
Immer wieder auf verklemmten Moralvorstellungen und die nicht weniger bigotte Wertewelt der kleinen Städte kommt Maximilian Brückner in seiner ersten Regie-Arbeit zurück. Der eben erst in Saarbrücken ausgemusterte „Tatort“-Kommissar hat sich mit "Magdalena" von Ludwig Thoma eines dramatischen Stücks angenommen, das sogar nicht die heile Lausbubengeschichten-Welt zeigt, sondern von einer moralinsauren Ordnung erzählt, die völlig aus den Fugen geraten ist. Nur vordergründig ein Volksstück, in dem „gefensterlt“ wird, tun sich hier allertiefste Abgründe auf. Bauerntocher Magdalena wird vorgefworfen, für ihre Liebesdienste Geld zu nehmen. Als ihr Vater von der aufgebrachten Dorfmeute bestürmt wird, greift er zum Messer... "Jetzt reißt’s as naus in d’Schand!". Ein Clou dabei: Florian Brückner spielt die weibliche Hauptrolle!
John Gabriel Borkman
In den Kammerspielen
So richtig gemütlich ist das Setting von Henrik Ibsens dramatischen Winterstück natürlich nicht. Der Titelheld, ein verknöcherter alter Bankdirektor, der wegen Veruntreuung fünf Jahre ins Gefängnis musste und dadurch natürlich seinen Ruf verspielt hatte, dreht im Obergeschoss der Familienvilla seine einsamen Kreise. Unten treffen die Borkman-Zwillingsschwestern zusammen, von denen sich Ella auf ihren nahen Tod vorbereitet. Ihr Neffe Erhart soll nicht nur ihr Sterbebegleiter werden, sondern das Unmögliche wagen: die Ehre der Borkmans widerherstellen. Doch der junge Mann sperrt sich bockig. Für Regisseur Armin Petras wirkt das Dahinsiechen der spätkapitalistischen Ideologie derzeit natürlich hochaktuell. „Man kann nichts ausbeuten, ohne selbst schweren Schaden zu nehmen“, sagte er. Womöglich hat er damit recht.
Wassa
In den Kammerspielen
Bei Familie Schelesnowa hängt der Haussegen schief. Die titelgebende Geschäftsfrau Wassa aus Maxim Gorkis 1905 enstandenem russischen Sozialdrama sträubt sich mit Händen und Füßen gegen den Untergang ihrer Sippe. Wie ein Bärenmama kämpft sie für ihre Familie, die sie mit groteskem Materialismus, aber auch viel ehrlicher Mutterliebe zusammenzuhalten versucht. Doch ihre Kinder sind nicht nur moralisch verkommen, unfähig, sondern gelegentlich auch einfach nur so todunglücklich. „Wenn unser ganze Zivilisation zusammenbricht“, so der lettische Regisseur Alvis Hermanis, „ist die einzige Hoffnung, dass zumindest eine schwangere Frau übrig bleibt, mit der alles von vorn beginnen kann. Es gibt wenige Dinge, die in unserer heutigen Welt noch stabil und unstreibar sind. Die Liebe einer Mutter ist real.“ So ist es wohl.
Erpressung
Im Residenztheater
"Ich lebe in einem korrupten, verwundeten Land, in abgrundtiefe Rohheit herabgesunken. Seit langer Zeit erstarrt dieses Land in der immer gleichen theatralischen Darstellung, bestehend aus stillschweigend hingenommenen Lügen, Machtmissbräuchen und Erpressungen." Alles andere als vorbildlich, dafür mit Sicherheit sehr theatralisch war der Lebenswandel des Signore Berlusconi, von dem im vergangenen Jahr hoffentlich das letzte Kapitel geschrieben wurde. Der italienische Regisseur Pippo Delbono hat lange genug an den Lügen, krassen Machtmissbräuchen und Liederlichkeiten des gar nicht ritterlichen Cavaliere gelitten. In seiner Theatermeditation setzt er sich mit den Mächtigen, ihren verzweifelten Intrigen und gewissenlosen Strategien auseinander und erzählt, beeinflusst von asiatischen Körper- und Schauspieltechniken, eindrucksvoll vom Scheitern.
Gyges und sein Ring
Im Residenztheater
Rein in die untergegangene Welt der Göttergläubigen: Die wunderschöne, aber ebenfall streng verschleierte Rhodope, Gattin des mythischen Königs Kandaules, zieht große Männer-Neugierde auf sich. Alle wollen wissen, wie sie unverhüllt aussieht. Einer könnte den Augenmenschen weiterhelfen: Gyges und sein Ring. Gemeint ist ein Zauberring, der seinem Träger die magische Kraft verleiht, sich unsichtbar zu machen. Unbemerkt schleicht sich der Eindringling in Rhodopes Schlafzimmer. Friedrich Hebbel lässt sich in seinem selten gespielten Drama, das Nora Schlocker neu inszenierte, auf eine spannende Frage ein – den Kontrast zwischen alter Glaubenskraft und dem zerstörerischen Drang der Aufklärer, auch noch das letzte Geheimnis zu enträtseln.
Das Ende des Regens
Jetzt im Cuvilliéstheater
Wenn in Alice Springs Fische vom Himmel fallen, muss das nichts Schlechtes heißen. Vielleicht markiert es das hoffnungsvolle Ende einer Generationen überdauernden und Kontinente umspannenden Familientragödie, die im London der 1960er Jahre ihren Anfang nimmt. Es ist eine Geschichte von Schuld, Schweigen und Tod, die wie ein Fluch über den Familien Law und York liegt und die Schicksale der nachkommenden Generationen bewegt. Der australische Dramatiker Andrew Bovell hat eine 80 Jahre umspannende Saga geschaffen über Menschen in einer immer kleiner werdenden Welt, über ihre Einsamkeit und Sehnsucht nach Liebe und Empathie. Der Rumäne Radu Afrim, der für seine leuchtend-surrealen Inszenierungen moderner Großstadtgeschichten 2009 mit dem KulturPreis Europa ausgezeichnet wurde, arbeitet zum ersten Mal an einem deutschsprachigen Theater.