Ansichtssache

Vom Meisterschüler zum Meister: Anthonis van Dyck in der Alten Pinakothek

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Als Anthonis van Dyck dieses neugierig selbstbewusste Selbstporträt 1615 malte, war er 16 Jahre alt.

Die Alte Pinakothek macht Anthonis van Dycks Entwicklungsgeschichte sichtbar

Wann ist ein Künstler ein Künstler? Wenn er das Handwerk beherrscht? Wenn er das Handwerk so gut wie sein Lehrer beherrscht? Wenn er das Handwerk so gut beherrscht wie sein Lehrer, und eigene Ideen entwickelt? Genau. Und so ist es kein Wunder, dass die van-Dyck-Ausstellung in der Alten Pinakothek im Rubenssaal startet. Denn Rubens war sein Lehrer und Vorbild und Idol.

Van Dyck, der 1599 geboren, war 22 Jahre jünger und arbeitete von 1619 bis 1620 für den großen Meister. Da war er bereits seit einem Jahr vollwertiges Mitglied der Lukasgilde. Weil er besonderes Talent zeigte, nahm ihn der flämische Maler Hendrik van Balen schon mit zehn Jahren in die Lehre. Mit 16 Jahren hatte er bereits ein eigenes Atelier.

Was wollte van Dyck also bei Rubens? Seinen Stil verfeinern und von der gewaltigen Bildkompositionskunst lernen. Man muss nur einen Blick auf Rubens’ gewaltiges, sechs Meter hohes Jüngstes Gericht (1617) werfen, das im Münchner Rubenssaal hängt – und versteht. Wie kunstvoll sich hier das Gute hinauf- und das Böse hinabwindet, und in der Mitte der auferstandene Christus, von dem alle Energie ausstrahlt und in dem alle Energie mündet. Ein juristischer Wirbel oder Kreislauf quasi, der einen in den Himmel oder in die Hölle katapultiert. Wenn man von diesem Meister lernen kann, dann sollte man es tun. Und da die Imitation der erste Schritt in die Eigenständigkeit ist, fing van Dyck an, seine Bilder in Rubens-Manier aufzubauen.

Der erste Schritt in die Eigenständigkeit war ein Auftrag für James I. in England. Dort porträtierte er mehrere Männer am Hof, brach kurz darauf nach Italien auf und kehrte immer wieder dorthin zurück. Zwischen 1621 und 1626 lebte er unter anderem in Genua, Rom, Venedig und auf Sizilien und fing an, unter dem Einfluss von Tizian und Tintoretto seinen eigenen Stil zu finden. Und so entwickelte er sich weg von der Historienmalerei und wurde einer der gefragtesten Porträtkünstler seiner Zeit.

Mit 100 Exponaten, darunter auch einige Leihgaben, macht die Ausstellung diese künstlerische Emanzipation Schritt für Schritt erlebbar. Im ersten Kapitel ist noch deutlich der Einfluss Rubens’ zu sehen, sein trunkener Silen hängt direkt neben einem trunkenen Silen von van Dyck. Auch im zweiten Kapitel werden die italienischen Impulse in direkten Gegenüberstellungen sichtbar.

Das dritte Kapitel ist den Künstlerbildnissen aus der Münchner Sammlung gewidmet, und im vierten und letzten Teil geht es um die Arbeitsprozesse innerhalb der Werkstatt, von den eigenhändigen Vorlagen van Dycks bis zur abschließenden Ausführung im Kupferstich oder in der Radierung. 54 Gemälde aus der Werkstatt van Dycks sind im Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlung. In einem langjährigen Forschungsprojekt wurden diese Bilder technisch untersucht und restauriert.

Die kunstgeschichtlich spannenden Einblicke und Ergebnisse werden in der Ausstellung erstmals öffentlich präsentiert. Dabei lohnt sich ein Besuch schon allein, um die unglaublich lebendigen Selbstporträts des Künstlers aus nächster Nähe zu studieren. Denn van Dyck war zwar vielleicht kein Meister der Komposition, aber ganz bestimmt ein Meister des Details.

Autorin: Barbara Teichelmann

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