Ansichtssache

Erwartungen

"Am I What You're Looking For?" im Amerikahaus

Endia Beals Fotoserie „Am I What You’re Looking For?“ im Amerikahaus fragt uns: Wer ist professionell?

Viele Unternehmen haben einen Dresscode. Männer tragen Anzug in gedeckten Grau- oder Blautönen. Frauen tragen nicht zu kurze Röcke oder Hosen, immer mit Strümpfen, und achten darauf, dass die Schultern bedeckt sind. Offene Schuhe sind nicht erlaubt, egal wie heiß es ist. Das soll seriös wirken, souverän und professionell. 

Arbeitet man zum Beispiel als Köchin oder Koch, leuchtet es ein, dass man eine Mütze (Haare!), lange Ärmel und Hosen und geschlossene Schuhe (Verbrennungs- und Kleckergefahr!) tragen soll. Sitzt man dagegen an einem Schreibtisch – egal, in welchem Job und auf welcher Karrierestufe – ist es nicht wirklich einsehbar, warum man im Sommer nicht in offenen Sandalen kommen darf. Oder besser kein knalliges Gelb tragen sollte. Das sind ja nur Äußerlichkeiten? Was heißt hier „nur“? 

Genau hier fängt es an, dass man sich verkleidet und verbiegt. Die Fotoserie „Am I What You’re Looking For?“ der US-amerikanischen Künstlerin Endia Beal (geb. 1985) zeigt junge, afroamerikanische Uni-Absolventinnen, die zum Teil schon erste Erfahrungen in der Arbeitswelt gesammelt haben und kurz vor dem Eintritt ins Geschäftsleben stehen. Was sind ihre Erwartungen? Und welchen Erwartungen meinen sie, gerecht werden zu müssen? 

Beal, die eine Galerie leitet und als Dozentin an der Winston-Salem State University in North Carolina arbeitet, hat das Projekt mit ihren Studentinnen umgesetzt: „Lasst uns bei euch daheim Bewerbungsfotos inszenieren, egal wo ihr aufgewachsen seid in North-Carolina. Ich möchte, dass ihr euch so zurechtmacht, wie ihr es für professionell haltet. Für die Aufnahmen bringe ich als Hintergrund das Foto von einem Bürogang mit, in dem ich mich selbst immer unglaublich unwohl gefühlt habe. Davor stellt ihr euch – und stellt euch vor, ihr seid echte Bewerberinnen.“ So haben sie es gemacht, und nun sind 28 Kandidatinnen-Porträts im Amerikahaus zu sehen. 

Klara zum Beispiel trägt ihre langen Haare offen und ein knallrotes Kleid, das den Nabel frei lässt, die Arme hält sie schützend und gleichzeitig abwehrend vor dem Bauch, so dass man den knallblauen Nagellack fast nicht sieht. Ihre Schuhe sind hoch, Schlangenlederoptik auf neongelben Sohlen. Klara sieht zur Seite. Dass sie sich nicht wohl fühlt, sondern schon jetzt fehl am Platz, ist offensichtlich. 

Es gibt aber auch Frauen, die uns herausfordernd oder ganz ruhig und selbstbestimmt anschauen. Neben jedem Bild hängt ein Zitat der Porträtierten. Jazmyne, 21 Jahre alt, sagt: „Corporate Amerika is a monochromatic, male dominated society that could benefit from a woman’s mindful, rational, and masterful touch.“ Eine andere Kandidatin erzählt, wie sie in einem Bewerbungsgespräch darauf hingewiesen wurde, dass ihr (nicht geglättetes) Haar unprofessionell sei. 

Rassismus in der Arbeitswelt, dieses Thema hat Endia Beal schon öfters in ihren Arbeiten thematisiert. Wohl auch, weil sie es selbst erlebt hat und ein Bewusstsein schaffen möchte. In den Köpfen der Kandidatinnen und in unseren Köpfen. Es sollte doch machbar sein, dass man Menschen nicht nach Haarvolumen, Nagellackfarbe oder Absatzhöhe beurteilt, sondern nach ihrer Leistung. Das wäre professionell.

Autorin: Barbara Teichelmann

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