Ansichtssache

Jörg Immendorff im Haus der Kunst: Hapmi lieb

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Das Haus der Kunst zeigt erste große Immendorff-Retrospektive

Mächtig was los hier. Keine Angst vor Farbe, deutlichen Formen und großen Formaten. Hier war einer am Werk, der Wirkung kann und will, aber immer auf der Suche war nach relevanten Inhalten, die er transformieren und transportieren kann.

Auf der Suche nach DER Botschaft, von der er aber weiß, dass es sie nicht gibt. Es geht um Jörg Immendorff, den Beuys-Schüler, der ja eigentlich nur geliebt werden wollte. Am besten von allen. Aber als Künstler. Zumindest hat er das auf eines seiner frühen Bilder gepinselt, damals war er noch Student an der Akademie Düsseldorf.

„Hapmi lieb“ steht da. Und nicht weit davon entfernt hängt ein Bild mit der unmissverständlich paradoxen Aufforderung: „Hört auf zu malen.“ 2007 starb Immendorff als weltberühmter Maler an der Nervenkrankheit ALS und jetzt, über zehn Jahre später, richtet ihm das Haus der Kunst die erste große Retrospektive aus. Eine Ausstellung, die entscheidende Schwerpunkte seiner künstlerischen Entwicklung in Kapitel gliedert. Von den Anfängen an der Akademie über die gesellschaftspolitische Werkphase der 1960er bis 1980er-Jahre und schließlich die allegorisch verschlüsselten Gemälde der letzten Schaffensperiode.

Alle Termine der Ausstellung "Jörg Immendorff" im Haus der Kunst auf events.in-muenchen.de

Aber erstmal zu den Anfängen, und was man davon mitbekommt, ist wunderbar und berührend in seiner Aufrichtigkeit. Da sucht einer nach seinem Platz in der Welt, von dem aus er handeln kann und geht dabei streng mit sich selbst ins Gericht. Rechts in der Ecke auf dem Boden sitzt ein junger Mann bei Kerzenschein, und der Mond schaut durchs Dachfenster zu. Vor dem Mann liegt ein Stück Papier oder eine Leinwand, daneben Farbtöpfe. Den Pinsel hat er auf dem Boden abgelegt. Wahrscheinlich, um sich besser auf seine Nachtträumereien konzentrieren zu können, die als rosa Wolke über seinem Kopf schweben. Darin sieht man eine Ausstellung und eine Zeitung mit einem großen Bild. Und darüber und darunter steht: „Ich wollte Künstler werden: Ich träumte davon, in der Zeitung zu stehen, von vielen Ausstellungen, und natürlich wollte ich etwas ‚Neues’ in der Kunst machen. Mein Leitfaden war der Egoismus.“

Nächstes Bild, nächste Entwicklungsstufe, vier Bilder sind es. Das war die Zeit, in der sich Immendorff politisch in der Außerparlamentarischen Opposition engagierte und Mitglied der maoistischen KPD wurde. Der Künstler als gesellschaftlich relevante Kraft, die Veränderung herbeiführen kann. Danach wird es großformatig und weniger politisch. Oder sagen wir, weniger dogmatisch agitatorisch, denn politisch ist vieles, wenn nicht sogar alles. Man denke nur an den Bundesadler, der in verschiedensten Ausführungen immer wieder auftaucht, dick oder dick, aber immer maximal unmajestätisch.

Oder an den 19-teiligen, expressionistisch anmutenden Zyklus „Café Deutschland“, in dem er Bilder schuf, die Bühnen glichen, auf denen er munter Persönlichkeiten aus West und Ost miteinander ins Gespräch brachte und so die innerdeutsche Grenze thematisierte und gleichzeitig überwand. Und natürlich das Porträt des ehemaligen Kanzlers Gerhard Schröder. Das hängt zwar in Berlin, ist aber trotzdem präsent. Dass ein ehemaliges KPD-Mitglied, das von der Akademie flog, weil diese seine neodadaistischen Aktionen nicht verkraftete, einmal ein Kanzlermaler sein würde, hat sich der junge Mann in der rechten Bildecke bestimmt nicht erträumt. Und dennoch ist es so gekommen. Kunst kann einiges. Das Leben kann noch mehr.

Autorin: Barbara Teichelmann

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