Ortsgespräch

Svenja Weimann - Vom Flirt mit der Maske

Svenja Weimann

Bei Vanook in Untergiesing macht sie tolle Mode. Und natürlich Corona-Masken. Doch Svenja Weimann will den Blick aufs Wesentliche lenken – unsere schönen Augen.

Liebe Frau Weimann, Sie sind Modedesignerin und schon länger erfolgreiche Unternehmerin vor allem für tolle Accessoires wie Bags und Taschen. Hand auf Herz: Wie viel inneren Widerstand hat es Sie zunächst gekostet, etwas dann doch so vergleichsweise Profanes wie Corona-Masken zu schneidern?
Meine Partnerin Veronika Wagner bei Vanook und ich haben uns anfangs dagegen gesträubt. Wir sind zum Masken-Machen mehr oder weniger genötigt worden.

Tatsächlich?
Auslöser war Vronis Onkel. Er pflegt die Großmutter und brauchte unbedingt eine Maske. Daher meinte er, wir sollten uns doch einen Ruck geben und ihm einfach mal vier oder fünf Masken nähen.

Wie bei so vielen Kollegen in der Stadt der Einstieg in ein ungeahntes neues Geschäftsfeld: Vanook.com hat ja jetzt auch Masken im Web-Shop.
Eigentlich hatten wir uns da schon mit der Corona-Flaute abgefunden. Der Verkauf von den schönen Sachen, die wir eigentlich machen, war extrem zurückgegangen. Wir wollten die Zeit nutzen, um in unserer Werkstatt die vielen Projekte endlich mal aufzuarbeiten, die zuvor liegengeblieben waren. Und dann kam Vronis Onkel mit den Masken daher. Eigentlich wollten wir uns mit dem Thema gar nicht beschäftigen.

Warum eigentlich?
Schwierig zu sagen. Wir fühlten uns irgendwie gehemmt. Ihm zuliebe haben wir es dann ja doch gemacht. Zunächst mussten wir erst einmal rumprobieren. Nach und nach kamen wir darauf, dass man aus Masken auch – den Umständen entsprechend – etwas Schönes machen kann.

Woher kam denn Ihr Unbehagen?
Ich empfand die Masken als bedrückend. Plötzlich sah man auf der Straße, im Supermarkt überall diese Maskierten!

Klar, daran musste man sich schnell gewöhnen.
Vielleicht hat es auch mit unserem Kulturkreis zu tun. Bei Masken hat man zunächst einmal nur negative Assoziationen. Wer eine Maske trägt, hat etwas zu verbergen. Und tatsächlich entzieht sie ja auch etwas ganz Wichtiges dem Blick der anderen – einen großen Teil seines Gesichts. Normalerweise stuft man den Anderen per Optik-Check ja ein und kann ihn besser einordnen. Es sind ja ganz schnell immer mehr Masken im Straßenbild aufgetaucht. Viele davon sind halt so „ok-Masken“, wie ich finde.

Was stört Sie an denen?
Oft schüren sie das Gefühl von Beklemmung noch stärker. Virus überall! Manchmal sieht es ja fast so aus, als ob die Leute, die diese Filtermasken tragen, direkt aus dem Operationssaal auf die Straße gelaufen wären. Mich gruselt’s dann.

Nachvollziehbar, na klar.
Die Krankheit wird uns ja wohl noch einige Zeit begleiten. Daher ist es mir wichtig, eine Maske zu tragen, mit der ich mich einigermaßen wohl fühle. Und das ist dann auch eine Maske, mit der ich hoffentlich nach außen freundlicher und positiver wirke. Ich denke an Leute, die am Arbeitsplatz oder jetzt verstärkt wieder zurück im Büro Masken tragen: Sie möchten doch sicher etwas haben, was ein bisschen besser zu ihrem Typ passt. Oder zu ihrer Haut. Oder zu ihrer Augenfarbe.

So richtig freiwillig trägt ja niemand Masken. Dass sie ihren Zweck erfüllen, daran besteht aber kaum ein Zweifel. Kann eine Maske jemals auch ein gutes Stück Mode sein?
Noch schwer zu sagen. Eine Maske reduziert die Möglichkeiten, mit denen wir uns üblicherweise ausdrücken. Man muss nur an Frauen mit Make-up denken, die sonst etwa bewusst ihre Lippen oder Augen hervorheben. Die Maske nimmt den ganzen Effekt weg. Sie ist etwas Erzwungenes. Man muss und sollte natürlich eine Maske tragen, man hat aber immer noch die Wahl, sich für die eine oder die andere zu entscheiden. Auch mit einer Maske kann man nach außen hin etwas vermitteln. Ich würde sie aber trotzdem nicht als Mode betrachten. Sie ist einfach notwendig. Aber es lohnt sich, das Beste herauszuholen.

Wird die Maske zur neuen Visitenkarte?
Ich denke nicht, dass sie zum Fashion Statement werden sollte. Aber sie kann eine Haltung ausdrücken. Man sieht ja aufgedruckte Smileys. Oder die berühmte rausgestreckte Zunge der Rolling Stones. Und es gibt auch schon Leute, die zehn verschiedene Masken besitzen, damit sie farblich jeweils möglichst perfekt zu ihrem Outfit passen. So was gefällt mir natürlich, wenn man das Thema Masken von der modischen Seite ernst nimmt. Aber gleichzeitig hoffe ich, dass wir das Thema mit viel Glück schnell wieder hinter uns lassen können. Eine Sache an den Masken finde ich allerdings ziemlich großartig.

Tatsächlich, welche denn?
Man schaut den Leuten intensiv in die Augen. Das ist doch toll. Plötzlich ist der Blick der einzige Schlüssel, über den man Rückschlüsse ziehen kann. Nur über den Blickkontakt kann man herausfinden, ob das Gegenüber lustig oder entspannt drauf ist. Und vielleicht sogar lächelt. Masken nehmen so viel von dem weg, was unser Gehirn normalerweise beim Blick auf andere Menschen zu verarbeiten hat. Die Leute sind auf der Suche nach Emotionen. Jetzt werden die Blicke wichtig. Wie schön!

Sollte man drauf achten. Und vielleicht sogar schulen.
Das würde ich mir auch für „Nach-Corona“ wünschen. Wir schärfen gerade wieder unsere Sinne. Ich fände es schön, wenn das so bleibt. Wer offen um sich sieht, kann mit den Blicken viel anfangen.

Flirten mit und hinter der Maske?
(Lacht) Auf jeden Fall! Wenn man in der Bäckerei steht und einkaufen möchte, muss man hinter der Maske jetzt ja meistens ungewohnt laut und überdeutlich sprechen. Und es fällt ohne sichtbares Lächeln gar nicht so einfach, dem Verkäufer oder der Verkäuferin zu signalisieren: „Danke! Wie cool, dass du diesen Job machst.“ Wie schön, dass Flirten mit der Maske ganz still, sinnlich und spannend sein kann. Mit unseren Augen.

Interview: Rupert Sommer

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