Ansichtssache

Objektgeschichte

Sieben Kisten mit jüdischem Material im Jüdischen Museum München

Noch bis 1. Mai: Das Jüdische Museum München gedenkt des 80. Jahrestags des Novemberpogroms mit der Ausstellung „Sieben Kisten mit jüdischem Material“

Es gibt ja diesen Begriff des „Artist’s Artist“. Was darunter genau zu verstehen ist? Artist’s Artists sind Künstler, die in der breiten Öffentlichkeit nicht so bekannt sind, sich in Künstlerkreisen aber großer Beliebtheit erfreuen. Dieses Prinzip trifft auch auf die Ausstellung „Sieben Kisten mit jüdischem Material“ zu. Historikern geht hier das Herz auf, und Nichthistoriker können sofort nachvollziehen, warum das so ist, denn hier wird die Aufarbeitung von Geschichte ausgestellt. 

Und natürlich die Geschichte selbst, in Form von Objekten. Aber der Reihe nach. Das heutige Museum für Franken in Würzburg ist seit einiger Zeit dabei, aufzuräumen und inventarisiert zum ersten Mal seit 1945 den gesamten Bestand. Dabei entdeckte man irgendwo in den Tiefen des Depots sieben Holzkisten mit jüdischen Ritualgegenständen, die zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verbrannt oder fragmentiert waren. Ein Historiker, der ja eigentlich irgendwas zwischen Detektiv und Geschichtenverknüpfer ist, fängt natürlich sofort an, Fragen zu stellen. Was sind das für Objekte, woher kommen sie und wie kamen sie in das Depot? 

Alle Termine von Sieben Kisten mit jüdischem Material im Jüdischen Museum München

Das war 2016. Die Würzburger wandten sich an Bernhard Purin, den Direktor des Jüdischen Museums München, und so entstand ein Forschungsprojekt, das systematisch die Provenienz der wiederentdeckten Objekte untersuchte. Das Ergebnis: Etwa ein Drittel der insgesamt 150 Objekte wurde während des Novemberpogroms von 1938 in mehreren Synagogen in Würzburg und der Region beschlagnahmt und gelangte vor 1945 in das damalige Mainfränkische Museum. 1947 wurden die Ritualgegenstände dann auf Anordnung der US-Militärbehörden der „Jewish Restitution Succsessor Organisation“ übergeben. Warum aber ein Teil im Museum verblieb, konnte nicht aufgeklärt werden. Die vielschichtige, historische Lesbarkeit der einzelnen Objekte gab dann den Ausschlag, zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms eine gemeinsame Ausstellung zu planen. 

Und voilà, hier sind wir, mitten in München, aber auch mitten in Franken. Empfangen wird man von einer Holzkiste, wie man sie 1945/46 aus dem Bombenschutt des zerstörten Würzburger Museumsgebäudes geborgen hatte und die man 2016 dann wiederentdeckte. Die zum Teil kunsthistorisch wertvollen, geraubten Ritualgegenstände wie Seder-Teller, Thora-Schmuck, Kiddusch-Becher oder Chanukka-Leuchter werden in sieben hohen Glasvitrinen präsentiert. Jede der Vitrinen steht für einen der sieben fränkischen Orte, aus deren ehemaligen Synagogen die Objekte stammen: Arnstein, Ebelsbach, Gochsheim, Heidingsfeld, Miltenberg, Schweinfurt und Würzburg. Ein 20 Meter langes, weiteres Regal zeigt die bisher nicht identifizierten Objekte. Anhand der meist hebräischen Inschriften konnten die Stifter und Stifterinnen identifiziert werden. Viele wurden noch im 18. Jahrhundert geboren, die meisten wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Dieses grausam abrupte Ende vieler Biografien spiegelt sich ganz direkt in den vom Feuer versengten, verbogenen und zerstörten Objekten wider. 

Autorin: Barbara Teichelmann

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