiten hat der 75-jährige eigens für die Münchner Ausstellung entwickelt, und so verschieden sie sind, reagieren sie doch alle drei auf den architektonisch und historisch monumentalen Charakter des Hauses, indem sie ihn zerlegen oder unsichtbar machen, indem sie die vorhandenen Strukturen hinter einer größeren Struktur klein werden lassen. Im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Und eigentlich ist diese größere Struktur auch eher eine Idee, beziehungsweise eine Vorstellung von der Welt als einem Ort, an dem man Sinn stiften kann. 

Zum Beispiel, indem man über hundert Menschen in vielen, vielen Stunden Arbeit aus kleinen Aluminium-Flaschenverschluss-Überbleibseln und Kupferdraht etwas Zusammenhängendes flechten lässt, ein semitransparentes, neues Material, wenn man so will. 65 dieser textil fließenden Bahnen hat Anatsui im größten Saal der Ausstellung wie ein Labyrinth aufgehängt. Ein kleiner, psychomagischer Lehrpfad des Lebens. 

„Ich verwende oft Material“, so Anatsui, „das viel Berührung und Verwendung von Menschen erlebt und erfahren hat (...), das lädt diese speziellen Werke stärker auf, als wenn ich mit Maschinen gearbeitet habe.“ 

Jetzt ist kein Platz mehr und noch nichts gesagt über seine philosophische Suche nach einer authentischen, postkolonialen, afrikanischen Kunst. Kann man nachlesen, sollte man nachlesen. Aber erstmal hingehen und sich freuen über das, was da ganz von selbst aufsteigt in einem. 

"El Anatsui. Triumphant Scale" im Haus der Kunst, bis 28. Juli, www.hausderkunst.de

Autorin: Barbara Teichelmann

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