Ansichtssache

Miriam Cahn im Haus der Kunst: Die Entnormung der Welt

Die Miriam Cahn Ausstellung bis 27. Oktober im Haus der Kunst

Das Haus der Kunst feiert die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn mit einer Werkschau

1982 erhält Miriam Cahn eine Einladung zur documenta. Geplant war eine Rauminstallation, die aus einem männlichen und einem weiblichen Bilderzyklus bestand, die in einem Raum an gegenüber liegenden Wänden aufgehängt werden sollten. 

Kurz vor der Eröffnung erfuhr die Schweizer Künstlerin, dass der weibliche Part abgehängt würde, um spontan und entgegen aller Absprachen Platz zu schaffen für einen weiteren Künstler. „‚Das ist doch viel schöner so‘ sagten sie damals zu mir.“, erzählt Miriam Cahn. „Aber das ist eben der Vorteil von meiner leichten Kunst, die kann man sehr schnell abhängen und mit ins Hotelzimmer nehmen.“ Was sie dann auch tat und eben nicht an der documenta teilnahm. Schluss, aus, fertig. Da ließ die damals 33-Jährige nicht mit sich verhandeln. Ob es Zufall war, dass gerade der weibliche Part abgehängt werden sollte? Nicht bei einer Künstlerin wie Cahn, die sich seit den 1960er Jahren politisch feministisch engagiert und mit den sozial-gesellschaftlichen Geschlechternormen auseinandersetzt. 

Alle Termine der Miriam Cahn Ausstellung im Haus der Kunst auf events.in-muenchen.de

Rückblickend betrachtet ist dieser Vorfall also sehr viel mehr als eine Anekdote aus dem Kunstbetrieb, sondern kann als Zeichen einer Welt gedeutet werden, die nicht weiß, wie sie mit dem weiblichen Teil der Menschheit umgehen soll. Versteht man Cahns Arbeiten als ihren Kunstkörper, bekommt dieser Vorfall auch eine Art performative Komponente. Körper, die sich verdrängen. Und auch wenn Cahn zeichnet und malt, mit Kohle, Kreide und Ölfarben, oft auf dünnem Pergamentpapier oder klassisch auf Leinwand, kommt sie eigentlich von der Performance-Kunst, die in den 1970er Jahren mit Künstlerinnen wie Valie Export oder Marina Abramović einen weiblichen Höhepunkt erlebte. 

Der Körper als Werkzeug, als Medium, als politischer Erlebnisraum, das war es, was Cahn interessierte: „Der Körper ist das Zentrum, von dem alles ausgeht.“ Dieses Prinzip übertrug sie auf die Malerei, denn malen wollte sie schon immer. Mit der Ausstellung „Miriam Cahn. Ich als Mensch“ zeigt das Haus der Kunst über 200 Arbeiten aus allen Schaffensperioden. Zu sehen sind Zeichnungen, Ölbilder, Skulpturen, Super-8-Filme ... Und immer geht es um den Menschen. Darum, ihn von Normen zu befreien und als das zu zeigen, was er ist: ein nacktes Wesen. Ausgehend vom subjektiven Erleben und Empfinden sucht Cahn im freien Fließen des künstlerischen Prozesses nach Momentaufnahmen, die das „Es“ im „Ich“ abbilden. 

Ihre frühen, großformatigen Arbeiten aus den 1970er Jahren sind genau das: performativ. „Reingehen – machen – rausgehen. So habe ich damals gearbeitet, direkt auf dem Boden. Erst, wenn das Bild in einer Ausstellung hing, habe ich richtig gesehen, wie es aussah.“ Und sobald das Bild, die Zeichnung fertig ist und der Prozess vorüber, verliert sich Cahns Interesse an den Arbeiten. „Für mich sind das zwei Welten, das Kunstmachen und das Zeigen. Natürlich will man zeigen, was in einem entstanden ist. Und es ist schön, dass ich das kann. Aber Kunst hat nichts mit Karriere zu tun. Es geht darum, etwas zu machen. Wenn ich keine Ausstellungen hätte, würde ich trotzdem arbeiten.“ 

Ob diese Haltung eine eher weibliche ist? Und inwiefern dieses einordnende Reflektieren wiederum eine normierte Vorstellung einer Künstlerin sein könnte? Die Entnormung der Welt. Die Befreiung des Menschen. Das ist Cahns Motivation und Vision. Stark und klar, aber offen und suchend.

Autorin: Barbara Teichelmann

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