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„Die letzten Europäer. Jüdische Perspektiven auf die Krisen einer Idee“ im Jüdischen Museum 

Erstellt:

A. Dreyblatt, „Letzte Europäer?“, Berlin 2022
A. Dreyblatt, „Letzte Europäer?“, Berlin 2022 © Dreyblatt

Vom 23.11. – 21.05.2023 widmet sich das Jüdische Museum München der Zukunft der europäischen Idee.

77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Europa von einem Rückfall in nationalistische und fremdenfeindliche Ideologien bedroht. Der europäische Imperativ „Nie wieder!“ wird von vielen in Frage gestellt, auch in Deutschland. Zugleich entdecken Europas Nationalisten ihre eigene Fantasie vom „christlich-jüdischen Abendland“ – als Kampfbegriff gegen Zuwanderung und Integration. Die Werte der Aufklärung, die die Grundlage europäischer Verständigung nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts bildeten, werden in ihr Gegenteil verkehrt und so zum Mittel der Abschottung und der Ausgrenzung.

Was war das „Projekt Europa“ und was ist daraus geworden? Und was wird aus ihm werden? Ist die europäische Gemeinschaft in Zeiten beunruhigender globaler Herausforderungen -Corona-Pandemie, Kriege und daraus resultierende Krisen- noch weiter auseinander anstatt näher zusammengerückt? Werden nationale Interessen immer mehr gegen solidarisch-europäische Lösungen ausgespielt?

Vor dem Hintergrund dieser Fragen lässt die Ausstellung auf jüdische Individuen blicken, die angesichts der Zerstörung Europas im 20. Jahrhundert nationale und kulturelle Grenzen überschritten, die universelle Geltung von Menschenrechten erneut einforderten und vehement entschlossen einen europäischen Traum verfolgten. Anhand ihres Engagements für ein geeintes und friedliches Europa erkundet die Ausstellung gleichzeitig dessen neuerliche Bedrohung.

Das Museum öffnet sich zu einem Ort der Debatte über die Zukunft Europas, über die reale und die ideelle Substanz der Europäischen Union, über Gefährdungen und Chancen, über zukunftsweisende und überkommene Konzepte. Über die europäische Aufklärung wird hier ebenso zu streiten sein wie über ihre Kinder: Säkularisierung und Moderne, Emanzipation und Partizipation, Nationalismus und Chauvinismus, Kolonialismus und Kapitalismus.

Zentrum der Ausstellung ist eine Kunstinstallation von Installations- und Performancekünstler Arnold Dreyblatt (*1953 in New York), bestehend aus drei Lentikulardrucken, die er als interaktives Darstellungsmittel gewählt hat. Dreyblatt lebt in Berlin und ist seit 2007 Mitglied der Akademie Künste. Seit 2021 ist er stellvertretender Direktor der Sektion Bildende Kunst. Jedes seiner Werke in der Ausstellung „Die letzten Europäer“ enthält bis zu sechs Textebenen, die als Textfragmente von verschiedenen Betrachtungspositionen aus zu sehen sind und die sich wie in einem dekonstruierten „Palimpsest“ gegenseitig zu „überschreiben“ scheinen.

Zur Ausstellung erscheint bei der Europäischen Verlagsanstalt ebenso ein Katalog,

hrsg. von Felicitas Heimann-Jelinek u.a. Der Band -mit Beiträgen von Aleida Assmann, Daniel Cohn-Bendit, Cilly Kugelmann u.a.- kreist um Schlüsselfiguren der europäischen Idee, um Versuche ihrer Realisierung und ihre drohende Demontage, um Katastrophenerfahrungen und politische Initiativen, erzählt von ihren Protagonisten und Antagonisten – und zeigt ein Europa, das nicht zuletzt ein jüdischer Möglichkeitsraum war und ist.

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