Gastro-News

Münchner Gastronomie - Wir sind wieder da

Biergarten auf den Viktualienmarkt

Wie wurde die reglementierte Öffnung der Außengastronomie bei Gästen und Gastronomen angenommen? Momentaufnahmen im Zentrum der Stadt

Helli, Benny und Stefan haben eine fast ausgetrunkene Maß vor sich, es ist zwölf Uhr mittags am Montag, und die Stimmung ist bestens. Sie sitzen im Biergarten auf den Viktualienmarkt, eigentlich wären sie jetzt in Frankreich, beim „Spezi-Urlaub machen“, nun sind sie hier, im „Biergarten-Urlaub“. Allein, dass dies wieder möglich ist, auch bei diversen Beschränkungen, aber kaiserlichem Frühsommerwetter, wäre allein schon der Besuch wert, sagen die drei praktisch unisono.

Bis jetzt bilden sich keine Schlangen vor dem Eingang zu einem eingezäunten Biergarten – wo früher Fluktuation zwischen den Ständen und der Schänke bestand, herrscht heute striktes Reglement auf behördliche Anweisung. Die Wirtsfamilie Hochreiter hat zugunsten hygienischer Auflagen auf einen Selbstbedienungsbereich, der praktisch unkontrollierbar wäre, auf den Großteil ihrer fast 1000 Plätze verzichtet und bewirtet nun rund 250 Gäste streng nach Vorschrift mit maskiertem Servicepersonal. Auch die Bestuhlung wurde diesbezüglich angepasst – wo sonst acht+ Personen sich an einem Tisch versammelten, sind jetzt nur maximal vier Personen (zwei plus zwei aus verschiedenen Haushalten mit 1,5 Meter Abstand) zugelassen. Laut Werner Hochreiter hat das die Auslastung so drastisch verringert, dass von einem effizienten Wirtschaften keine Rede mehr sein kann. Doch man ist sich der Verantwortung als Biergarten im „Bauch der Stadt“ bewusst – und bei einer kleinen Umfrage unter den Gäste hat sich bestätigt, dass die Leute wieder raus in den Biergarten, ihre Freunde und Bekannte wiedersehen, zusammen in der Sonne sitzen, und auch auf Abstand ratschen und den Tag genießen wollen.

Szenenwechsel: Im Restaurant Blauer Bock am Sebastiansplatz serviert Stefan Grosse, der auch das gleichnamige Hotel leitet, im seinem Außenbereich zuerst einmal eine laminierte und reduzierte Speisekarte. Wie auch im Biergarten, muss sich der Gast dann mit Namen, Telefonnummer, E-Mail-Adresse, Tischnummer, Datum und Unterschrift registrieren, damit eine etwaige Nachverfolgung bei einem Corona-Fall stattfinden kann, hier gibt es auch die Möglichkeit, das per App zu erledigen. Sabine vom bestens eingespielten Service-Team leidet zwar unter der Maske, wäre aber froh endlich wieder zu arbeiten und versucht mit viel Charme von in Plastik verhüllten Servietten- und Besteck-Taschen abzulenken, bevor sie weiterhin Klassiker wie Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat, Tagliatelle mit Pfifferlingen und einem schönen Kabeljau mit kleinen Kartoffeln und Blattspinat empfiehlt. Die Tische sind weitläufig gestellt, der aufmerksame Wirt sorgt persönlich und streng für die Platzierung, er wäre wohl auf dem Kieker der Behörden, meint er. Das könnte sein, auch wegen seiner besonderen Lage und dem seit zwei Wochen anscheinend schwer zu kontrollierenden Treiben in der Nachbarschaft vom nördlichen Viktualienmarkt bis zur Schrannenhalle, wo an den Wochenenden der „Aperol-Spritz“ in Strömen floss und auch die verstärkten Polizeieinsätze wenig bis gar nichts, wie auch auf der Demonstration am 9. Mai auf dem Marienplatz, bewirken konnten.

Auch für den Wirt Ronny Herbert vom Moro in der Müller/Ecke Papa Schmidt-Straße ist das schwer nachvollziehbar. Verständlich: An der Isar zwischen Wittelsbacher- und Reichenbachbrücke feiern bei schönem Wetter Tausende (plus Jogger, Radler etc.), ohne Maske, ohne oder mit wenig Abstand, in kleinen und mittlerweile auch größeren Gruppen. Ronny kann seinen Betrieb nur im Familienverband mit seinem Freund Bank und einer Aushilfe aufrechterhalten. Obwohl ihm die Augustiner Brauerei für April und bis Mitte Mai die Pacht erlassen hat, laufen die Nebenkosten (ca. 7500 Euro im Monat - Gema, GEZ, Strom, Versicherungen, Kassen-Leasing, Telefon etc.) ja weiter. Die Soforthilfe wäre sofort aufgebraucht gewesen, das Kurzarbeitergeld, das er erst einmal vorstrecken musste, wurde jetzt für März ausbezahlt. Seine Tische hat er von 13 auf neun reduziert, klar, auch hier dürfen in der Regel nur jeweils zwei Personen sitzen. Die großen Tische hat er gar nicht erst aufgebaut – in seinem auch viel von der LGBTQ-Szene frequentiertem Lokal, würden diese sogenannten „Familientische“ wenig Rolle spielen, den die sind normalerweise von Vereinen und Verbänden belegt, und die wohnen selten in einem Haushalt.

30 Prozent Umsatz verspricht er sich, das deckt sich mit den Prognosen der anderen Wirte, die dazu auch noch höhere Personalkosten haben. Da fragen sich natürlich alle: wie lange soll dieser Zustand dauern? Wie lange hält das gemeinsame Credo „Wir sind wieder da“? Und wie kommen die Einschränkungen bei den Gästen auf Dauer an? Eins steht fest – ohne staatliche Subventionen, werden auch etablierte Innenstadt-Gastronomen diesen Zustand, auch ohne Tourismus, nicht lange durchhalten können. Von kleinen Überzeugungstätern ohne Laufkundschaft oder Außenplätzen ganz abgesehen. Wie sollen die das stemmen, mit 30 Prozent?

Und: Wenn seit den Lockerungsmaßnahmen - nach „Copacabana“ an der Isar, nach „Aperol Spritz“-Fasching am Viktualienmarkt ohne Maske und nach Demo-Massenveranstaltungen - nach einer Inkubationszeit von 14 Tagen am nächsten Wochenende kein ansteigenden Infektionszahlen zu vermelden sind – ist dann das Virus besiegt? Oder kommt wieder ein Lockdown? Diese Frage stellen sich nicht nur Gastronom*innen.

Autor: Rainer Germann

Auch interessant

Verlosung

Im Namen des Vaters

Im Namen des Vaters

Gastro-Kritik

Unter dem Vulkan

Unter dem Vulkan

Eventtipp

Live-Kultur ist möglich: Frischluft im Park

Live-Kultur ist möglich: Frischluft im Park

Verlosung

Anpfiff! Flanke! Tooor!

Anpfiff! Flanke! Tooor!