Museen

Ausstellungen im April: Von Grenzen und Überwindungen

EXODUS von Sebastião Salgado im Kunstfoyer der Versicherungskammer München
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Noch bis 30. Juni 2021: EXODUS von Sebastião Salgado im Kunstfoyer der Versicherungskammer

Landschaften aus Alltagsmaterialien, engagierte Fotografie, abstrakte Maler im Dialog und Stücke aus 1700 Jahren deutsch-jüdischer Geschichte – die Münchner Museen begrüßen uns mit einem vielseitigen Programm.

In der Kunst können wir oft erleben, wovon wir sonst nicht zu träumen wagen. Ungeahnte Erfahrungsräume öffnen sich und bislang gezogene Denkgrenzen werden überwunden. In den aktuellen Zeiten der Pandemie, in denen man sich dabei ertappt, sich in den letzten Tagen nicht weiter, als bis zum Supermarkt geträumt zu haben, gilt das mehr denn je.

Leider gilt daher auch, dass sich tagesaktuell viel verändern kann. Tickets müssen in jedem Fall im Vorfeld für ein genaues Zeitfenster online erworben werden. Sollte der Inzidenzwert drei Tage in Folge bei über 100 liegen, müssen die Museen zudem leider wieder schließen.

Haus der Kunst

Umso passender, dass von 21.3. – 25.7. im Haus der Kunst die Ausstellung frontier (dt.: Grenze) der britischen Bildhauerin Phyllida Barlow (*1944) zu sehen ist. Mit dieser großen Retrospektive eröffnet das Haus der Kunst 2021 eine Reihe von Ausstellungen im repräsentativen Ostflügel des Hauses, die zeitgenössischen weiblichen Stimmen gewidmet sind. Zunächst werden uns Betrachter*innen hier Grenzen aufgezeigt: Die skulpturalen Gebilde von Barlow sind sperrig und nicht einfach zu erfassen: Bauholz, Pappkarton, Zement, Lehm, Kunststoffrohre und bunte Textilien türmen sich, breiten sich aus, versperren den Weg. Der Blick wandert über diese Landschaften aus Alltagsmaterialen, weiß nicht woran er sich festhalten soll, schweift in die Höhe, um die enormen Dimensionen zu begreifen. Barlows Arbeiten sind eine ständige Herausforderung, sie erobern sich den Raum, als führten sie ein Eigenleben. Sie fordern die Betrachter*innen auf, Räume zu erkunden, Volumina wahrzunehmen, die Sprache der Architektur zu hören und so Denkgrenzen zu überwinden.

Jüdisches Museum

In einer Zeit, in der die Tage wie ausgelaufene Farben unmerklich ineinander übergehen ist der Ausstellungstitel Im Labyrinth der Zeit -Mit Mordechai W. Bernstein durch 1700 Jahre deutsch-jüdische Geschichte von 17.3. – 13.2.22 im Jüdischen Museum gut gewählt.Mordechai W. Bernstein (1905–1966) war Mitarbeiter des „Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts“ (YIVO) in Wilna, das 1941 nach New York übersiedelte. Er erhielt den Auftrag Dokumente und Materialien zu suchen, die während der NS-Zeit geraubt worden waren. In den Jahren 1948 bis 1951 besuchte er aber auch rund 800 Orte auf der Suche nach Überresten von Spuren deutsch-jüdischer Kultur. In drei Bänden in jiddischer Sprache veröffentlichte er die Ergebnisse seiner Suche und schaffte so ein musée imaginaire der zerstörten deutsch-jüdischen Kultur.Die Ausstellung zeigt 18 Objekte, die Mordechai W. Bernstein aufgespürt hat und stellt Bernsteins Blick aus der Perspektive der unmittelbaren Nachkriegszeit dem heutigen gegenüber. Die Bandbreite reicht dabei von einer antiken Öllampe mit Menora, über eine verbrannte Tora-Krone aus Laupheim bei Ulm bis hin zu einem Modell der im Juni 1938 zwangsweise abgebrochenen Münchner Hauptsynagoge und zeigt so die Vielfalt deutsch-jüdischer Kultur auf.

Münchner Stadtmuseum

Wie bereits in unserem letzten Rundgang konstatiert ist Welt im Umbruch, der Titel der aktuellen Sonderausstellung im Münchner Stadtmuseum, nahezu beängstigend passend gewählt. Aufgrund etwas zu viel pandemischen Umbruchs konnte man die Werke der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts -von Otto Dix bis August Sander- leider nicht bewundern. Nun ist die Ausstellung, die in über 250 Exponaten einen Querschnitt aus den Strömungen der damaligen Zeit, von neuer Sachlichkeit bis zur aufkeimenden Fotografie bis zum 2.5. verlängert worden. (Sonderöffnungszeiten: 10:00 – 20:00 Uhr)

Kunstfoyer der Versicherungskammer

Verlängerung und Fotografie, die Zweite. Auch EXODUS vom brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado (*1944) im Kunstfoyer der Versicherungskammer wurde bis zum 30.6. verlängert. Keine leichte Kost: Die Ausstellung, bereits in den 1990er Jahren konzipiert, ist das Werk, mit dem sich der Fotograf in aller Dringlichkeit für soziale Gerechtigkeit und Frieden eingesetzt hat, lange bevor er mit dem Projekt GENESIS und dem Film von Wim Wenders “Das Salz der Erde” (2014) einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. In der fotografischen Serie dokumentiert Salgado die Schattenseite der Neuzeit: Die rücksichtslose Ausbeutung der Natur und das Schicksal von Millionen Menschen auf der Flucht, die unter unwürdigsten Bedingungen um ihr Überleben ringen. Eine mutige Ausstellung und nicht zuletzt der Grund, warum Salgado 2019 der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde.

