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Carl Strathmann im Stadtmuseum: Detailverliebt

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"Jugendstil skurril. Carl Strathmann" im Münchner Stadtmuseum

Opulent, skurril, grotesk – das Münchner Stadtmuseum feiert den Jugendstilkünstler Carl Strathmann

So recht kann man nicht nachvollziehen, was an dem Gemälde „Salambo“ skandalös gewesen sein soll. Okay, da liegt eine Frau auf dem Boden, um deren vollständig bedeckten Leib sich eine dicke schwarze Schlange windet. Und okay, die Schlange züngelt verdächtig nah an ihrem Mund, so dass man meinen könnte, hier wird geküsst. 

Aber hey, selbst wenn dem so wäre – es handelt sich um ein Bild. Genauer: um die künstlerische Umsetzung einer literarischen Vorlage. Also quasi Fiktion hoch zwei. Als Carl Strathmann Ende des 19. Jahrhunderts das großformatige und reich verzierte Gemälde der Münchner Öffentlichkeit präsentierte, sprach man von „sadistischer Phantasie“ und Monstrosität der Darstellung“. 

Einem Künstler seine Kreativität vorzuwerfen ist ja schon paradox genug. Vor allem, weil man Strathmann später dafür kritisierte, zu wenig kreativ, sondern vor allem dekorativ zu arbeiten. So ist das eben, passt einer nicht eindeutig in eine Schublade, dann wird’s schwierig. Und zwar vor allem für diejenigen, die sich berufen fühlen, andere zu bewerten und einzuordnen. Im Namen der Kunstgeschichte, versteht sich.

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Mittlerweile ist sich die Kunstgeschichte einig, dass Strathmanns Werk in keine Schublade passt. Und schätzt ihn genau dafür, für seinen originell, bizarren Stil, der bis ins Humoristische reicht. Die Ausstellung „Jugendstil skurril“ im Stadtmuseum zeigt alle Facetten des 1866 in Düsseldorf geborenen Künstlers, der 1890 nach München kam und bis zu seinem Tod 1939 blieb. Zeichnungen aus der Studienzeit an der Kunstakademie Düsseldorf, Blumenstilleben, Arbeiten für das Berliner Kunst- und Literaturmagazin „Pan“, ornamentale Muster für Fliesen und Tapeten, bemalte Wandbehänge, großformatige Historiengemälde, Entwürfe für Postkarten ...

Kurator der Ausstellung Dr. Nico Kirchberger konnte aber auch aus dem Vollen schöpfen. Anfang der 1960er Jahre vermachte Strathmanns einzige Tochter den gesamten Nachlass ihres Vaters dem Münchner Stadtmuseum. Ein Glücksfall. Aus den insgesamt 447 Objekten hat Kirchberger 144 Arbeiten ausgewählt und da - zu zwölf Leihgaben organisiert. Ein repräsentatives Strathmann-Panoptikum tut sich da auf, das chronologisch beginnt, um inhaltlich sortiert immer tiefer ins Lebenswerk vorzudringen, dorthin, wo die Grenzen zwischen Malerei, Kunstgewerbe und Karikatur völlig verschwimmen. 

Auch Strathmanns symbolistische Aquarelle und Ölgemälde haben meist eine humoristische Ebene und halten so eine gesunde Distanz zu sich selbst und dem Sujet, das sie darstellen. So trägt der Heilige Antonius bei seiner Fischpredigt eine knubbelige Nase, braune Hausschlappen, und deklamiert reichlich übertrieben in Wind und Gischt. Und der Satan selbst ist ein drolliges Tierchen, das sich zwar mit einem schlangenartigen Schwanz am Baum festhält, mit seinen großen Ohren aber eher wirkt wie der kleine Bruder vom Wolpertinger. 

Es gibt schöne Meerjungfrauen, jede Menge muntere Bacchanten-Umzüge, Clowns, feine Damen, die Sekt trinken, ein Krokodil, das einen Tuba spielenden Musiker beißt, dümmliche Burschenschaftler, eitle Giggerl, exotische Szenerien und historische Szenen – immer prächtig ausgearbeitet, so dass man ganz nah herantritt und sich nicht satt sehen kann an dieser überbordenden Detailverspieltheit. Kleinste Farbtupfer, aufgeklebte Edelsteine, dunkel schimmerndes Gold, ornamentale Blumenrankenrahmen, feixende Gesichter ... das passt wirklich in keine Schublade. 

Autor: Barbara Teichelmann

"Jugendstil skurril. Carl Strathmann" im Münchner Stadtmuseum, Sankt-Jakobs-Platz 1
Bis 22. September 2019, www.muenchner-stadtmuseum.de

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