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Auf nach Utopia - Münchens Museen im August

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Asger Jorn, They Never Come Back (Detail). 1958 auf der documenta und jetzt im Lenbachhaus
Asger Jorn, They Never Come Back (Detail). 1958 auf der documenta und jetzt im Lenbachhaus © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Documenta, Olympia, Biotopia – Im August stehen Münchens Ausstellungen im Zeichen großer Ideen und deren Umsetzung.

Das BIOTOPIA Lab im Botanischen Garten München-Nymphenburg bietet schon jetzt einen Vorgeschmack auf das Konzept von BIOTOPIA, dem Naturkundemuseum, das in den nächsten Jahren am Schloss Nymphenburg entsteht. Als dynamischer Experimentier- und Ausstellungs-Raum ist es ein Ort für Veranstaltungen und Mitmach-Aktionen an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst, Design und der breiten Öffentlichkeit. In der Zeit zwischen der Schließung des Museums Mensch und Natur bis zur Eröffnung des neuen Museums macht es als Interimsplattform die Vision von BIOTOPIA lebendig und richtet sich an alle Altersklassen.
Der Ausstellungsbereich lädt etwa dazu ein, rätselhafte Objekte aus den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns zu entdecken, Seidenraupen beim Fressen zuzuhören oder mit dem VR-Vogelflugsimulator Birdly über die schönsten Landschaften Bayerns zu fliegen. Wer mehr über die Inhalte des Museumsprojekts BIOTOPIA und die Architektur des Neubaus erfahren möchte, ist hier ebenfalls richtig. Auch will BIOTOPIA verschiedenste naturkundliche Bildungseinrichtungen in Bayern vernetzen und stellt diese im Lab vor.
Aktiv werden und Ausprobieren kann man bei wechselnden, kostenfreien Mitmachangeboten (vorrangig am Wochenende, Feiertagen und Ferien). Beispiele: Bei „Der ewige Garten“ können Sie ein Mini-Biotop in einer Flasche bauen, bei „Fungi for Future“ erfahren Sie, wie man mit Pilzen Wolle färbt oder seine eigene Pilzzucht startet und bei „Der Code des Lebens“ isolieren Sie selbst die DNA einer Banane und lernen die Bausteine des Lebens kennen. Dazu gibt es wechselnde buchbare Workshops und Schulprogramme. Alle nötigen Infos finden Sie unter www.biotopia.net

Von der Wissenschaft zur Kunst: „Fragments, or just Moments“ im Haus der Kunst (bis 23.10.) und Kunstverein München (bis 11.9.) ist die erste institutionelle Einzelausstellung des US-amerikanischen Künstlers Tony Cokes (*1956) in Deutschland. Er präsentiert die neue Werkreihe Some Munich Moments 1937–1972. Das audiovisuelle Werk untersucht auf Grundlage von Archivmaterial die eng miteinander verwobene Geschichte von Haus der Kunst und Kunstverein während der NS-Zeit und darüber hinaus. Some Munich Moments 1937–1972 setzt die kulturellen Propagandastrategien des NS-Regimes in Beziehung zur visuellen Identität der Olympischen Spiele 1972 in München, die in direkter Opposition als „antifaschistisch“ und „weltoffen“ beworben wurde. 
Die Werkreihe ist sowohl im Haus der Kunst, im Kunstverein München als auch im öffentlichen Raum zu erleben. In der Fußgängerunterführung am Südende des Englischen Gartens und am Zaun des Amerikanischen Generalkonsulats werden Text- und Tonauszüge des audiovisuellen Werks präsentiert. 

Nun präsentiert das Lenbachhaus anlässlich der documenta fifteen 2022 die Ausstellung „Was von 100 Tagen übrig blieb... Die documenta und das Lenbachhaus“. Ein Parcours bedeutender Arbeiten aus allen documenta-Ausstellungen - von der ersten Ausgabe 1955 bis zur 14. im Jahr 2017 - dokumentiert, welche Arbeiten in einer musealen Sammlung sichtbar geblieben sind. Die Ausstellung zeigt am Beispiel des Lenbachhauses in München welch wirkmächtiger Resonanzkörper die documenta in der bundesrepublikanischen Museumslandschaft bis in die Gegenwart ist. Das Lenbachhaus hat bis heute eine besonders enge Verbindung zur documenta. Standen doch bereits 1955 bedeutende Kunstwerke aus dem inneren Kreis des Blauen Reiter im Zentrum des Kasseler Projektes. Gemälde wie Gabriele Münters „Stillleben in Grau“ (1910), Franz Marcs „Rehe im Schnee II“ (1911), oder Wassily Kandinskys „Parties diverses“ (1940), sind heute diejenigen Werke, auf denen die internationale Wertschätzung der Sammlung des Lenbachhauses beruht. Auch bei der II. documenta (1959) und documenta III (1964) wurden bedeutende Werke aus der Sammlung Blauer Reiter des Lenbachhauses gezeigt. Mit Fritz Koenigs Skulptur „Großes Votiv K“ (1963/64), oder Asger Jorns Gemälde „They never come back“ (1958), tätigte das Lenbachhaus erste Ankäufe aus dem Segment der Gegenwartskunst der frühen documenta-Ausstellungen. Aus der politischen Ausrichtung der 4. documenta (1968) gelangte Öyvind Fahlströms großes Panorama zum Vietnamkrieg „Live Curve 2 (Snowfield)„ (1967) in die Sammlung des Lenbachhauses. Von Joseph Beuys‚ erstem Auftritt bei der documenta wird die „Bienenkönigin I“ (1947-52) aus der Sammlung Lothar Schirmer gezeigt.

