Ansichtssache

NS-Dokumentationszentrum: Gut getarnt

Völlig aus der Zeit gefallen und trotzdem noch da: Sieben von insgesamt 14 Travertinsäulen, die die Nationalsozialisten in Stuttgart aufstellen ließen.

Zeitgenössische Kunst erweitert und ergänzt die historische Ebene des NS-Dokumentationszentrums

Der Raum, in dem Jon Rafmans düstere Digitaldystopie „Disasters Under the Sun“ von 2019 läuft, ist dunkel, sodass man sich ganz auf den Film konzentrieren kann. Blaue Männchen fallen, rennen, stolpern durch eine lebensfeindlich animierte Welt, in der seltsame Kräfte riesige Hebel in Bewegung setzen, die die Männchen zu einer blauen Masse zusammenschieben, um sie dann zu schreddern oder anderweitig zu zermatschen. 

Blut fließt keines, aber Gewalt gibt es genug. „Des is ja Robots“, sagt ein Jugendlicher, der mit seinen Freunden kurz den Kopf in den Raum steckt und dann beschließt, ganz einzutreten. Ein paar Sekunden Ruhe, dann: „Des is schon ganz geil, aber was ist der Sinn davon?“ Ein anderer: „Der ist jetzt tot, oder?“ Der erste wieder: „Was hat das mit NS zu tun?“ Ein dritter: „Wahrscheinlich soll es so Krieg darstellen.“ Der Erste: „Das is Kunst.“ Und so ist es – mit der Ausstellung „Tell me about yesterday tomorrow“ hat sich das NS-Dokumentationszentrum München zeitgenössische Arbeiten von 46 internationalen Künstler*innen ins Haus geholt. Und sie vom Untergeschoss bis in den vierten Stock über alle Etagen verteilt, so dass Dauerausstellungsbesucher zwischen all den historischen Daten und Objekten und Dokumenten immer wieder aktueller Kunst begegnen. 

Das ist schön, weil so die wissensbetonte Ebene um eine poetisch ästhetisch intuitive erweitert wird. 18 Arbeiten aus den vergangenen dreißig Jahren hat Kurator Nicolaus Schafhausen ausgewählt und mit Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kombiniert. Schafhausen, der im Mai 2018 seine sechseinhalb Jahre dauernde Chefzeit an der Kunsthalle Wien mit der Begründung aufkündigte, er könne sich nicht vorstellen, jemals mit einer rechtsnationalen Regierung zu verhandeln, bewegt sich mit diesem Konzept an der Schnittstelle von Kunst und Geschichtswissenschaft. Ziel ist es, „mit ästhetischen Mitteln Denk- und Diskussionsräume zu öffnen, die unser Empfinden, unsere Überzeugungen, Gewohnheiten und unser Handeln hinterfragen.“ Bei den Jugendlichen hat das ja schon mal funktioniert. Außer Film gibt es Malerei, Zeichnungen, Fotografie, Installationen, Video und Performance zu sehen. 

Man kann also getrost behaupten, dass die Vielfalt nicht nur über die Themen, sondern auch über die Bandbreite der Medien erlebbar wird. Und die Themen? Die reichen vom neuen Nationalismus und Antisemitismus über Ausbeutung von Mensch und Natur bis zu den kulturellen wie politischen Auswirkungen von Krieg, Unterdrückung oder Trauma. Der kanadische Künstler Kent Monkman (geb. 1965) hat ein gewaltiges Gemälde geschaffen, das an die Sintflut erinnert und die nordamerikanische Kolonialgeschichte aufgreift. Die Heldin des Bildes ist „Miss Chief Eagle Testickle“, die sich in geblümtem Kleid, mit High Heels und zwei Kindern an einem Felsen hochzieht, um sich vor der Siedlerflut zu retten. 

Sehr viel leiser und beiläufiger sind die Fotografien von Annette Kelm. In ihrer Serie „Recyclingpark Neckartal“ hat sie Relikte nationalsozialistischer Architektur in der Stuttgarter Innenstadt dokumentiert. Zwischen einem Recyclinghof und einem Müllheizkraftwerk stehen 14 Travertinsäulen, die das Nazi-Regime in den 1930er Jahren beim Stuttgarter Steinbruch Lauster in Auftrag gab. Trotz der kolossalen Proportionen fallen sie nicht weiter auf. Verdrängt und doch präsent. Ein grusliges Raumzeitkontinuum.

Autorin: Barbara Teichelmann

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