Villa Stuck

Es mag unglaublich klinge, aber das Jahr 2020 war nicht nur mäßig bis durchwachsen. Zum Beispiel für die Villa Stuck, die ihr kunstinteressiertes Publikum natürlich sehr vermisst hat, aber ihre Sammlung durch Neuerwerbungen, Schenkungen und eine Dauerleihgabe vielfältig erweitert konnte. Wichtige Werke der Porträtmalerei, Pastelle, Plakate, Aquarelle und ein Möbel sowie die ersten 13 Jahrgänge der politisch-satirischen Wochenzeitschrift Simplicissimus bereichern nun die größte öffentliche Sammlung der Werke Franz von Stucks im Künstlerhaus. In Collecting Histories sind diese Stücke nun für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Der Titel ist dabei eine Hommage an Francis Haskell, der zu den bedeutendsten und originellsten Kunsthistorikern des 20. Jahrhunderts gehört. Aus seinem Besitz stammen die Kinderporträts seiner in Kiew geborenen Mutter Vera Saitzoff und ihres Bruders Alexander, die Franz von Stuck 1913 malte. (Für einen Besuch der Villa Stuck muss vorab online ein Zeitticket gebucht werden!)

Kunsthaus Kaufbeuren

Und warum es am Wochenende nicht den Münchner Bohemians gleichtun und raus aus der Stadt fahren? Wer spontan keine Künstler*innenkolonie gründen will, sollte dann zumindest ins Kunsthaus Kaufbeuren fahren, und dort die Ausstellung Rupprecht Geiger / Shannon Finley – Licht. Farbe. Raum. (bis 12.9.) besichtigen. Die Ausstellung stellt die Werke zweier abstrakter Maler in einen dialogischen Zusammenhang, die ganz unterschiedlichen Generationen angehören, deren Schaffen jedoch auf mannigfaltige Weise miteinander verbunden ist. – Als Wegbereiter der konkreten Malerei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schuf Geiger (1908-2009) sein Lebenswerk rund um das Thema ‚Farbe‘. Geigers Schaffen übte und übt noch bis heute Einfluss auf nachfolgende Generationen abstrakt malender Künstler aus. So wurde auch der kanadische Künstler Shannon Finley (*1974) in seiner Entwicklung durch Geigers Ansätze beeinflusst, bevor er eine eigenständige künstlerische Position bezog. Während die Ausstellung Werke aus allen Schaffensphasen Geigers beleuchtet, liegt bei Finley der Fokus auf seinen malerischen Werken der vergangenen zehn Jahre bis heute. Zahlreiche neue Gemälde des Künstlers entstehen eigens für die Ausstellung im Kunsthaus Kaufbeuren. (Aktuell geschlossen! Sobald die Corona-Inzidenz dort drei Tage unter 100 sinkt, wird das Museum öffnen!)

Lenbachhaus

Eine besonders eindrückliche Vertreterin zeitgenössischer Kunst aus Deutschland gilt es im Lenbachhaus zu entdecken: Michaela Eichwald (*1967) feilt an Methoden, die auch das fertige Werk, sei es ein Gemälde, ein Text, eine Skulptur oder Fotografie, nicht als unerschütterliche Behauptung erscheinen lassen: „Mehr Unabgesichertes versuchsweise äußern. Mehr Leben, mehr Ausdruck, mehr Unverständlichkeit“, beschreibt sie ihren Ansatz in einem Interview. Ein produktives Streunern zwischen den Disziplinen – Schreiben, Malen, Fotografieren – zeichnet ihre Arbeit aus. Augenfällig wird dies unter anderem in ihren ungewöhnlichen und beredten Werktiteln, die aus einer Vielzahl an Quellen stammen – von mittelalterlicher Mystik über zeitgenössische Lyrik und bürokratische Stilblüte bis hin zur dadaistischen Wortkette. Im Lenbachhaus sind Gemälde und Skulpturen der vergangenen drei Jahre zu sehen. Das Gros der Werke ist eigens für die Ausstellung entstanden. (Bis 16.5.)

Pinakothek der Moderne

Besonderes Schmankerl in der Pinakothek der Moderne: Die Sammlungspräsentation widmet sich in einer konzentrierten Hängung dem einzigartigen Langzeitprojekt THE BROWN SISTERS des US-amerikanischen Fotografen Nicholas Nixon. Seit 1975 porträtiert Nixon einmal jährlich seine Frau und ihre drei Schwestern. In der Abfolge der Bilder sind Entwicklungen und Stimmungen in der geschwisterlichen Beziehung ebenso zu beobachten wie die sich verändernde Mode und Prozesse des Heranwachsens und Alterns. Erstmalig werden alle 46 Porträts dieser Serie gemeinsam in einem Museum öffentlich ausgestellt. Als herausragend ist das jüngste Bildnis zu bewerten: Es entstand 2020 – im „Jahr des Abstands“. (Bis 11.7.)

No Depression Room

Last but certainly not least, sei noch ein neuer, kleinerer, aber nicht weniger besonderer Ort empfohlen. In der Fenstergalerie No Depression Room in der Dachauer Straße 157 gibt es seit einigen Monaten im wöchentlichen Turnus interessante Stimmen aus der Münchner Szene, viele aus dem Umfeld der Akademie zu erleben. Was im Dezember als Herzens- und Pop-Up-Projekt begann, hat sich mehr und mehr etabliert und bleibt bis auf weiteres bestehen. Das Besondere: Jeden Montag ändert sich die Ausstellung. Im April sieht man dort Nelson Heinemann (5.4. - 11.4.), Mara Weyel (12.4. – 18.4.); Pele Petrovic (19.4. – 25.4.), Paolo und Victor Obermüller (26.4. – 2.5.).

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