Nicht nur mit Blick auf die Documenta 2022 ist zu sehen: Kunstwerke sind wie Seismografen sich stetig wandelnder gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen. Das gilt es in der Ausstellung Terra Infirma anhand dreier Gegenwartskünstlerinnen im Kunsthaus Kaufbeuren (3.6. – 11.9.) zu erkunden. Die Berliner Künstlerin Nathalie Grenzhaeuser betrachtet in ihren Werken als Fotografin die Beziehung zwischen Architektur und Topografie, häufig vor dem Hintergrund der Siedlungsgeschichten in entlegenen Teilen der Welt. Magdalena Jetelová ist bekannt als Bildhauerin monumentaler Holzskulpturen. Doch auch ihr fotografisches Werk erfährt bereits seit Jahren internationale Aufmerksamkeit. In den großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Werkzyklen Atlantic Wall und Iceland Project, beschäftigt sie sich mit dem Thema der Grenze im geografischen und erdgeschichtlichen, im philosophischen und kulturellen Kontext. Die ebenso meditativen wie feinsinnigen und poetischen Werke der irischen Künstlerin und Filmemacherin Clare Langan erzählen von einer Welt im Fluss, sie offenbaren die Schönheit und die Tragik von Veränderungsprozessen wie sie sich in Landschaften, in Metropolen oder auch in menschlichen Beziehungen ereignen.

Olympia ´72 zum ersten: 50 Jahre nach den Olympischen Spielen in München erinnern 2022 diverse Institutionen unter der Ägide des Jüdischen Museums ganzjährig an das Olympia-Attentat vom 5. - 6. September 1972. „Zwölf Monate – Zwölf Namen“ widmet sich im August 2022 mit einer Installation der Künstler*innen Saba Bussmann und Horst Konietzny dem Olympia-Athleten Kehat Schor. Schor war Nationaltrainer der israelischen Sportschütz*innen. Geboren in Rumänien, überlebt er den Holocaust versteckt in den Karpaten. Schon in seinem Geburtsland wird Schor zu einem bekannten Sportschützen, ehe er 1963 nach Israel auswandert und den Trainerposten übernimmt. Während der Olympischen Spiele in München 1972 wird er zusammen mit anderen von palästinensischen Terroristen als Geisel genommen. Der Versuch deutscher Polizeikräfte, die Gefangenen auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck gewaltsam zu befreien, scheitert, und Kehat Schor stirbt an einer Schussverletzung.
In einem Interview von 2014 berichtet seine Tochter, Michal Schor, über die belastende Situation für die Familie, die von der Geiselnahme aus dem Radio erfährt, und von offizieller Stelle zunächst beschwichtigt wird. Zitate aus diesem Interview sowie das Portrait Kehat Schors sind Teil der Installation, die am NS-Dokumentationszentrum sowie am U-Bahnhof Königsplatz und an der Mauer des Lenbachhauses an der Luisenstraße gezeigt wird.

Olympia ´72 zum zweiten: Die zum Jubiläum der olympischen Spiele ausgerufenen „Startsignale“ der Stadt München gehen im August in die nächste Runde: Eröffnet wird die Installation 5.9.72 – heute kein Programm an der Olympia-Regattastrecke. Der 5.9.1972 markiert eine radikale Unterbrechung. Das Attentat auf das Team der israelischen Mannschaft stellt eine jähe Zäsur der Olympischen Spiele dar. Im Moment des kaum zu fassenden Ereignisses machten die Künstler Peter Mell, Hans Poppel und Uwe Streifeneder einen Siebdruck, der das letzte Zeichen des erstmals stattfindenden Kulturprogramms sein sollte – heute kein Programm.
Im Zentrum des Kunstprojekts von Fanti Baum & Sebastian Klawiter steht jener Moment der angehaltenen Zeit. Sie bringen einen Neonlicht-Schriftzug im Areal der Kanu- und Ruderregattastrecke an und wollen so der radikalen Unterbrechung Platz einräumen. Denn der sich selbst aussetzende Satz verweist für sie auf eine Leerstelle und offene Wunde und vermag die Erinnerung wach zu halten an ein Ereignis, das die Welt erschüttert hat.

Von 29.8. – 1.9. gibt es in der Olympia-Schwimmhalle die Performance „In Marks Schatten“ von Vincent Mitzev zu sehen. In der Performance schwimmt der Künstler die sieben Olympischen Goldmedaillen des US-amerikanischen Champions Mark Spitz in einem reenactment dieser olympischen Reihe von Siegen nach. Nicht die genaue Zeit zu erschwimmen, sondern alles zu geben ist das Herzstück des reenactments! Mark Spitz erschwamm seinen letzten Sieg am 4. September vor dem Attentat und wurde als US-Bürger jüdischer Herkunft kurz nach der Entführung in die USA ausgeflogen. Mitzevs Performance ist eine Hommage an einen Ausnahmesportler, sowie eine persönliche Annäherung an den Olympischen Geist des Wettkampfs, des Dabeiseins und der Vielfalt in all seiner Fragilität und Bedrohtheit.

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